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Bayern München

Nagelsmann bremst Kimmich: "Wollte gar nicht in den Urlaub fahren"

Dominik Hager
Vom Ehrgeiz zerfressen? Joshua Kimmich steht der Siegeswille ins Gesicht geschrieben
Vom Ehrgeiz zerfressen? Joshua Kimmich steht der Siegeswille ins Gesicht geschrieben / Alexander Hassenstein/Getty Images
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Joshua Kimmich gilt als einer der ehrgeizigsten Spieler der Bundesliga. Der 26-jährige Mittelfeld-Leader ist kritisch gegenüber seinen Mitspielern und vor allem gegenüber sich selbst. In seiner bisherigen Karriere ist er durch seinen Willen und seine Mentalität weit gekommen. Doch welches Maß an Ehrgeiz ist eigentlich gesund? Für den FC Bayern könnte der unbedingte Siegeswille von Kimmich sogar zum kleinen Problem werden.


Wer beim FC Bayern und im DFB-Team in eine Leader-Rolle schlüpfen möchte, braucht selbstredend eine ordentliche Portion an Selbstantrieb und Motivation. Allerdings stellt sich bei Joshua Kimmich die Frage, ob er genau davon zu viel hat, wovon andere möglicherweise etwas zu wenig mitbringen.

Falscher Ehrgeiz kostete Kimmich fast die Karriere

Bereits in seinen Jugend-Stationen fiel Kimmich mit seinem außergewöhnlichen Ehrgeiz auf. Beim VfB Stuttgart kickte der heutige Bayern-Star drei Jahre unter den Schmerzen einer Schambeinverletzung, die er, wie er selbst zugab "nie so wirklich unter Kontrolle bekommen" hatte. Das Mittelfeld-Talent wurde damals von der Angst angetrieben, nicht in die nächste Jahrgangsstufe zu kommen und hat trotz seiner Probleme "immer weitergemacht" und damit fast seine Karriere weggeschmissen.

Erst nach seinem Wechsel zu RB Leipzig wurde Kimmich mit der Anweisung, drei bis vier Monate Pause zu machen, der Stecker gezogen.

"Wenn dieser Schritt dorthin nicht passiert wäre, glaube ich nicht, dass ich es geschafft hätte, auf Dauer stabil zu bleiben", gab Kimmich gegenüber der AZ zu.

Nagelsmann verrät Details aus Kimmich-Gespräch: "Wollte gleich zurück und nicht in den Urlaub"

Fraglich ist jedoch, ob Kimmich aus dieser Geschichte wirklich ausreichend Lehren gezogen hat. Sein enormer Wille brodelt schließlich unabdingbar in ihm und bringt ihn in Gefahr, unvernünftige Entscheidungen zu treffen. Definitiv unvernünftig wäre es zum Beispiel, nach einer enorm kräftezehrenden Saison auf den wohlverdienten Urlaub zu verzichten.

"Ich habe nach der EM mit Joshua Kimmich gesprochen. Er wollte sofort zurück und gar nicht in den Urlaub fahren. Er sollte sich noch einige Ruhephasen gönnen, um dann seine große Mentalität und auch große Qualität auf den Platz zu bringen", berichtete Julian Nagelsmann gegenüber Sky Sport.

Wie gut, dass Kimmich hierbei nicht das alleinige Sagen hat und vom Verein noch bis Ende Juli in den Urlaub geschickt wurde. Es wird aber offensichtlich, dass es in ihm ordentlich brodelt. Der perfektionistisch veranlagte Profi wird mit der abgelaufenen Saison jedenfalls nicht sonderlich glücklich sein, wodurch er aktuell auch nicht so richtig zur Ruhe kommt.

Joshua Kimmich, Leandro Paredes, Neymar Jr
Bitter: Kimmich zeigte ausgerechnet gegen Paris Saint-Germain keine gute Leistung / Xavier Laine/Getty Images

Ein Grund dafür ist sicherlich das Ausscheiden nach dem Champions-League-Rückspiel gegen Paris Saint-Germain. Der 26-jährige Mittelfeldspieler absolvierte ausgerechnet als es darauf ankam, seine vielleicht schwächste Partie der Saison. Der eigentlich so souveräne Bayern-Star machte zu viele Fehler und zeigte nicht die gewohnte Präsenz, die für ein Münchner Weiterkommen eigentlich unabdingbar gewesen wäre.

Alleine das Ausscheiden im Viertelfinale hätte schon dafür gesorgt, dass das Frust-Barometer in Kimmich nach oben ausschlägt. Allerdings musste er sich nach dem Schlusspfiff auch noch ansehen, wie Neymar und Leandro Paredes vor seinen Augen zu Jubelsprüngen ansetzten.

Noch schwerer dürfte auf den Unterlegenen aber gewirkt haben, dass seine eigene Leistung ausgerechnet an diesem Tag nicht stimmte.

Kimmich ist bekannt dafür, sich alle seine Spiel-Szenen anzusehen, genau zu analysieren und sich immer wieder selbst zu hinterfragen. Es dürfte demnach ein wenig gedauert haben, bis Kimmich dieses Negativ-Erlebnis verarbeiten konnte.

Negativer Saison-Abschluss durch Achtelfinal-K.o. gegen England

Mit der enttäuschenden EM erlebte Kimmich nur wenige Monate später einen erneuten Tiefschlag. Nach dem Aus gegen England bekamen wir einen völlig aufgelösten und kaum zu tröstenden Kimmich im Wembley-Stadion zu Gesicht. Wie es in diesen Minuten im Bayern-Star aussah, ließ sich schon recht gut erahnen.

Nur zu gerne hätte Kimmich seinen ersten großen Triumph mit dem DFB-Team gefeiert, nachdem bereits die WM 2018 in einem Fiasko endete. Dann ausgerechnet gegen den Erzrivalen England zu verlieren, macht das Ausscheiden natürlich umso bitterer. Wie beim Champions-League-Ausscheiden spielte Kimmich (auch der Taktik geschuldet) nicht so stark wie gewohnt. Abgesehen vom Portugal-Spiel konnte der Münchner das ganze Turnier lang nicht sein Potenzial abrufen.

Joshua Kimmich
Kimmich zeigte sich nach dem Ausscheiden gegen England tief enttäuscht / Markus Gilliar/Getty Images

Dieses zweite große Negativ-Erlebnis binnen weniger Monate dürfte Kimmich ordentlich angekratzt haben. Wütend über den ausbleibenden Erfolg und seine nicht ganz so stimmigen Leistungen beendete Kimmich die Saison 2021/22 mit einem absolut negativen Gemütszustand. Dieser dürfte die Wut, den Ehrgeiz und die Verbissenheit im 26-Jährigen weiter verstärkt haben.

All das lässt sich jedoch nicht durch einen Urlaub ausradieren, sondern (im Falle von Kimmich) nur durch den Gewinn weiterer Titel. Demnach ist es auch gar nicht erstaunlich, dass der Einstieg ins Training für den Spieler verlockender schien, als die Fahrt in den Urlaub. Zweites bedeutet schließlich Pause und Stillstand vom Fußball, was unmittelbar nach Negativ-Erlebnissen nicht ganz so leicht zu ertragen ist.

Der FC Bayern braucht einen ehrgeizigen und ausgeglichenen Kimmich

Allerdings besteht kein Zweifel daran, dass Kimmich im Urlaub derzeit einzig richtig aufgehoben ist. Selbst ein Leistungssportler kann nicht ein Jahr durchpowern und gleichzeitig in den wichtigen Momenten voll da sein. Dafür ist Regeneration ein genau so wichtiger Teil der Vorbereitung, wie das Training. Mit ein paar Tagen Ruhe im Rücken wird der Bayern-Star dies vermutlich auch eingesehen haben, nachdem die Emotionen durch das EM-Aus die Müdigkeit im Körper kurzzeitig überdeckt haben dürfte.

Für den Bayern-Star ist es nötig, neben seinem Ehrgeiz auch seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden, um den Verein bestmöglich unterstützen zu können. Generell benötigen die Bayern den unbedingten Siegeswille von Kimmich, der nicht nur sich selbst, sondern auch seine Kameraden zu Höchstleistungen antreibt. Das Pendel zwischen Spannung und Entspannung in der richtigen Waage zu halten, ist nun mal aber auch gar nicht so einfach.

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