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Das Problem der Angst vor Neonazis im Fußball

Marc Knieper
Nazis im Fußball und die Angst vor ihnen bilden weiter ein großes Problem
Nazis im Fußball und die Angst vor ihnen bilden weiter ein großes Problem / GABRIEL BOUYS/GettyImages
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Es gibt sie noch immer zur Genüge: Neonazis in den Fußballstadien. Häufig toben sie sich gerade bei kleineren Vereinen abseits der medialen Präsenz aus. Während einige Vereine ihre Problem-Fans blind ignorieren, ergreifen andere mutig Initiative.


Kassel, Ulm und Essen: Auch bei westdeutschen Traditionsklubs wimmelt es auf den Rängen vor Rechtsradikalen. Die Vereine sind sportlich abgestiegen, genießen aber weiter eine hohe Popularität. Wegen der Abstiege ist die (mediale) Aufmerksamkeit nicht allzu hoch. Abseits der Öffentlichkeit passieren Dinge, die wir nicht sehen wollen - aber gesehen werden müssen.

Die Vereine gehen gänzlich unterschiedlich mit diesen Problemen um. Die Skala reicht von klarer Kante bis hin zu bloßer Ignoranz. Doch eine solche Ignoranz kann Menschen gefährden. Die Angst wird größer und größer - leider.

Rot-Weiss Essen weist 'Blindenvorwürfe' zurück

"Ich möchte ganz entschieden die Wahrnehmung oder gar den Vorwurf zurückweisen, dass Rot-Weiss Essen auf dem rechten Auge blind sei", sagt Essens Vorstandschef Marcus Uhlig in einem selbstgedrehten Statement-Video (via Sport inside).

"Natürlich gibt es hier bei uns eine Gruppe von Fans mit einer - sagen wir mal - rechtsoffenen Gesinnung. Dieses Problem gibt es allerdings bei ganz vielen anderen Vereinen auch. Wir möchten in keinster Weise irgendein Problem kleinreden, aber wir müssen schon auch die Größe und den Kontext sehen", meint der 50-Jährige weiter.

"Ich darf an der Stelle auf unsere Satzung verweisen. Unsere Satzung sagt ganz klar - und daran halten wir uns auch, das leben wir auch aus -, dass wir uns gegen jedwede rechten oder verfassungsfeindlichen oder fremdenfeindlichen Gesinnungen stellen."

Relativierung aus Angst vor Konfrontation

Tatsächlich: Die Satzung enthält diesen Paragrafen als Aufgabe des Vereins. Doch in der Realität unternimmt Rot-Weiss Essen rein gar nichts. Man verzichtet bei den Einlasskontrollen weiterhin auf das Überprüfen von Neonazi-Kleidung. Zudem waren rechtsextreme Fans sogar schon als Ordner angestellt - zuständig für die "Sicherheit" im Stadion.

Die Aussagen des Vorstandsvorsitzenden klingen ohnehin nach einer starken Relativierung. Nach den Worten "rechtsoffene Gesinnung" folgt die Ansage, man wolle nichts "kleinreden". Doch genau das tut er damit. Liebe Vereinsführung in Essen: Man darf das Wort "Neonazi" ruhig in den Mund nehmen. Nur so wird allen klar, wie ernst die Lage ist.

Vor allem die "Steeler Jungs" erhalten Überhand im Stadion an der Hafenstraße - eine laut NRW-Verfassungsschutz rechtsextremistische, bürgerwehrähnliche Gruppierung aus dem Essener Stadtteil Steele.

Mitte September waren es in vorderster Linie rechtsradikale RWE-Fans, die nach Spielende völlig kontextlos den Heimblock des Ligakonkurrenten Preußen Münster stürmten. Immerhin: Der SCP stellte Strafanzeige und erwirkte bundesweite (noch nicht rechtskräftige) Stadionverbote - auch gegen Steeler Jungs.

KSV Hessen Kassel als Paradebeispiel im Kampf gegen Nazis

Das riesige Problem: Die Angst. Normale Fans trauen sich im Stadion häufig gar nicht das Wort zu ergreifen. Die Vereinsführungen haben erst recht keine Lust auf Konfrontation und ignorieren die rechten Problem-Fans deshalb lieber.

Der Regionalligist KSV Hessen Kassel hingegen bezieht Stellung, unternimmt sogar etwas, wenn seine Fans auf Nazi-Aufmärschen klar erkennbar mit Vereinskleidung unterwegs sind. Mit zahlreichen politischen Botschaften werden die rechten Fans langsam, aber sicher aus dem Block vergrault.

Die Verantwortung wird dabei keinesfalls abseits der Stadions abgegeben, der KSV spricht sich auch stadtgesellschaftlich gegen Rechtsradikalität, Rassismus, Diskriminierung und Co. aus. Gemeinsam mit den Ultras gibt es eine Charta: Wer mit Neonazis sympathisiert muss draußen bleiben.

Dennoch: Bei vielen Klubs - so auch in Essen und Ulm - überwiegt die Angst vor der Macht der rechtsextremen Gruppen. Doch ohne mutig Initiative zu ergreifen, wird sich nichts ändern, sondern vielmehr verschlechtern. Klare Kante gegen Rassismus!

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