Dreier- oder Viererkette? Warum sich Borussia Dortmund nicht auf ein System versteifen sollte

Setzt Borussia Dortmund künftig wieder auf eine Dreierkette oder bleibt Lucien Favre bei vier Abwehrspielern?
Setzt Borussia Dortmund künftig wieder auf eine Dreierkette oder bleibt Lucien Favre bei vier Abwehrspielern? / DeFodi Images/Getty Images
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Das Verletztenlazarett bei Borussia Dortmund lichtet sich. Emre Can ist wieder fit, auch Dan-Axel Zagadou soll bald zurückkehren. Sollte Lucien Favre dann wieder auf Dreierkette umstellen?

In den ersten Wochen der Saison waren Lucien Favre die Abwehrspieler ausgegangen. Der Trainer von Borussia Dortmund musste allein am ersten Spieltag auf Raphael Guerreiro, Mateu Morey und Dan-Axel Zagadou verzichten, später fiel auch noch Emre Can aus.

Die Außenverteidiger sind mittlerweile wieder fit, in der Innenverteidigung hatte der BVB bis zuletzt aber mit Personalsorgen zu kämpfen. Auch aufgrund dessen dürfte Favre die im Sommer einstudierte Viererkette nach der 1:3-Niederlage in der Champions League gegen Lazio Rom eingeführt haben - und, weil gleichbedeutend mit dieser Umstellung ein weiterer der vielen Offensivspieler eingesetzt werden und mehr Druck im Spiel mit Ball ausgeübt werden konnte.

Fehlte der Mannschaft in der abgelaufenen Spielzeit noch die Balance in einer Formation mit Viererkette, so ist die Leistung gegen den Ball in beiden Varianten gleichwertig. Die einfache Formel lautet: Gewinnt der BVB, kassiert er kein Gegentor. Fällt mindestens eins, verliert er. Ob zwei oder drei Innenverteidiger auf dem Feld stehen, spielt keine Rolle.

Jedoch wurde der Kader nach und nach für ein System mit Dreierkette ausgelegt. So wurde zu Beginn dieses Jahres Emre Can verpflichtet, da dieser auch als Innenverteidiger agieren kann. Der Sommertransfer von Jude Bellingham hat diese Planungen unterstrichen, mit dem Engländer stehen nun auch ohne Can vier zentrale Mittelfeldspieler bereit; mit dem 26-jährigen Deutsch-Türken und mit Julian Brandt, der zuletzt auf der Zehn gespielt hat, im 3-4-2-1 aber auch als Achter agieren kann, wären es sogar sechs Akteure.

Mit der baldigen Rückkehr von Dan-Axel Zagadou stellt sich erneut  die Frage: Dreier- oder Viererkette?
Mit der baldigen Rückkehr von Dan-Axel Zagadou stellt sich erneut die Frage: Dreier- oder Viererkette? / DeFodi Images/Getty Images

Auch Dan-Axel Zagadou steht vor seiner Rückkehr. Der Franzose hatte sich im Frühjahr am Knie verletzt, ein Comeback rückt langsam aber sicher in Reichweite. "Der Aufbau ist noch nicht zu Ende, aber es geht mir viel besser", sagte er kürzlich gegenüber dem Klubsender BVB TV. Der 1,96 Meter große Innenverteidiger nimmt seit vergangener Woche wieder stückweise am Mannschaftstraining teil und bereitet sich bewusst in langsamem Tempo auf sein Comeback vor: "Mein Knie muss auch komplett auskuriert sein", betonte er, "erst dann werde ich der Mannschaft helfen können."

Dreier- oder Viererkette: Warum nicht beides?

Mit Zagadou, Can und zusätzlich Piszczek stehen Favre fünf Spieler für eine Dreierkette zur Verfügung. Obwohl der Schweizer bevorzugt mit einer Viererkette spielt, sollte er sich zumindest nicht komplett vom 3-4-2-1 verabschieden. Zwar fehlt in dieser Variante ein Spieler für die Offensive, aber auf der Zehn sind weder Marco Reus noch Brandt in ihrer Bestform - zwingend notwendig ist ein zusätzlicher Platz hinter der Spitze, den einer von ihnen bekleiden würde, daher nicht. Erling Haaland würde schließlich wie in der Rückrunde weiterhin mit seinen Tiefenläufen glänzen, auf den Außenbahnen können Thorgan Hazard, Jadon Sancho und Giovanni Reyna noch immer wirbeln und Linksverteidiger Raphael Guerreiro, der seit vielen Wochen zu den besten BVB-Akteuren zählt, könnte seine Offensivqualitäten noch besser ausspielen.

Lucien Favre sollte sich nicht auf ein System versteifen
Lucien Favre sollte sich nicht auf ein System versteifen / DeFodi Images/Getty Images

Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie sowohl die Dreier- als auch die Viererkette beherrscht. Warum sollte diese Variabilität dann aufgegeben werden? Gegen tief stehende Gegner dürfte letztgenannte Variante ob des zusätzlichen Offensivspielers die bessere Alternative sein, grundsätzlich aber kann Favre nun das System während des Spielverlaufs problemlos ändern. Immer mehr Trainer greifen auf flexible Ausrichtungen und Systeme zurück, um einen variableren Fußball spielen zu lassen. Warum sollte sich Favre davor verschließen, wenn seine Mannschaft die Abläufe einer Dreier- und Viererkette beherrscht?

Was ebenfalls dafür spricht, sich nicht auf eine Formation festzulegen: Der Konkurrenzkampf. Der FC Bayern hat beispielsweise in der Innenverteidigung mit David Alaba, Lucas Hernandez, Niklas Süle, Jerome Boateng, Tanguy Nianzou und notfalls Benjamin Pavard ein Luxus-Problem. Auch der BVB verfügt über genügend Innenverteidiger, die alle in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Diejenigen, die hintanstehen, würden einerseits um den dritten Platz in der Dreierkette und andererseits um einen der beiden Plätze in der Viererkette kämpfen. Das dürfte den internen Wettbewerb noch einmal verschärfen.

Variabilität als Trumph im Titelkampf?

Will Favre die mediale System-Debatte endgültig beenden, muss er sich auf eine Variante festlegen. Allerding sollte er sich nicht durch Einflüsse von außen einschränken lassen. Statt Schwarz oder Weiß wäre Grau womöglich die beste Lösung: RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach machen vor, wie wichtig und erfolgreich Variabilität im modernen Fußball sein kann. Will der BVB den FC Bayern ernsthaft angreifen, könnte diese Variabilität in der Grundausrichtung helfen. Darum sollte Favre an beiden Systemen festhalten.