Frauen-EM

Raus aus dem Schatten: Die EM der Torhüterinnen

Alina Ruprecht
Robbie Jay Barratt - AMA/GettyImages
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Bei großen Turnieren, wie der EM 2022 in England, geht es hauptsächlich um Tore. Das breite Publikum tendiert dazu, die Qualität eines Spiels anhand der Anzahl an Treffern, die ins Netz gingen, zu beurteilen. Die größte Aufmerksamkeit gebührt dabei den namhaften Stürmerinnen bzw. Offensivspielerinnen, die für die Tore sorgen.

Andere, zentrale Akteurinnen auf dem Rasen werden dabei eher in den Hintergrund gedrängt. Dies trifft vor allem auf die Torhüterinnen der Mannschaften zu. Doch bei der EM sind sie plötzlich in aller Munde.


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"Ja, das ist so gegeben", antwortet Hedvig Lindahl auf die Frage, ob Torhüterinnen bei großen Turnieren übergangen werden. Sie sprach im Juni während des schwedischen Pre-Camps exklusiv mit 90min über ihre Rolle bei der EM. "Torhüterinnen sind im Wert knapp über den SchiedsrichterInnen. Aber wir wissen, dass wir 50% [unserer] Team sind, und das ist genug."

Lindahl gab ihr Turnierdebut für die schwedische Nationalmannschaft bei der EM 2002. Seitdem hat sich viel verändert, auch die Rolle der Spielerinnen zwischen Pfosten. "Ich hatte [mit der fehlenden Aufmerksamkeit] zu kämpfen, als ich jünger war und es wichtig war, gesehen zu werden und so", gesteht Lindahl. Heute und fast 200 Länderspiele hat sich ihre Sichtweise geändert. "Ich kenne den Wert einer Torhüterin und bin damit zufrieden. Man erkennt [die Wichtigkeit], wenn [die Nummer Eins im Tor], aus welchem Grund auch immer, nicht verfügbar ist. Dann sieht man, wie ein Team zu kämpfen hat."

Hedvig Lindahl
Hedvig Lindahl ist eine große Persönlichkeit und der Rückhalt des schwedischen Nationalteams im Tor / Maja Hitij/GettyImages

Von einer ähnlichen Szene ging man auch am 09. Juli aus, als die amtierenden Europameisterinnen aus den Niederlanden in ihrem ersten EM-Gruppenspiel auf Schweden trafen. Kapitänin und Legionärin Sari van Veenendaal verletzte sich in der ersten Halbzeit schwer an der Schulter und musste ausgewechselt werden. Für sie war das Turnier in diesem Moment bereits vorbei. An der Seitenlinie stand ihr noch unbekannter Ersatz bereit: Daphne van Domselaar.

Für die 22-jährige Keeperin vom FC Twente war es erst der zweite Länderspiel-Einsatz für Oranje. Doch das merkte man ihr keinesfalls an. Dominant und selbstbewusst beherrschte sie sogleich den Strafraum und kommunizierte lautstark mit ihren Verteidigerinnen. Mit diversen Glanzparaden gegen die sonst so offensivstarken Schwedinnen hielt van Domselaar ihr Team im Spiel. An dem 1:1-Endstand war die junge Torhüterin maßgeblich beteiligt.

Daphne Van Domselaar
Großer Erfolg nach ungewöhnlichem Turnier-Einstand / Soccrates Images/GettyImages

Ihre Geschichte schrieb sich weiter bis ins Viertelfinale. Im Spiel gegen Frankreich verbuchte sie dort unglaubliche zehn Paraden, mehr als jede andere Torhüterin. Weitere starke Heldentaten zwischen den Pfosten brachten der neuen Nummer Eins der Niederlande viel Anerkennung und Aufmerksamkeit. Viele ihrer Paraden gingen in den sozialen Medien viral. Auch trotz des bitteren Ausscheidens von Oranje gegen Frankreich gilt van Domselaar als eine der großen Entdeckungen des Turniers.

Daphne van Domselaar
Eine von mehreren Glanzparaden van Domselaars während der EM / Eurasia Sport Images/GettyImages

Ein weiterer Name, der eng mit der EM 2022 verbunden ist, ist jener von Nicky Evrard. Mit der Belgierin lief eine weitere Torhüterin während der bisherigen Spiele zu ungeahnten Höchstleistungen auf. An ihr mühten sich nicht nur diverse Top-Stürmerinnen ab. Einer der Turnier-Höhepunkte war Evrards gehaltener Elfmeter gegen Frankreichs Kapitänin Wendie Renard.

Während Belgien als Underdogs ins Turnier gestartet war, entwickelte sich die Mannschaft schnell zum Überraschungsteam, das der Konkurrenz aus Frankreich und Italien über lange Strecken die Stirn bot. Beim bejubelten Einzug ins Viertelfinale als Gruppenzweiter spielte auch Torhüterin Evrard einen große Rolle. Bemerkenswert dabei ist, dass sie, wie auch einzelne Teamkolleginnen, nicht als professioneller Vollzeit-Profi spielt.

Nicky Evrard
Belgiens EM-Heldin Nicky Evrard / Jonathan Moscrop/GettyImages

Das hinderte die Belgierin jedoch keinesfalls daran, einen "Player of the Match"-Award abzustauben. Diese gehen traditionell seltener an Torhüterinnen, als an Offensiv-Spielerinnen. Besonders war auch das Spiel, in dem sie ausgezeichnet wurde, nämlich im verlorenen Viertelfinale gegen Schweden (0:1). Evrard verbuchte sieben Paraden gegen die Skandinavierinnen. Im ganzen Turnier wehrte sie insgesamt 21 Torschüsse ab (durchschnittlich 5.25 Saves pro Partie).

Zudem musste die Torhüterin nur viermal hinter sich greifen und kann sich mit gleich zwei gehaltenen Elfmetern rühmen.

UEFA Women's Euro England 2022"France - Press Conference And Training Session: Quarter Final - UEFA Women's EURO 2022"
Eine von sieben Heldentaten Evrards im Spiel gegen Schweden / ANP/GettyImages

Auch weitere Torhüterinnen machen bei der EM von sich reden. Die Nummer Eins im deutschen Tor, Merle Frohms, hat bis zum Halbfinale kein einziges Gegentor kassiert. Das ist in diesem Turnier keiner anderen Keeperin gelungen.

Zwar mag dies auch an der stabilen Defensivkette vor ihr liegen. Dennoch griff Frohms bisher immer sicher und verlässlich ein, wenn es vor dem deutschen Tor gefährlich wurde. Besonders ihre Heldentat im Gruppenspiel gegen Spanien wird vielen begeisterten Fans in Erinnerung bleiben.

Auch die Torhüterin der dänischen Nationalmannschaft sorgte mit einigen Szenen für großes Staunen und Begeisterung bei den Fans. Ihre Glanzparade gegen Finnland in einer der letzten Minuten der Partie bescherte ihrem Team doch noch drei Punkte, bevor es gegen Spanien das EM-Aus setzte.

"Natürlich liegt ein großer Fokus auf denjenigen, die die Tore schießen", sagt Zećira Mušović im Gespräch mit 90min. "Aber ich denke, dass es auch große Aufmerksamkeit für die Torhüterinnen gibt, die großen Saves und gehaltenen Strafstöße." Mušović ist derzeit die Nummer drei im schwedischen Tor und blickt bisher auf eine wesentlich kürzere Karriere zurück als ihre Team-Kollegin Hedvig Lindahl. Diese verschiedenen Perspektiven verdeutlichen die verbesserte Anerkennung für die Torhüterinnen. Mušović gibt sich dennoch nicht zufrieden: "Aber natürlich, ich bin eine Keeperin und fände es toll, wenn es noch mehr Aufmerksamkeit für die Position geben würde."

Um diese Sichtbarkeit zu schaffen, nimmt die Schwedin, die beim FC Chelsea unter Vertrag steht, vor allem die Medien in die Pflicht. "Sie haben einen großen Einfluss auf dieses Thema", betont Mušović. "Wenn man die wichtigen Paraden, die wir machen, sehen kann und wenn sie hervorgehoben werden, dann, denke ich, wird die Torhüterinnen-Position noch cooler sein, als sie es aus einer taktischen Sichtweise ist."

Zecira Musovic
Zećira Mušović fordert noch mehr Sichtbarkeit für die Torhüterinnen / David Lidstrom/GettyImages

Durch Auszeichnungen, wie jene von Nicky Evrard, wird ebenfalls aktiv dazu beigetragen, den alleinigen Fokus auf die Torjägerinnen bei der EM zu beenden. Längst taucht auf die Frage, wer wohl den "Golden Glove" gewinnt, immer häufiger im Kontext des "Golden Boot" auf.

Auffällig ist auch die niedrige Anzahl an individuellen Fehlern der Torhüterinnen im Verlauf dieser EM. Zwar leisteten sich Manuela Zinsberger (Österreich) und Sandra Paños (Spanien) spielentscheidende Patzer, die jedoch, im Vergleich zu früheren Turnieren, in der Minderheit sind. Eine zunehmende Anzahl an Klubs und Nationalmannschaften investiert mehr in die Analyse und das Training der Torhüterinnen. Im Hinblick auf die besonderen Herausforderungen und Bedürfnisse auf der Position erscheint dies auch notwenig. Zećira Mušović teilt diese Meinung und gibt Folgendes zu bedenken: "Ich denke, der Torhüterinnen-[Posten] ist ein individueller Sport im Team-Sport [Fußball]."

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Trotz individuellem Fehler im Viertelfinale gegen Deutschland überzeugte Manuele Zinsbergers Gesamtleistung im österreichischen Trikot / JUSTIN TALLIS/GettyImages

Auf Basis der bisherigen Leistungen der Torhüterinnen hat die EM das Potenzial, die Anerkennungen für die Position langfristig und dauerhaft zu steigern. Die Sichtbarkeit und der Respekt für die Keeperinnen haben sich, dank Social Media und diverser Auszeichnungen, bereits spürbar verbessert. Statt inhaltlich auf individuellen Fehler zu verharren, sorgen die Glanzparaden von Evrard, van Domselaar und Co. für wesentlich mehr Gesprächsstoff. Beide Torhüterinnen werden bereits hoch als Kandidatinnen für den Titel als Newcomerin des Turniers gehandelt. Auch dieser Ruf war früher eher Offensivspielerinnen vorbehalten.

Auch kann die EM einen Startpunkt für mehr professionelles Goalkeeping im Fußball der Frauen markieren. Man stelle sich nur vor, wie weit Evrard und Belgien es im Turnier gebracht hätten, wenn sie als Vollzeit-Profis tätig wären.

Nicky Evrard, Arianna Caruso
Torhüterinnen im Aufschwung dank der EM 2022? / Tullio M. Puglia/GettyImages

Im Hinblick auf die verbleibenden drei Spiele der EM lässt sich sagen, dass das Turnier viele verschiedene Potenziale für die Torhüterinnen offen gelegt hat. Deutschlands Nummer Eins hat sich bereits 2019 mit einem gehaltenen Strafstoß im Wembley Stadion einen Namen gemacht. Jetzt haben sie, aber auch ihre Kolleginnen der verbliebenen Mannschaften erneut die Chance, vor großem Publikum zu glänzen. Sie können die Erfolgsgeschichte der Torhüterinnen bei der EM 2022 nicht nur im finalen Kapitel, sondern auch für zukünftige Wettbewerbe prägen.


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