EM 2020

EM-Fazit vor dem Finale: Der Fußball hat verloren, der Mensch gewonnen

Oscar Nolte
Die UEFA verpasste bei der EM ein Zeichen für Toleranz zu setzen
Die UEFA verpasste bei der EM ein Zeichen für Toleranz zu setzen / Carl Recine - Pool/Getty Images
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Am Sonntagabend steigt in Wembley das Finale der EURO2020 zwischen England und Italien. Vor diesem spannungsgeladenen Endspiel ziehe ich ein Fazit für ein Turnier, bei dem der Fußball viel Kredit verloren, dafür der Mensch aber triumphiert hat.


Ich war heiß auf diese EM, das war ich wirklich. Trotz der Gier der UEFA und der daraus resultierenden Entscheidung, das Turnier pankontinental auszuspielen. Trotz Qatar Airways als offiziellem Sponsor und als Vorgeschmack auf die "WM" im Emirat. Trotz der Corona-Pandemie, die ein solches Turnier eigentlich nicht zulassen würde. Meine Lust, sie hielt einige Tage an. Dann brach Christian Eriksen im Gruppenspiel gegen Finnland zusammen und verpasste der EURO ein unvergessliches Gesicht.

Die UEFA hat bei der EM auf ganzer Linie versagt

Aber vorweg zum Fußball. Der hat auf ganzer Linie versagt. Ausufernde Fan-Partys und Haus der offenen Tür in den Stadien, einer Pandemie zum Trotz, die uns seit anderthalb Jahren auf Sparflamme hält. Ein Unding und ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die geschuftet und verzichtet haben, damit dieser Wahnsinn endet - nur um dann abertausende Menschen ohne Masken und ohne Abstand in Fußballstadien zu sehen, die 22 kurzbehosten beim Kicken zujubeln. Einem Kick, der mehr Graus als Saus ist und war, geprägt von der "Hinten muss die Null stehen"-Philosophie.

Doch der tatsächliche Sport hat im modernen Fußball ja eigentlich überhaupt keine Berechtigung mehr. Die Institution Fußball, geführt von gierigen Geldsäcken, stand in diesem Sommer auf der Agenda. Und sie hat kein gutes Gesicht abgegeben. Beim erwähnten Vorfall um Christian Eriksen - der Mann erlitt einen Herzinfarkt! - setzte die UEFA den Mannschaften die Pistole auf die Brust und ließ sie weiterspielen, damit die Kassen nicht zu klingeln aufhören. Als dann der DFB die Allianz Arena als Protest gegen die homophob ausgerichtete ungarische Regierung in Regenbogenfarben erstrahlen lassen wollte, legte die UEFA ebenfalls ihr Veto ein. Für Politik ist ja im Fußball kein Platz, stimmt.

Es gab Highlights, das will ich nicht verschweigen. Ein paar Underdogs, die über sich hinauswuchsen, ein paar torreiche Spiele. Im Grunde: das, wofür die Menschen einschalten. Den faden Beigeschmack, den das oben erwähnte "Imperium" bedingte, konnten ein paar schöne Buden aber nicht aufweichen. Nein, der Fußball hat bei dieser Europameisterschaft nicht gewonnen. Passend dazu stehen mit Italien und England die beiden defensivstärksten Mannschaften im Finale - weil sie vom Punkt die besseren Nerven hatten.

Italy v England - UEFA Euro 2020: Final
London steht vor dem Finale auf dem Kopf / Alex Pantling/Getty Images

Und doch war diese EM ein Erfolg. Für den Menschen, für den Aufbruch in eine humane Revolution, einen Aufstand gegen das Imperium.

Die dänische Nationalmannschaft ist Millionen von Menschen ins Mark gegangen, für die Menschlichkeit, die sie in dem Augenblick vollkommenen Grauens aufgebracht hat. Die italienische Nationalmannschaft hat mit ihren Stimmen die Herzen so vieler Menschen erreicht und gezeigt, dass so etwas wie Leidenschaft im Fußball immer noch existiert. Und das Sahnehäubchen schlechthin ist ja ohnehin die umstrittene Entscheidung der UEFA, der Allianz Arena und damit den Menschen einen Regenbogen und einen Hauch Toleranz zu verwehren. Der Verband hätte die Nummer absegnen sollen und damit hätte sich das Thema erledigt. Der Sturm, der sich aus der Ablehnung des Imperiums erhob, war nämlich um ein Vielfaches stärker. Plötzlich leuchteten sie überall, die Regenbogenflaggen - ein Symbol der Menschlichkeit und des Protestes.

Genau darin liegt der Erfolg. In diesen schönen Geschichten, die diesem Turnier Leben eingehaucht und gezeigt haben, dass dieser Sport noch nicht endgültig verloren ist. Und deshalb freue ich mich auf das Endspiel: wegen der Menschlichkeit, die dort zelebriert wird.

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