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Serie A

Heute vor 25 Jahren: Als George Weah einfach mal losmarschierte

Guido Müller
Wurde 1995 Europas Fußballer des Jahres und FIFA-Weltfußballer: George Weah
Wurde 1995 Europas Fußballer des Jahres und FIFA-Weltfußballer: George Weah / -/Getty Images
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Tore sind die Essenz des Fußballs. Ob opportunistische Abstauber aus einem Meter Entfernung oder kraftvolle Kopfbälle, ob spektakuläre Weitschüsse oder krönende Abschlüsse nach Solo-Laufen: sie alle zählen. Und verändern nicht selten die Statik eines ganzen Spiels. Doch was die Fans rund um den Globus, ob in den häuslichen vier Wänden, in den Kneipen und Cafés oder in den Stadien selbst ins Schwärmen bringt, sind diese unsterblichen Treffer, die sich auf Lebenszeit in unser Gedächtnis brennen. Wie George Weahs Tor am 8. September 1996.


Auch schon wieder 25 Jahre her. Wie die Zeit läuft. Und dennoch: selbst ein Vierteljahrhundert danach ist meine Erinnerung an diesen Treffer noch so frisch, als hätte ihn der liberianische Superstar seiner Epoche erst gestern erzielt.

Ich muss vorwegschicken: live habe ich dieses fantastische Tor nicht erlebt. Doch selbst nach Spanien, wo ich zu der Zeit lebte, drang die Kunde eines "gol increíble", eines unglaublichen Tores, noch am selben Tag.

Es war der 8. September 1996. Saisonstart in der Serie A. Im nur mit 50.000 Zuschauern gefüllten San Siro zu Mailand empfing der Titelverteidiger AC Mailand den Aufsteiger Hellas Verona. Eine scheinbar klare Angelegenheit - und für viele Milanista deshalb offenbar kein Grund, ins Stadion zu gehen.

Erste Hälfte ging an Hellas

Sie sollten eines der schönsten Tore der Vereinsgeschichte verpassen. Doch der Reihe nach. Den Anfang machten die Gäste aus der Stadt von Romeo und Julia. Mit der Unbekümmertheit eines Teams, das absolut nichts zu verlieren hatte, machten die Veronesen es den Hausherren zunächst schwerer als erwartet.

Die etwas überraschende Führung aus der 25. Minute durch Antonio de Vitis retteten sie zumindest bis in die Halbzeitpause. Die Standpauke ihres uruguayischen Trainers Óscar Tabárez dürfte für die Milan-Stars um Paolo Maldini, Marcel Desailly, Zvonimir Boban, Roberto Baggio oder George Weah vor allem eins gewesen - laut.

Entsprechend neu eingestellt kamen die Rossoneri dann auch aus der Kabine. Bereits nach vier Minuten besorgte Marco Simone den Ausgleich. Und der stets im Schatten der großen Milan-Stürmer (van Basten, Weah, usw.) stehende Angreifer besorgte eine gute Viertelstunde auch die Führung.

Das Spiel schien fortan in den erwarteten Bahnen zu verlaufen. Doch die Mailänder verpassten es in der Folgezeit, den Deckel draufzumachen. Dementsprechend bekamen die Veronesen zum Ende der Partie nochmal ihre zweite Luft - und bedrängten das von Sebastiano Rossi gehütete Tor.

Ein Solo-Lauf von Strafraum zu Strafraum

In der 86. Minute gab es sogar noch einmal Eckball für die Gäste. Diese segelte einmal durch den Strafraum der AC - und landete bei: George Weah, der sich auch für Defensiv-Arbeit nie zu schade war.

Was dann folgte, ist Fußball-Geschichte. Zunächst einmal pflückte der Liberianer das Leder im eigenen Strafraum mit dem Außenrist runter, als handelte es sich um ein locker-flockiges Trainingsspielchen. Diese Aktion allein sorgte schon für ein Raunen im weiten Rund. Und dann marschierte der Afrikaner los.

George Weah
Einer der großartigsten Stürmer der Fußball-Historie: George Weah / Claudio Villa/ Grazia Neri/Getty Images

Ihm bot sich dabei ein riesengroßes Loch, das die aufgerückten Hellas-Spieler hinterlassen hatten. Und Weah stieß in selbiges hinein.

Am Mittelkreis wurde er erstmals ernsthaft attackiert, konnte aber drei Verona-Spieler (!) auf einmal hinter sich lassen. Den vierten Verteidiger trickste er per Bauerntrick (Ball rechts vorbei, Körper links) aus - und hatte dann nur noch Hellas-Keeper Attilio Gregori vor sich, dem er mit einem Schuss aus 15 Metern keine Abwehrchance ließ.

Was für ein Tor des genialen Stürmerstars. Roberto Baggio war es zwar noch vorbehalten, für den 4:1-Endstand zu sorgen, aber rund um das Stadio Giuseppe Meazza, und kurz danach auch in ganz Fußball-Europa, gab es an diesem Nachmittag nur noch ein Thema...


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