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Multiplikatoren des Teamerfolgs: Warum defensive Mittelfeldspieler so wichtig sind

Nikolas Pfannenmüller
N'Golo Kante (links) und Joshua Kimmich (rechts, in weiß) zählen zu den besten Sechsern der Welt.
N'Golo Kante (links) und Joshua Kimmich (rechts, in weiß) zählen zu den besten Sechsern der Welt. / Soccrates Images/GettyImages
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Defensive Mittelfeldspieler müssen vielseitig sein. Einerseits sind sie für den Aufbau des Angriffspiels ihrer Mannschaft verantwortlich, andererseits müssen sie gegnerische Angriffe unterbinden. In einer funktionierenden Mannschaft sind selbstverständlich alle Spieler wichtig, ohne einen zuverlässigen defensiven Mittelfeldspieler kann das Gerüst allerdings in seine Einzelteile zerfallen.


Beschäftigt man sich mit den Champions-League-Siegern der letzten Jahre, findet man kaum ein Team, das keinen defensiven Mittelfeldspieler von internationalem Format in seinen Reihen hatte: Real Madrid, Seriensieger von 2016-2018, konnte sich auf den Brasilianer Casemiro verlassen. Der FC Liverpool gewann den Henkelpott 2019, erst nachdem man im Sommer zuvor Fabinho verpflichtet hatte.

Der spielstarke Joshua Kimmich trug maßgeblich dazu bei, dass der FC Bayern München sich 2020 zum Champion krönte. In der letzten Saison setzte sich der FC Chelsea durch – eine Mannschaft, die mit dem unermüdlichen N’Golo Kante und dem Strategen Jorginho sogar mit zwei hochkarätigen defensiven Mittelfeldspielern bestückt ist.

Titel und Erfolge ohne einen herausragenden defensiven Mittelfeldspieler einzufahren, ist nahezu unmöglich. Fügt man einer ohnehin starken Mannschaft einen solchen Akteur hinzu, ist der ganz große Wurf möglich. Ein defensiver Mittelfeldspieler ist ein Multiplikator des Teamerfolgs.

Es gibt unterschiedliche Spielertypen auf der Sechs

Viele Mannschaften spielen mit einem etwas tiefer positionierten zentralen Mittelfeldspieler – genannt Sechser -, und einem etwas höheren zentralen Mittelfeldspieler – genannt Achter. Die Begriffe Sechser und Achter stammen noch aus einer Zeit, als Positionen im Fußball von 1 bis 11 vom Torwart bis zum Stürmer durchnummeriert wurden.

Der Sechser ist das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff, aber nicht jeder Sechser ist ähnlich. Sie können reine defensive Abräumer (Beispiel: Mark van Bommel), technisch starke Aufbauspieler (Beispiel: Joshua Kimmich) oder laufstarke sogenannte Box-to-Box-Spieler sein, die das Feld vom eigenen bis zum gegnerischen Strafraum beackern (Beispiel: Yaya Toure, der auch als Achter bezeichnet werden könnte). Am besten wäre natürlich ein kompletter Sechser, der all diese Eigenschaften erfüllt.

Welche Qualitäten sollte ein hervorragender Sechser haben?

Ein kompletter Sechser sollte eine robuste Spielweise an den Tag legen, zweikampf- und laufstark sein. Er sollte möglichst beidfüßig sein, eine gute Übersicht haben und den Ball über kurze, mittellange und lange Distanzen sicher verteilen können.

Sechser müssen in der Lage sein, den Ball unter Druck anzunehmen, zu verarbeiten und dann die richtige Entscheidung zu treffen: Manchmal ist es am besten, einen simplen Rückpass zu spielen. Manchmal ist es sinvoller, zum gegnerischen Tor aufzudrehen und anschließend einen Vorwärtspass zu spielen. Und wenn es die Spielsituation hergibt, kann auch ein Dribbling das Mittel der Wahl sein.

Der Schulterblick hilft bei der Orientierung

Um diese Entscheidungen innerhalb von Sekundenbruchteilen zu treffen, ist es unabdingbar, sich immer wieder und insbesondere bei der Ballanahme ein genaues Bild von seiner Umgebung zu verschaffen. Wie beim Abbiegen oder Überholen mit dem Auto hilft der Schulterblick auch bei der Orientierung im Fußball.

Als Sechser benötigt man einen „360-Grad-Blick“, da man beim Spiellaufbau von hinten raus meist in Richtung eigenes Tor und eigene Verteidiger blickt, während man seine Gegenspieler im Rücken spürt – diese mit den Augen aber nicht unmittelbar erfassen kann. Daher ist der Schulterblick so wichtig. Insofern haben Sechser eine schwierigere Aufgabe als etwa Innenverteidiger, die das Spielgeschehen vor sich haben und daher größtenteils nur einen „180-Grad-Blick“ benötigen.

Sechser können zudem profitieren, wenn sie ihr peripheres Sehen trainieren und über ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen verfügen. Abgesehen von allen technischen Fähigkeiten müssen Sechser das Spiel scannen, lesen und antizipieren können. Offene Räume frühzeitig zu erkennen und zuzulaufen ist eines der Kerngebiete defensiver Mittelfeldspieler.

Sechser müssen taktisch diszipliniert agieren

Zuletzt machen ein kluges Stellungsspiel und taktische Disziplin den Unterschied zwischen einem guten und einem hervorragenden Sechser. Letzter widersteht der Versuchung, seine Position zu verlassen und in die Offensive zu stürmen, wenn entweder das Risiko zu groß ist oder er um seine athletischen Defizite weiß, angesichts derer er bei einem gegnerischen Konter nicht mehr eingreifen könnte.

Ein hervorragender Sechser stellt sich in den Dienst der Mannschaft, ist selbstlos und muss akzeptieren, dass nach einem gewonnenen Spiel Lobeshymnen meist auf die Offensivspieler angestimmt werden.

Häufig geben Sechser auch Kommandos an ihre Mitspieler, da sie von ihrer Position einen guten Überblick über das Spielfeld haben. Sechser sollten stets zentral bleiben, denn die wichtigste Aufgabe ist es, den gefährlichsten Bereich des Spielfelds zu schützen – und das ist die Spielfeldmitte.

Ballverluste des Sechser können sofort bestraft werden

Presst der Gegner mit vielen Spielern hoch an, können Fehler des Sechsers wie Fehlpässe oder schlechte Entscheidungen sofort bestraft werden. Auch die Dauer der Entscheidungsfindung spielt eine Rolle, zu langes Zögern mündet meist in einem Ballverlust. Und der kann enormen Schaden anrichten – im Gegensatz zu einem Ballverlust eines Flügelspielers oder Stürmers.

Zu sehen war das bei der 1:2-Niederlage des FC Bayern München gegen den FC Augsburg vor wenigen Wochen, als Kimmich-Ersatzmann Marcel Sabitzer zu lange brauchte, um den Ball sicher anzunehmen und zu verarbeiten. In der Folge klaute ihm ein Augsburger den Ball. Da die Restverteidigung der Bayern nicht sortiert und ein Stück weit überrascht von Sabitzers Ballverlust war, kam Augsburg über einen Pass und eine Flanke zu einem Kopfballtor.

So gesehen ist ein Sechser nicht nur ein Multiplikator des kollektiven Erfolgs – sondern auch des Misserfolgs.

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