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Der Titeltraum des BVB: Von Scheindiskussionen und geöffneten Augen

Lucien Favre
Lucien Favre sieht den BVB nur als Außenseiter im Meister-Rennen | Pool/Getty Images

Woran hat's gelegen? Fragt man sich in Dortmund nach dem zweiten zweiten Platz im zweiten Jahr von Lucien Favre. Mentalität fehlt - schreien jetzt viele. Aber ist die Antwort nicht viel einfacher? Der BVB ist schlicht und einfach die Mannschaft mit der zweitbesten Qualität der Bundesliga!

Borussia Dortmund hat es auch im zweiten Favre-Jahr nicht geschafft, Rekordmeister FC Bayern vom Bundesliga-Thron zu stoßen. Nachdem in Spielzeit eins die schwache Rückrunde den Ausschlag gab, kann man in Dortmund in der abgelaufenen Saison vor allem die durchwachsene Hinrunde verantwortlich dafür machen, dass es am Ende wieder nur zum Vize-Platz gereicht hat.

Gerade in der Hinrunde, als auch der FCB schwächelte, war der BVB nicht da. In der Rückserie war gegen den Rivalen von der Isar allerdings kein Kraut mehr gewachsen - und das, obwohl auch der BVB sehr fleißig punktete.

Das Spiel hat uns die Augen geöffnet, woran wir im nächsten Jahr arbeiten müssen.

Michael Zorc

Der Abschluss der Runde 19/20 geriet allerdings zum Fiasko. Im eigentlich für Dortmund bedeutungslosen Spiel setzte es eine 0:4-Packung gegen die mittlerweile fast schon zum Angstgegner mutierte TSG Hoffenheim.

Michael Zorc
Unzufrieden mit der Einstellung der Mannschaft: BVB-Sportdirektor Michael Zorc | DeFodi Images/Getty Images

Im Anschluss erklärte Sportchef Michael Zorc, das Spiel habe der Borussia die Augen geöffnet. Man wisse, woran man im nächsten Jahr arbeiten müsse. Eine Aussage, die einmal mehr die Mentalitätsdebatte hervorruft. Diese fehle den Schwarz-Gelben nämlich, um den lang ersehnten Titel wieder auf dem Borsigplatz präsentieren zu können - so die landläufige Meinung. Zumindest sei sie nicht so ausgeprägt wie beim Rivalen aus dem Süden.

Bayern hat diese absolute Winner-Mentalität. Vielleicht haben wir manchmal die falsche Mentalität und die falsche Einstellung.

Roman Bürki

Und in Dortmund hat man dann ja auch etwas getan: Emre Can kam im Winter als "Mentalitätsspieler". Erling Haaland ist zwar noch sehr jung, aber auch ein Spieler mit großem Willen. 13 Siege, 4 Niederlagen und 39 Zähler in der Rückrunde ist dann auch durchaus eine beachtliche Bilanz - im Vergleich zu den fast makellosen 49 Punkten (16 Siege, 1 Remis) des FC Bayern wirkt sie dennoch ernüchternd.

Roman Buerki
Kimmichs Geniestreich sorgte für den FCB-Sieg in Dortmund | Pool/Getty Images

Mentalität als Deckmantel für fehlende Qualität

Die Frage nach dem "warum", dürfte den BVB in der Analyse der Spielzeit weiter antreiben. Ist es wirklich die fehlende Mentalität, die den Ausschlag gibt?

Sicherlich, die Mannschaft lässt diesen Schluss zumindest zu. Wenn Spiele wie gegen Hoffenheim lustlos verloren werden, wenn man bei Aufsteiger Union Berlin verliert oder gegen den Tabellen-18. aus Paderborn im eigenen Stadion nicht über ein Remis hinaus kommt.

Doch ob hierbei das Hauptproblem liegt - in einem ohnehin kaum greif- und messbaren Merkmal - darf zumindest bezweifelt werden. Vielmehr sollte man den Blick auf das allerwichtigste werfen, das darüber entscheidet, wer Meister wird und wer nicht. Und das ist nun mal die sportliche Qualität.

Lucien Favre wurde auch zum Saisonende nicht müde zu betonen, dass die beim FC Bayern größer ist als beim BVB. Er hat recht! Deutlich wird das vor allem in den direkten Duellen. Ohne einen Zähler gegen den Rekordmeister, rückt die Meisterschaft schon automatisch in weite Ferne. Fakt ist - auch wenn das Spiel in Dortmund durchaus ausgeglichen war -, der BVB war von einem Sieg gegen die Bayern so weit weg wie Schalke und der HSV von konstantem Fußball.

Winner Winner Chicken Dinner

Die beiden Spiele sind mehr als bloß ein Indiz, dass die Qualität in Dortmund einfach schlechter ist, als die in München. Weitere Indizien gefällig? Die Qualität einer Mannschaft zeigt sich auch in entscheidenden Situationen und Spielen. Gerade dann macht sie den Unterschied. Und beim BVB war in den letzten beiden Jahren in den Pokalwettbewerben immer schnell Schluss.

Sicher, hier spielt auch die viel-zitierte Mentalität eine Rolle. Aber am Ende ist diese nur ein Teil von dem, was derzeit den Unterschied ausmacht: Qualität! Bei aller Sehnsucht nach Titeln, muss man sich beim BVB das einfach zugestehen. Denn die von Roman Bürki angesprochene Winner-Mentalität beim FC Bayern ist ein absolutes Qualitätsmerkmal. Fehlt diese, fehlt eben Qualität - es macht einfach keinen Sinn, das zu trennen.

Welche Schlüsse man daraus in diesem Sommer zieht, bleibt abzuwarten. Finanziell scheinen keine allzu großen Sprünge drin zu sein (siehe Hakimi-Abgang). Für den Titel braucht es eine überragende Saison, in der alles passt, schwächelnde Bayern (wie in der Hinrunde und unter Hansi Flick nicht mehr abzusehen) und Zählbares in den direkten Duellen. Realistisch betrachtet bleibt die Dortmunder Borussia das, was sie schon in diesem Jahr war: Der Herausforderer und Außenseiter im Titelrennen mit dem FC Bayern.