Die fifty shades of grey des Hamburger SV

Guido Müller
Wollte das Elend nicht mehr sehen: Simon Terodde nach dem Schlusspfiff
Wollte das Elend nicht mehr sehen: Simon Terodde nach dem Schlusspfiff / Cathrin Mueller/Getty Images
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Der Hamburger SV hat zum dritten Mal in Folge verloren. Mit der gestrigen 0:1-Heimniederlage gegen Hannover 96 verlängert der Traditionsklub seine Sieglos-Serie auf fünf Partien. Genauso viele, wie er zuvor gewonnen hatte. Überflüssig zu erwähnen, dass er damit auch vorerst aus den Aufstiegsrängen gefallen ist.

Ich fang mal mit meinem Gefühl an. So von Mitte der letzten Woche. Also dem Zeitpunkt, an dem ich die Niederlage des Vorwochenendes verdaut hatte und schon wieder mit einem nur durch Inklination zum Masochismus erklärbaren Durchhaltewillen dem nächsten Spiel entgegenblickte.

Abwechslung gibt es zur Zeit nur bezüglich der Art des Verlierens

Da fragte ich mich nämlich: welche Art Niederlage fehlt dem HSV eigentlich noch? Zwei Typen konnte er nämlich zu diesem Zeitpunkt schon vorweisen: Typ A: während des gesamten Spiels dem Gegner hinterherlaufen und kaum richtig Zugriff haben, wie gegen Bochum (1:3) und Typ B: das Spiel eigentlich komplett im Griff haben, zudem kommod mit zwei Toren Differenz führen und diese Überlegenheit in kurzer Zeit an den dankbaren Gegner abgeben. Wie bei der 2:3-Niederlage letzte Woche in Heidenheim.

Da blieb eigentlich nur noch das Szenario (Typ C) eines relativ überlegenen Spiels, in dem aber die zahlreichen Chancen nicht verwertet werden - und der Gegner irgendwann, womöglich mit der ersten Torchance, das Spiel auf den Kopf stellt. Und Bingo: gegen Hannover bestätigte die Mannschaft diese Befürchtung, und lieferte einmal mehr den Beweis dafür, dass man in Bezug auf den HSV gar nicht schlecht genug denken kann, um am Wochenende nicht doch enttäuscht zu werden.

Zwar hatte ich mit dem Hannoveraner Tor erst Mitte der zweiten Halbzeit gerechnet, ansonsten aber kann man sich wirklich drauf verlassen, keine Erwartungen zu haben - und selbst diese enttäuscht zu sehen. Der HSV schafft das.

Aber im Volkspark werden sie es auch diesmal wieder schaffen, sich an den zartesten Strohhalmen festzuhalten. Daran, dass man ja schon ab Mitte der ersten Halbzeit mit einem Mann weniger auskommen musste. Oder daran, dass man, bis auf das Tor, kaum etwas zugelassen und Chancen für drei Spiele gehabt habe.

Eine von vielen Chancen, die HSV-Torjäger Terodde gestern nicht nutzen konnte
Eine von vielen Chancen, die HSV-Torjäger Terodde gestern nicht nutzen konnte / Cathrin Mueller/Getty Images

Was zwar nicht ganz falsch aber zu kurz gedacht ist: Denn in diesem Fall muss man natürlich nach dem "warum" fragen. Warum denn ist die Mannschaft nicht in der Lage, ein über weite Strecken dominant geführtes Spiel zu gewinnen? Warum schafft sie es nicht, aus drei hundertprozentigen und drei weiteren Neunzigprozentlern wenigstens ein Tor zu schießen?

HSV hat Ballbesitz dort, wo es dem Gegner nicht wehtut

Nun, weil - wie gestern - auch ein gegnerischer Torwart mal einen Sahnetag (mit dem dazugehörigen Quäntchen Glück) haben kann. Und weil statistische Daten nicht immer vollumfänglich die Realitäten auf dem Spielfeld widerspiegeln. Denn was nutzt mir eine Ballbesitz-Quote von 60 zu 40 Prozent, wenn die meisten dieser Ballkontakte sich innerhalb der eigenen Abwehrkette abspielen?

Der Sky-Kommentator führte es irgendwann Ende der ersten Halbzeit an: die Niedersachsen wollten gar nicht hoch pressen und überließen dem HSV fast komplett dessen Spielhälfte. Und zwar aus dem Wissen heraus, dass dem HSV, sobald er die gegnerische Hälfte erreicht hat, sowieso nichts Gescheites einfällt.

Was gestern zumindest für die ersten 44 Minuten zutraf. Der erste halbwegs vernünftige Angriff der Hausherren führte dann auch prompt zur Mega-Ausgleichschance von Simon Terodde. Im direkten Anschluss vergab Vagnoman, weil auch er den Schlussmann der 96er mehr anschoss als dass dieser den Ball gehalten hätte.

Was erlauben Kittel?

Zu diesem Zeitpunkt war Sonny Kittel schon längst in den Katakomben des Volksparkstadions verschwunden. Unter der Woche auch von seinem Trainer öffentlich angezählt, scheint der gute Mann immer noch nicht verstanden zu haben, wie Zweitligafußball funktioniert. Sein völlig sinnbefreites Tackling, siebzig Meter vom eigenen Tor entfernt und die Festigkeit des gegnerischen Schienbeinschutzes prüfend, setzt der seit Monaten zu beobachtenden Tendenz die (bisherige) Krone auf.

Vorläufiger Tiefpunkt eines monatelangen Absturzes: Kittel musste gegen Hannover schon nach 25 Minuten vom Platz
Vorläufiger Tiefpunkt eines monatelangen Absturzes: Kittel musste gegen Hannover schon nach 25 Minuten vom Platz / Cathrin Mueller/Getty Images

Doch was noch bemerkenswerter ist: mit einem Mann weniger spielte der HSV besser als zu elft. Doch ist dies, bei genauerer Betrachtung, auch wieder gar nicht so unerklärlich. Denn wenn du einen lustlosen, den Minimal-Dienst verweigernden Spieler in deinen Reihen hast, der sich überwiegend in absurden Dribblings oder möglichst komplizierten Pässen versucht - und dadurch in gefühlten neunzig Prozent der Fälle für Ballverluste sorgt - ist es fast schon ratsamer, ohne ihn (und notfalls zu zehnt) zu spielen.

Müßig heute darüber zu spekulieren, was passiert wäre, wenn Thioune auf Kittels Position jemand anders hätte auflaufen lassen. Das Problem des Trainers: es drängt sich schon seit Wochen keiner mehr auf.

Und aus diesem Grund hält sich meine Bereitschaft, aus der zweiten Halbzeit einen möglichen Trend Richtung Ausweg aus der Krise abzuleiten, wirklich in Grenzen. Nach drei Niederlagen am Stück, jede für sich mit ihrer ganz eigenen Charakteristik (siehe die oben erwähnten Typen), wohl auch mehr als verständlich. Wer sagt mir denn, dass es am nächsten Wochenende nicht eine vierte, eventuell als Kombination aus Typ A und B (oder A und C oder B und C), setzt. Rechne mit dem Schlimmsten - diese Devise hat man als HSV-Fan mittlerweile so aufgesogen wie die Muttermilch.

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