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Bundesliga

Frankfurt gewinnt beim FC Bayern: Warum die Bundesliga trotzdem wieder eine Dreiklassengesellschaft ist

Oscar Nolte
Filip Kostic trifft zum Sieg für die Eintracht
Filip Kostic trifft zum Sieg für die Eintracht / Adam Pretty/Getty Images
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Eintracht Frankfurt gewinnt beim FC Bayern sensationell mit 2:1. Und doch nehme ich vor allem eine Erkenntnis aus diesem Spiel mit: die Bundesliga ist wieder eine Dreiklassengesellschaft.


In München steht es nach 45 Minuten zwischen dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt 1:1; kurz vor der Pause hatte die SGE sogar Möglichkeiten, in Führung zu gehen. Losgelöst vom Ergebnis oder Spielverlauf hat sich bei mir trotzdem eine beunruhigende Erkenntnis manifestiert: wir haben in der Bundesliga wieder eine Dreiklassengesellschaft.

Die gab es schonmal und das ist gar nicht so lange her. Damals, als die Bayern von Jupp Heynckes und Pep Guardiola trainiert wurden. Da sprach die zweite Kraft in Deutschland, der BVB, noch davon, dass irgendwann die Zeit kommen wird, in der der FC Bayern stolpern wird - und dann müsse man da sein. Mit Understatement hatte das nichts zu tun; damals bedankte sich ein Viktor Skripnik, Cheftrainer von Werder Bremen, nach einer üblen Packung dafür, dass die Bayern nicht noch höher gewonnen hatten. Kein Scherz, das ist wirklich so passiert.

Und dann kam die Zeit, in denen die Bayern wackelten. Unter Carlo Ancelotti, auch unter Niko Kovac - da passte vieles an der Säbener Straße nicht. Die Konkurrenz, der BVB oder RB Leipzig, machten sogar Druck. Einen anderen Deutschen Meister gab es trotzdem nicht. Und mittlerweile haben wir sie wieder, die Dreiklassengesellschaft; mit einem FC Bayern, der so nah an Unbesiegbarkeit ist, wie man es im Fußball sein kann. Über eine Saison mit 34 Spielen ist diese Mannschaft nicht zu schlagen.

FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt: kein Spiel auf Augenhöhe

Das wurde gegen Frankfurt in der Anfangsphase deutlich. Die Bayern spielten entspannt ihren Stiefel und sezierten die SGE-Verteidigung mit Leichtigkeit: ein Doppelpass, Dribbling oder Sprint und schon brannte der Baum der Eintracht. Leon Goretzka erzielte schließlich das hochverdiente 1:0. Frankfurts Erfolgsbilanz laß sich zu diesem Zeitpunkt daran ab, dass mal ein Zweikampf gewonnen wurde, ein Pass angekommen war. Und dass es eben nur 1:0 stand.

Aus meiner Kreisliga-Zeit kannte ich solche Spiele. Früher, in irgendwelchen regionalen Pokal-Wettbewerben, musste man mit seiner Hobbykicker-Truppe gegen höherklassige Mannschaften ran. In diesen Spielen ging es eigentlich auch nur darum, wie hoch man letztlich auf den Sack bekommt. Das höchste der Gefühle war mal ein Eckball, der nach einem zufälligen Langholzball und einer Zufallskombination von den Gegnern letztlich ein wenig unmotiviert ins eigene Toraus geklärt wurde. So ungefähr sah ich die ersten 20, 25 Minuten zwischen dem FC Bayern und Eintracht Frankfurt.

Eben solch ein Eckball brachte die SGE vor der Halbzeit sogar zurück ins Spiel. Im Fußball kann schließlich alles passieren, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Bei normalem Spielverlauf brennt für den FC Bayern in dieser Form aber nichts an. Ob gegen den BVB, Leipzig oder Frankfurt: da wird es vielleicht mal ein Unentschieden geben, ein Zufalls-Gegentor - in einer Liga spielen genannte Vereine mit dem FC Bayern trotzdem nicht.

Leon Goretzka, Alphonso Davies
Leon Goretzka jubelt nach seinem Treffer zum 1:0 / Adam Pretty/Getty Images

Und dann ist da noch das Fallobst der Liga. Teams, die naiven Mut im Gepäck haben, weil sie gegen den Rekordmeister ohnehin nichts zu verlieren haben. Da gibt's dann keine Taktiken mehr, kein Zement, der angerührt wird - da gibt's Harakiri. Am Ende kassieren Bielefeld, Fürth, Augsburg und Co. dann mal drei, mal sieben Gegentore. Für den FC Bayern ist das lästiges Pflichtprogramm. Im Süden wird sich der Blick bald schon wieder ausschließlich auf die Champions League richten.

Es sind wieder drei Klassen, die wir in der Bundesliga haben. Ob der FCB nun gelegentlich einen Punkt liegen lässt, vielleicht sogar mal ein wildes Spiel verliert. Unter Julian Nagelsmann, der auf dem genialen Fundament von Hansi Flick arbeitet, wird der FC Bayern auf Sicht ein Todesstern ohne einen Schacht sein, in den sich eine Bombe werfen lässt. Wenn der Rekordmeister es nicht schon jetzt ist.

Und diese sportliche Deklassierung hat eine Ursache: die finanzielle Klassengesellschaft in Deutschland. Ob verdient oder nicht verdient, ob legitim oder nicht: den Bayern steht ein Gehaltsbudget zur Verfügung, das mehr als doppelt so hoch wie das vom BVB und damit der (finanziell) zweitstärksten Kraft ist. Beim Fallobst der Liga würde auch nur ein Top-Spieler aus München den gesamten Etat sprengen.

Das Geld fließt auf Bundesebene in München. Die Bayern sind die einzigen, die sich monetär mit den Vereinen aus England, Spanien oder Italien messen können. Die übrigen 17 Bundesligisten haben weniger Glück: in der zweiten und dritten Klasse herrscht eine hohe Fluktuation, Top-Spieler lassen sich kaum noch mehr als zwei oder drei Jahre halten. Die wandern dann nach England oder Spanien oder München. Und so entsteht in der Bundesliga, ohne einen FC Bayern, der tatsächlich stolpert, wieder eine Dreiklassengesellschaft. 1:1 zur Halbzeit gegen Frankfurt hin oder her: davon bin überzeugt.

Eintracht Frankfurt gelingt Coup beim FC Bayern

Oder auch 1:2 nach 90 Minuten. Denn tatsächlich: die Eintracht gewinnt in München. Filip Kostic, der umstrittenste Adler überhaupt, trifft in der 84. - und das nicht einmal unverdient. Das ist Fußball und ja, dieses Ergebnis führt diesen Kommentar eigentlich ad absurdum.

Aber es sind diese Ausrutscher, die es auch beim FC Bayern mal geben wird. Das muss noch optimiert werden und das wird Julian Nagelsmann in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren tun. Es ist ein absoluter Achtungserfolg für die SGE. Die Bayern gerieten durch den Ausgleich aus dem Nichts aus dem Rhythmus und müssen sich diesen Schuh anziehen.

Und doch bleibe ich dabei: über 34 Spieltage ist diese Mannschaft nicht zu schlagen. Weil sie in der Bundesliga in ihrer eigenen Klasse unterwegs sind. Und es Wunder, wie ein Frankfurter 2:1 in München, im Fußball immer geben wird. Auch in einer Dreiklassengesellschaft.

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