Frauen-EM

Vorschau Deutschland gegen Österreich: Stärken, Schwächen und Schlüsselspielerinnen

Helene Altgelt
Germany v Spain: Group B - UEFA Women's EURO 2022
Germany v Spain: Group B - UEFA Women's EURO 2022 / Marc Atkins/GettyImages
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Das erste Viertelfinale der EM ist gespielt und es hielt, was es versprach: Spanien überzeugte mit flüssiger Ballzirkulation und hohem Pressing, England mit Standardstärke und einem Traumtor in der Verlängerung. Am Ende setzten sich die Lionesses mit 2:1 durch. Am Donnerstag (21 Uhr) steht in Brentford nun das nächste Viertelfinale an (live in der ARD). Im Nachbarschaftsduell Deutschland gegen Österreich ist die Favoritenrolle vielleicht etwas klarer verteilt - unterschätzen sollte man die Österreicherinnen aber auf gar keinen Fall.


Die Rollenverteilung

Deutschland geht mit breiter Brust und einem Torverhältnis von 9:0 in dieses Viertelfinale, zeigte in den drei Spielen schöne Kombinationen, ein gutes Pressing und gegen Spanien auch aufopferungsvolles Verteidigen. Gegen Österreich wird das Team von Martina Voss-Tecklenburg wahrscheinlich aber wieder mehr Ballbesitz haben und aus dem Spiel heraus Chancen erspielen müssen. Nach schwankenden Leistungen in den letzten Monaten, darunter etwa eine Niederlage gegen Serbien, hat sich das Team nun gefunden, wichtige Spielerinnen wie Alexandra Popp und Marina Hegering sind zudem noch rechtzeitig zurückgekehrt.

Österreich hat bei der EM 2017 mit dem Halbfinal-Einzug für eine große Überraschung gesorgt, die jetzt wiederholt werden soll. Schon damals konnten sie mit einer starken Defensive glänzen, jetzt will Österreich auch mehr angreifen. "Bei der EM 2017 haben wir schon gut verteidigt, aber da haben wir nur verteidigt", sagte Carina Wenninger.

In der Gruppenphase war aber trotzdem noch zu sehen, dass Österreichs Spiel auf einer starken Defensive fußt, nur ein Gegentor ließen sie zu - mit drei erzielten Treffern kann man auch noch nicht von einem Offensivfeuerwerk sprechen. Aber Österreich kann durchaus nach vorne spielen und kann Deutschland besonders, in typischer Außenseiter-Manier, mit Kontern wehtun.

Die Stärken

Deutschland: Variabilität in der Offensive und Kaderbreite

Deutschland ist in der Offensive variabel und hat gegen Finnland bewiesen, dass sie auch gegen eine tiefstehende Verteidigung die Lücken finden können. Mit Svenja Huth und Klara Bühl hat Deutschland zwei Spielerinnen auf außen, die sich gut durchsetzen können. Dabei werden sie oft von den aufgerückten Außenverteidigerinnen unterstützt, und bei den Hereingaben lauert dann die kopfballstarke Alexandra Popp, die ihre Quote von einem Treffer pro Spiel aufrechterhalten will. Aber Deutschland kann nicht nur über außen, sondern sucht auch oft die Halbräume und will den Platz zwischen der gegnerischen Außen- und Innenverteidigerin ausnutzen.

Dazu kommt, dass die Kaderbreite im Vergleich zu Österreich ein großer Vorteil ist. Mit Jule Brand, Sydney Lohmann oder Lena Lattwein kann Martina Voss-Tecklenburg hochtalentierte Spielerinnen bringen, die auch in den bisherigen Spielen schon gezeigt haben, dass sie ihre Chance nutzen wollen. In der Innenverteidigung ist Deutschland nicht ganz so breit aufgestellt, Marina Hegering und Kathrin Hendrich bilden aber bisher ein sehr solides Duo, wobei besonders Hegering sich mit ihrer Spieleröffnung und Zweikampfstärke als unersetzlich bewiesen hat.

Österreich: Unangenehmes Pressing und starke Verteidigung

Die Ruhe am Ball wird auch gegen Österreich einer der Schlüsselfaktoren sein, denn das Team von Irene Fuhrmann setzt auf Balleroberungen und ein aggressives Pressing, wobei teilweise mehrere Österreicherinnen gemeinsam eine Gegenspielerin in Bedrängnis bringen. Mit Laura Feiersinger, Sarah Puntigam und Sarah Zadrazil haben sie ein sehr laufstarkes und agiles Mittelfeld, das auf Oberdorf und Co. sicherlich viel Druck ausüben wird (eine Analyse der Rolle von Österreichs Mittelfeld findet ihr hier). Dass auch Favoritinnen gegen dieses Pressing ins Schwitzen kommen können, zeigte die Anfangsphase des Eröffnungsspiels gegen England.

Dazu kommt die starke Abwehr, die mit Carina Wenninger und Viki Schnaderbeck ein sehr erfahrenes Innenverteidigerinnen-Duo hat. Mindestens genauso wichtig sind aber die Torhüterin und die Außenverteidigerinnen, die bisher mit ihrer Zweikampfstärke aufgefallen sind. Mit Manuela Zinsberger hat Österreich einen starken Rückhalt mit guten Reflexen, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch gegen Deutschland benötigt werden. Auf außen werden voraussichtlich Laura Wienroither, die im ersten Spiel gegen Lauren Hemp sehr gut verteidigte, und Verena Hanschaw, an der für die Norwegerin Caroline Graham Hansen kein Vorbeikommen war, spielen.

Schwächen: Deutsche Konter & österreichisches Offensivspiel

Deutschlands Defensive hat in den bisherigen Spielen noch selten gewackelt, aber ein paar Mal musste Merle Frohms schon ihr Können zeigen. Unter anderem in einer Szene gegen Spanien, wo Lucia Garcia mit einem Steilpass geschickt wurde und die deutsche Verteidigung zu hoch stand. Auch in den Spielen vor der EM offenbarte Deutschland teilweise Schwächen bei gegnerischen Gegenstößen, die Innenverteidigerinnen sollten sich also nicht zu weit herauswagen.

Bei Österreich litt die Offensive bisher etwas unter dem starken Fokus auf die Verteidigung. Einige Konter hätten sie besser ausspielen können, die Entscheidungsfindung hat noch Luft nach oben. Zudem stehen nicht die dribbelstärksten Spielerinnen im Kader. Österreich muss also seine Möglichkeiten konsequenter nutzen, um gegen Deutschland gefährlich zu werden, und dabei auch Nicole Billa geschickt einsetzen. Die Bundesliga-Torschützenkönigin von 2021 hing in den ersten beiden Spielen noch eher in der Luft, gegen Norwegen gelang ihr dann das entscheidende Tor.

Schlüsselspielerinnen

Sara Däbritz (Deutschland, ZM): Im Vorfeld des Turniers wurde sie oft als Starspielerin des deutschen Teams bezeichnet, in der Gruppenphase standen meist eher andere im Rampenlicht. Däbritz kommt als Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff eine wichtige Rolle zu, gerade falls Lina Magull noch nicht fit ist. In den wichtigen Spielen kann sie nun zeigen, dass sie das Geschehen lenken kann. Auf ihre Ballsicherheit und Übersicht wird es gegen Österreich ankommen.

Marina Hegering (Deutschland, IV): Hegering ist nach langer Verletzungspause nichts von mangelnder Spielpraxis anzusehen, sie ist bisher eine der Spielerinnen des Turniers und hat sowohl defensiv als auch offensiv ihren Wert für das deutsche Team bewiesen - defensiv ist sie zweikampfstark, gewann gegen Dänemark etwa 80% ihrer Zweikämpfe, und klärt viele Bälle. Offensiv sind ihre langen Bälle auf die Außen ein probates Mittel, gegen Spanien kamen sieben von neun von ihnen an. Ihre Ballsicherheit wird gefordert sein.

Manuela Zinsberger (Österreich, TW): Zinsberger, die früher bei Bayern spielte und nun auf der Insel beim FC Arsenal unter Vertrag steht, hat sich in den letzten Jahren sehr gesteigert, besonders mit dem Ball am Fuß und bei der Einschätzung von schwierigen Situationen. Gute Reflexe hatte sie schon immer, teilweise kam sie dann aber zu spät heraus oder leistete sich eine Unsicherheit. Solche Fehler passieren ihr inzwischen nur noch sehr selten, nun soll sie, die auch eine sehr gut im Elfmeter parieren ist, für Österreich den Sieg festhalten.

Sarah Zadrazil (Österreich, ZM): Bei Österreich hat Zadrazil im Mittelfeld eine offensivere Rolle als bei Bayern, spielt im 4-1-4-1 an der Seite von Frankfurts Laura Feiersinger. Beide sind stark im Pressing und werden gegen Deutschland Däbritz und Oberdorf unter Druck setzen wollen. Auch auf Zadrazils Qualitäten am Ball kommt es an, sie kann bei Österreichs Gelegenheiten zum Kontern ihr gutes Passspiel unter Beweis stellen. Auch für einen Schuss aus der Distanz ist die 29-Jährige gerne zu haben.

Voraussichtliche Aufstellungen

Deutschland: Frohms - Gwinn, Hendrich, Hegering, Rauch - Oberdorf, Däbritz, Dallmann - Huth, Popp, Bühl

Österreich: Zinsberger - Wienroither, Schnaderbeck, Wenninger, Hanschaw - Puntigam - Dunst, Zadrazil, Feiersinger, Naschenweng - Billa


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