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EM 2020

Deutschland gegen Ungarn - oder: 67 Jahre Warten auf eine Revanche!

Guido Müller
Szene aus dem letzten (freundschaftlichen) Vergleich im Juni 2016. Deutschland (mit Müller, im Duell mit Lovrencsics. und Höwedes) gewann 2:0
Szene aus dem letzten (freundschaftlichen) Vergleich im Juni 2016. Deutschland (mit Müller, im Duell mit Lovrencsics. und Höwedes) gewann 2:0 / Anadolu Agency/Getty Images
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Wenn deutsche und ungarische Fußballspieler am kommenden Mittwoch (21.00 Uhr) in der Münchener Allianz Arena gegeneinander antreten, wird es annähernd 67 Jahre (!) her sein, dass sich die Auswahlen beider Länder letztmals in einem Pflichtspiel gegenüber standen.


Letztes Pflichtspiel zwischen beiden Teams: Das WM-Finale von 1954

Tatsächlich war es das als "Wunder von Bern" in die (vor allem deutsche) Fußball-Historie eingegangene Endspiel der 5. Fußball-Weltmeisterschaft, die vom 16. Juni bis zum 4. Juli 1954 in der Schweiz stattfand.

1954 World Cup Goal
Morlock erzielt zwei Minuten nach dem 2:0 der Ungarn den Anschlusstreffer -und gibt dem deutschen Team die Hoffnung zurück / Keystone/Getty Images

Zeitzeugen, die jene legendäre Begegnung live verfolgt haben, gibt es natürlich heute noch in beiden Ländern. Mein Vater, damals ein Steppke von gerade mal 12 Jahren, ist einer von ihnen. Noch immer, sagt er, könne er sich an den Geschmack von der im Dorfkrug ausgeschenkten Zitronenlimonade erinnern.

Und an die gefühlt 200 Personen, die sich vor dem kleinen Bildschirm (dem einzigen im 100 Seelen-Dorf) ballten und gespannt dem Lauf der Dinge im Berner Wankdorfstadion folgten.

Gegenläufige Entwicklungen nach dem Berner Finale

Was der sensationelle Ausgang jenes Finales für die deutsche Geschichte bedeutete, ist hierzulande in zahlreichen Essays, Büchern und Dokumentationen bereits zur Genüge behandelt worden. Vielen gilt der Triumph von Bern gar als inoffizielle Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland.

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Der geschlagene Ferenc Puskas (zweiter von links) inmitten der jubelnden Deutschen / STR/Getty Images

Den Blick auf das Leid der Magyaren versperrte über Jahrzehnte hinweg eine brutal durch den Kontinent gezogene Mauer, die Freunde von Freunden, Väter von ihren Söhnen und Mütter von ihren Töchtern trennte.

Für Ungarn bedeutete Rahns Schuss aus dem Hintergrund nicht mehr und nicht weniger als den Fall in ein jahrzehntelanges Wachkoma.

Viel ist im Nachgang darüber spekuliert worden, wie Ungarns Weg verlaufen wäre, hätten die Lorants, Bosziks, Hidegkutis, Kocsis oder Puskas damals, an jenem verregneten Nachmittag von Bern, nach der frühen Führung (2:0 nach acht Minuten) den Deckel vorzeitig draufgemacht.

Doch sie scheiterten wohl auch an ihrer eigenen Hybris - immerhin hatten sie die Deutschen in der Gruppenphase noch mit 8:3 abgeschossen.

Doch dieses "abgeschenkte" Spiel war schon ein Teil des späteren Mythos um Trainerfuchs Sepp Herberger, der aufgrund der damaligen Gruppenkonstellation gegen den haushohen Favoriten lieber eine bessere B-Elf aufbot, um im entscheidenden Spiel gegen die Türken, das mit 7:2 gewonnen wurde, den Einzug ins Viertelfinale festzumachen.

Was muss in den Köpfen der Ungarn vorgegangen sein, als sie im letzten Spiel des Turniers bereits nach acht Minuten mit 2:0 führten? Wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger, als der Gedanke, gute achtzig Minuten später endlich den Coupe Jules Rimet in Empfang zu nehmen und der ganzen Welt zu zeigen, dass Ungarn zu diesem Zeitpunkt das beste Team der Welt war.

Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Und wer das Fell des Bären verteilt, bevor dieser erlegt ist, hat am Ende mit Zitronen gehandelt. Wie die Ungarn damals in Bern. Schon der Schock des Ausgleichs der Deutschen noch vor dem Halbzeitpfiff war ihnen tief in die Glieder gefahren.

Der nicht belohnte Sturmlauf in der zweiten Halbzeit tat dann sein Übriges. Während Toni Turek im Tor der Deutschen an diesem Tag förmlich über sich hinauswuchs ("Toni, du bist ein Fußballgott!", jubilierte TV-Kommentator Herbert Zimmermann mit brüchiger, tränenerstickter Stimme), versagten den Osteuropäern am Ende die Nerven.

Der lange Marsch durch die Ödnis

In der Folge verabschiedete sich diese einstmals so stolze Fußball-Nation über Jahrzehnte hinweg von der großen Bühne.

Auf Weltmeisterschafts-Ebene kamen als erwähnenswerte Meriten noch zwei Viertelfinaleinzüge (1962 und 1966) hinzu, ehe der lange Marsch durch die Bedeutungslosigkeit begann. Letztmals nahm Ungarn 1986 an einem World Cup teil.

Viel besser sah es auch bei Europameisterschaften nicht aus. Zweimal (1964 und 1972) stießen die Ungarn noch ins Halbfinale vor, bevor sie zwischen 1976 und 2012 insgesamt zwölfmal in Folge die Qualifikation fürs Endturnier verpassten.

2016 feierten sie dann so etwas wie ein "Comeback". Immerhin überstand das Team beim Turnier in Frankreich erstmals seit 44 Jahren (!) wieder eine Gruppenphase und wurde nach einem Sieg gegen - ausgerechnet! - Österreich und zwei Remis gegen Portugal und den späteren Favoritenschreck aus Island sogar Sieger der Gruppe F.

Gegen Belgien im Achtelfinale war man dann jedoch chancenlos und unterlag mit 0:4.

Nun bietet sich einer hungarischen Mannschaft nach vielen Jahrzehnten der Depression endlich die Chance auf Wiedergutmachung. Ein Sieg oder auch schon ein Unentschieden gegen den großen Favoriten Deutschland würde zwar die Wunden von 1954 nicht schließen können, könnte aber den Beginn einer neuen Ära im ungarischen Fußball einläuten.

Wie heißt es so schön: man sieht sich immer zweimal im Leben.

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