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FC Chelsea

Jorginho Europas Fußballer das Jahres: Darum ergibt diese Auszeichnung keinen Sinn

Dominik Hager
Ist Jorginho ein unverdienter Träger der Auszeichnung "Europas Fußballer des Jahres"?
Ist Jorginho ein unverdienter Träger der Auszeichnung "Europas Fußballer des Jahres"? / Michael Regan/Getty Images
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Ein wenig überraschend kürte die UEFA Chelsea-Star Jorginho zu Europas Fußballer des Jahres. Der frisch gebackene Champions-League-Sieger und Europameister setzte sich vor seinem Vereinskollegen N'golo Kanté und Kevin de Bruyne durch. Lionel Messi und Robert Lewandowski landeten nur auf vier und fünf. Doch ist die Auszeichnung für den Italiener wirklich gerechtfertigt?


Für den Mittelfeldspieler Jorginho war die Spielzeit 2020/21 natürlich eine absolute Traumsaison, die sich so auch nicht mehr wiederholen wird. Sowohl mit einem Champions-League-Triumph des FC Chelseas als auch mit einem EM-Tittel der Squadra Azzurra war eigentlich nicht unbedingt zu rechnen.

Mit diesen beiden Titeln in der Tasche war der gebürtige Brasilianer sicherlich der erfolgreichste Spieler der vorherigen Saison. Bereits die Vergangenheit hat gezeigt, dass die UEFA mit Vorliebe Spieler auszeichnet, die auch die großen Titel gewonnen haben und dabei nur bei Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi auch mal eine Ausnahme macht.

War Jorginho stärker als Messi, Lewandowski und Co?

Demzufolge hatten einige Experten Jorginho bereits auf der Rechnung. Stellt sich jedoch noch immer die Frage, ob die Wichtigkeit des Chelsea-Stars groß genug war, um ihn mit der Auszeichnung zu belohnen. Wird dürfen schließlich nicht vergessen, dass es sich um eine individuelle Auszeichnung handelt, die dem stärksten Spieler und nicht dem stärksten Team verliehen wird.

Allerdings werden nur wenige Leute bestreiten, dass Jorginho zwar ein guter Spieler ist, aber keinesfalls in einer Reihe mit Lewandowski, Messi, Ronaldo, De Bruyne oder auch Kanté steht. Man könnte also einfach auch sagen, dass Jorginho zum richtigen Zeitpunkt bei den richtigen Klubs unterwegs war. Dies trifft sicherlich zu großen Teilen zu. Beim FC Chelsea war prinzipiell Kanté die prägende Figur im Mittelfeld.

Jorginho vereint Passsicherheit und Stärke bei Elfmetern: Zu wenig für eine große Auszeichnung

Eigentlich hat Jorginho nur wenige Qualitäten, die ihn wirklich glänzen und von der Masse absetzen lassen. Zum einen ist seine unglaubliche Passsicherheit zu nennen. Bei Blues brachte der 29-Jährige 89 Prozent und beim italienischen Nationalteam gar 93 Prozent seiner Pässe an den Mann. Seine andere große Stärke sind Elfmeter. Ähnlich wie Robert Lewandowski besitzt er die Fähigkeit, den Torhüter beinahe bei jedem Versuch zu verladen.

Jordan Pickford, Jorge Luiz Frello
Das hätte teuer werden können: Jorginho vergibt im Elfmeterschießen gegen England / Visionhaus/Getty Images

Allerdings scheiterte er ausgerechnet im Finale gegen England, als er bereits den Matchball aufliegen hatte. Alleine durch diesen Fehlschuss hätten die Engländer die Chance auf ein Comeback gehabt. Zum großen Glück von Jorginho scheiterte Saka aber ebenfalls vom Punkt. Wäre die Angelegenheit anders ausgegangen, wäre der Spieler wohl gar nicht in den Anwärter-Kreis für die Verleihung hineingeraten.

Zudem sei auch gesagt, dass Jorginho zwar ein starker und sicherer Passspieler ist, aber eigentlich kaum wirklich gefährliche Bälle spielt. In der letzten Premier-League-Saison gab der Spieler lediglich eine Vorlage und spielte drei Großchancen heraus. In der Champions League steuerte er ebenfalls nur eine Vorlage bei. Statistiken, die belegen, dass der Spieler neben schönen Verlagerungen und Diagonalbällen häufig nur Sicherheitspässe spielt. Ein Toni Kroos wird genau für solche Dinge kritisiert. Allerdings gab der Real-Star alleine in der Liga zehn Vorlagen und bereitete elf Großchancen vor.

Selbst in der Defensiv-Bewegung sind die Zahlen von Kroos besser als jene von Jorginho. Der 31-Jährige gewann in der Liga 56 Prozent und in der Champions League 52 Prozent seiner Zweikämpfe. Der Chelsea-Star kommt auf eine Quote von 52 Prozent in der Liga und 41 Prozent in der Champions League.

Jorginho oft im Schatten von Kanté und für Fußballer-des-Jahres-Auszeichnung zu unauffällig

N'Golo Kante
N´Golo Kanté war der entscheidende Mann im Chelsea-Mittelfeld / Catherine Ivill/Getty Images

Tatsächlich hatte man auch immer den Eindruck, dass Chelsea-Nebenmann Kanté wesentlich mehr Pensum abspult als Jorginho. Der Franzose ist der klar bessere Balleroberer und treibt das Spiel mit seiner Power und Mentalität an. Europas neuer Fußballer des Jahres zeichnete sich eher durch seine Technik aus und ließ den Ball gut laufen. Zweifellos waren gerade diese Fähigkeiten gefragt, allerdings macht dies Jorginho noch nicht zu einem derart besonderen Kicker. Häufig wirkte der 29-Jährige gar ein wenig unauffällig, selbst wenn er viele Ballaktionen verzeichnen konnte.

Neben den Triumphen in der Champions League und bei der EM darf man auch nicht vergessen, dass der Spieler in den entscheidenden Premier-League-Spielen zeitweise wenig souverän agierte und ungewohnte Fehler in sein Spiel brachte. Dies hätte den Blues durchaus einen Platz unter den Top-Vier kosten können.

Alles in allem war Jorginho sicherlich ein wichtiger Bestandteil für die Titel von Chelsea und der Squadra Azzurra. Allerdings war er eben auch nur ein Bestandteil und nicht der Leader, der mit überragenden Leistungen die Titelgewinn möglich machte. Bei einer individuellen Auszeichnung darf das alleine nicht genug sein, damit sich ein Spieler gegen die absoluten Top-Stars Europas durchsetzt.

Letztlich hatten Lewandowski und Messi sicherlich das Problem, dass sie nicht die ganz großen europäischen Titel gewinnen konnten. N'Golo Kanté ist hingegen einzig und alleine am EM-Aus der Franzosen gegen die Schweiz gescheitert. Allerdings sollte die UEFA zukünftig wieder vorrangig die Leistungen der Einzelspieler belohnen. Genau dafür sind solche Ehrungen schließlich gemacht.

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