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Bayern München

FC Bayern: Hainers vergeblicher Versuch, das Offensichtliche zu leugnen!

Guido Müller
Wehrt sich gegen die Vorwürfe, die Konkurrenz gezielt zu schwächen: Bayern-Präsident Herbert Hainer
Wehrt sich gegen die Vorwürfe, die Konkurrenz gezielt zu schwächen: Bayern-Präsident Herbert Hainer / Sebastian Widmann/GettyImages
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Mit den beiden Sonntagsspielen (Freiburg gegen Leverkusen und Köln gegen Stuttgart) endet die Hinrunde der Bundesliga-Saison 2021/22. Zeit, Bilanz zu ziehen - und sich auch generellen Fragen zu stellen. So wie es Bayern-Präsident Herbert Hainer heute Vormittag im Stahlwerk Doppelpass bei Sport1 getan hat. Dabei wehrte sich der 67-Jährige auch gegen altbekannte Vorwürfe.


Im Kern ging es mal wieder um die nicht erst in den letzten Jahren immer wieder aufgeworfene Vorhaltung, der FC Bayern München verfolge bei seiner Transferstrategie auch ganz bewusst das Ziel, die Konkurrenz, von der man regelmäßig die besten Spieler abwirbt, auf diese Weise zu schwächen.

Der Moderator der Runde, Rudi Brückner, nannte dabei die jüngsten Verpflichtungen der Münchener von RB Leipzig (Nagelsmann, Upamecano, Sabitzer) als Beispiele, vergaß aber auch nicht, die Fälle der "Wildereien" beim BVB (Hummels, Götze, Lewandowski) im vergangenen Jahrzehnt zu benennen.

Hainer verteidigt Transferpolitik des FC Bayern:"Kaufen danach ein, was wir brauchen!"

Als gezielte Schwächung der Konkurrenz wollte Haider all diese Fälle jedoch nicht interpretiert wissen. Es ginge, so Haider, seinem Klub vornehmlich darum, die Spieler zu verpflichten, die sie sportlich brauchen.

Freilich charakterisiert sich der FC Bayern München schon seit vielen Jahrzehnten durch das Alleinstellungsmerkmal des absoluten Branchenführers im deutschen Fußball.

Mit der in diesem langen Zeitraum erworbenen finanziellen Vormacht im hiesigen Fußballbetrieb, ist es ihnen somit möglich, nahezu jeden aufstrebenden oder auch schon etablierten Spieler der nationalen Konkurrenten zu verpflichten.

Es ist wie in der natürlichen Nahrungskette auch: der Stärkste frisst die schwächeren. Selbst der FC Bayern München muss dies bei bestimmten Kategorien von Spielern erfahren. Denn Spieler wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi gingen bei ihren Transfers regelmäßig zu Klubs, die eben noch mehr zu zahlen imstande (oder bereit) waren, als sie selbst.

Dennoch kann sich Hainer von dem Vorwurf nicht so einfach lossprechen, wie er es mit seinen Auslassungen im besagten TV-Format getan hat.

Denn wenn man auch nie den endgültigen Beweis (wie sollte der auch aussehen?) führen kann, dass die Münchener bei vielen (nicht allen!) Transfers auch darauf abgezielt haben, einen womöglich aufkommenden ernstzunehmenden nationalen Konkurrenten personell schwächen zu wollen, sprechen die vielen Beispiele der Vergangenheit, ob jüngerer oder älterer Natur, eine andere Sprache.

Der Fall del Haye

Von vielen Fachleuten wird in diesem Zusammenhang auch immer wieder der Name Calle del Haye genannt. Den jüngeren Lesern mag dieser Name nicht mehr sehr geläufig zu sein - was kurioserweise auch mit eben diesem im Raum stehenden Vorwurf zu tun hat.

Denn Calle del Haye machte seine ersten bedeutenden Schritte, die ihn schnell ins Licht der Öffentlichkeit zogen, bei Borussia Mönchengladbach. Er war ein flinker, schneller Flügelstürmer, der im System der Fohlen ein wichtiger Bestandteil war.

Vor der Saison 1980/81 überwiesen die Münchener die damalige Rekordablösesumme von 1,3 Millionen Mark an den Niederrhein, um del Haye nach München zu holen. Spielen sollte der gebürtige Aachener fortan jedoch nur noch sporadisch. Vom Stammspieler bei der Borussia wurde er zum regelmäßigen Bankdrücker in München.

Fritz Keller, Calle del' Haye
Calle del Haye (re.), neben Ex-DFB-Präsident Fritz Keller / Christof Koepsel/GettyImages

Schon damals blieben die kritischen Stimmen bezüglich dieses Transfers nicht aus. Warum hatten die Münchener den Angreifer denn nun wirklich geholt? Oder - um es mit den Worten Hainers zu formulieren: Brauchte der FC Bayern München diesen Spieler wirklich?

Die damaligen Bayern-Trainer, Pal Czernai, zuerst, Udo Lattek, in der Folge, gaben die Antwort durch ihre Taten: denn bei beiden Übungsleitern hatte del Haye einen mehr als schweren Stand und sah, wie seine Karriere Stück für Stück den Bach hinunterging.

Mehrere Jahre nach dem del Haye-Deal begann beim Karlsruher SC eine vielversprechende Generation an jungen, talentierten Spielern heranzuwachsen. Trainer der Badener war damals - Ironie der Geschichte - Winnie Schäfer. Der stand während seiner aktiven Zeit als Spieler im Kader der Gladbacher, als del Haye den Lockrufen aus München folgte.

Hatte der FC Bayern womöglich Angst, dass sich im Süden der Republik eine Art "zweites Gladbach" entwickeln würde? Dass ein - pardon! - Provinzklub die Vorherrschaft der Münchener herausfordern könnte? Holte man deshalb in den folgenden Jahren Säulenspieler der Karlsruher wie Oliver Kreutzer, Michael Sternkopf oder Oliver Kahn?

Der Fall Sternkopf

Zumindest das Schicksal von Sternkopf wies in der Folge verblüffende Parallelen zu der Personalie del Haye auf. Denn im Karlsruher Wildparkstadion war der offensive Mittelfeldspieler und Teenie-Schwarm schnell zum Liebling der Fans geworden, galt Anfang der Neunziger gar als eines der größten Talente im deutschen Fußball.

Doch auch hier durfte man sich getrost die Frage stellen: brauchte der FC Bayern diesen Spieler? Zahlen lügen bekanntlich nicht. In seiner letzten Saison beim KSC bestritt Sternkopf noch 29 Bundesliga-Spiele. Ein Jahr später, im roten Dress der Bayern, kam er nur noch auf deren 9. Und das lag nicht etwa an verletzungsbedingten Ausfällen.

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Michael Sternkopf im Dress der Gladbacher Borussia, zu der er nach seiner Münchener Zeit wechselte / Gary M. Prior/GettyImages

In den folgenden Spielzeiten erhöhte sich die Anzahl seiner Einsätze zwar - doch so entscheidend wie für den KSC wurde Sternkopf für den FC Bayern während seiner fünf Jahre in München nie. Heute ist es müßig, darüber zu spekulieren, ob Sternkopf, wäre er in Karlsruhe geblieben, eine große Karriere auch im DFB-Dress beschieden gewesen wäre.

Aber er ging nun mal nach München - und durfte sich am Ende kein einziges Mal das Trikot der A-Nationalmannschaft überstreifen.

Der Fall Götze

Doch auch in der jüngeren Vergangenheit gab es solche Fälle. Natürlich war der Mario Götze im BVB-Trikot ein großartiger Fußballer, den viele Klubs mit Kusshand unter Vertrag genommen hätten. Doch als er im Sommer 2013 zum Münchener Star-Ensemble, befehligt von Pep Guardiola, stieß, wusste der spanische Star-Coach eigentlich nichts mit Götze anzufangen.

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Mario Götze im Bayern-Trikot - sein damaliger Trainer wollte aber lieber Thiago haben! / CHRISTOF STACHE/GettyImages

Und daraus machte der Katalane auch gar keinen Hehl. War er von der Münchener Führungsriege hier nicht genügend gebrieft worden? Jedenfalls rief Guardiola, im Sommer 2013, fast täglich und weithin vernehmbar, wie sein Wunschkandidat aussehen sollte: "Thiago - und sonst nix!" wurde zu einem geflügelten Wort.

Der Fall Sabitzer

Und wenn wir das Rad der Zeit nur um ein paar Monate zurückdrehen, fällt einem auch die Verpflichtung von Marcel Sabitzer von RB Leipzig ins Auge. Der Österreicher ist sicherlich ein feiner Kicker. Doch auch hier wieder die Frage: brauchte ihn der FC Bayern wirklich so dringend?

Marcel Sabitzer
In Leipzig Säulenspieler, in München nur Ergänzungsspieler: Marcel Sabitzer / Alexander Hassenstein/GettyImages

Hätte man nicht irgendwo auf dem Fußball-Planeten auch noch bessere Optionen finden können, selbst wenn diese noch kostspieliger geworden wären als die - angesichts der nur einjährigen vertraglichen Restlaufzeit bei den Bullen - durchaus großzügigen 15 Millionen Euro (für die Bayern dennoch nur Peanuts!) mit denen die Münchener ihre Leipziger Rivalen im vergangenen Transfer-Sommer entschädigt haben?

Natürlich ist es Hainers gutes Recht, wenn nicht sogar seine Pflicht als ranghöchster Funktionär des Rekordmeister, all diese Transfers aus seiner Perspektive her zu beleuchten. Doch die Fakten, versinnbildlicht durch die genannten Beispiele, sprechen eine andere - und deutliche - Sprache.

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