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Die Debatte um Claudia Neumann: Sexismus, Ghostbusters und Geschmacksache

Christian Gaul
Claudia Neumann wird zunehmend kritisiert
Claudia Neumann wird zunehmend kritisiert / Tristar Media/Getty Images
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Die Journalistin und Reporterin Claudia Neumann erhitzt die Gemüter. Im Dickicht der sozialen Tretminen ist es jedoch schwierig, die Debatte um die 57-Jährige sachlich und ergebnisorientiert zu führen.

Der Versuch eines Kommentars.


Schon während der EURO 2021 entbrannte eine scharfe Diskussion um die Sportreporterin Claudia Neumann, die während des Turniers als Kommentatorin für das öffentlich-rechtliche Fernsehen aktiv war und dabei besonders in den sozialen Medien kritisiert, beleidigt und bedroht wurde.

In der Folge veröffentlichte Neumanns Arbeitgeber in Teilen diese Auswüchse menschlicher Abgründe und stärkte seiner Mitarbeiterin den Rücken.

"Der Fernsehrat steht ausdrücklich hinter den angegriffenen Protagonistinnen sowie den Redaktionen und verurteilt jegliche Form von Beleidigungen, Pöbeleien oder gar Hassbotschaften", wurde ein Sprecher des ZDF-Fernsehrates damals zitiert (Quelle: Stuttgarter Nachrichten).

Der Nutzen dieser Aktion scheint sich jedoch in Grenzen zu halten, denn auch während Neumanns Tätigkeit bei den laufenden Olympischen Spielen ebbt die Debatte nicht ab und das Netz kritisiert, beleidigt und unterstellt weiterhin nach allen Facetten.

Dabei sollte man jedoch versuchen zu durchdringen, woher die scheinbar mehrheitsfähige Abneigung gegenüber Neumann rührt, statt sich schlicht auf den ein oder anderen "Ismus" zu berufen.

Allerdings sollte eines klar gesagt werden: Beleidigungen, Drohungen oder andere Anfeindungen haben mit Kritik nichts zu tun. Deshalb geht es in diesem Kommentar auch in keinster Weise darum, diese "Formen der Meinungsäußerung" zu relativieren.

Geschmacksache und die Angst vor dem Shitstorm - keine gute Grundlage

Kann sich noch jemand an die 2016 erschienene Neuverfilmung der Ghosbusters-Franchise erinnern, in der nun vier Frauen die Rolle der vormals männlichen Geisterjäger übernahmen? Oder vielmehr an das absolute Scheitern dieses Films an der Kino-Kasse? Sofort war die Rede von sexistischer Meinungsmache und frauenverachtenden Ansichten des nicht-zahlenden Publikums.

Doch letztlich kam der Film bei vielen Menschen einfach nicht an, unabhängig vom Geschlecht der Darsteller.

Ähnlich verhält es sich auch in der Debatte um Claudia Neumann, wo man nicht lange warten musste, bis die durchaus in weiten Teilen auch sachlich vorgetragene Kritik als klarer Sexismus von traditionalistischen Fußball-Glotzern, die mit einer Frau am Mikrofon den Glauben an die heile Welt verlieren, deklariert wurde.

Und sicherlich gibt es diese ewiggestrigen Pantoffelhelden, die ihren Verlust des geschätzten Weltbildes in Form von Pöbelei und Hass in den Äther grunzten - doch sollte man nicht jegliche Kritik mit diesem Label versehen, um damit seine eigene Position vermeintlich zu stärken.

Und schon gar nicht sollte man diesen uninspirierten Neandertalern das Gefühl geben, dass sie ein valider Teil der tatsächlichen Diskussion um Claudia Neumann sind - Differenzierung tut manchmal weh, aber es hilft ja nichts.

Interessanterweise nimmt man sich auch medial nur sehr ungern dieses Themas an, die Angst vor dem folgenden Shitstorm ob der vielen Fettnäpfchen ist einfach zu groß.

Viele der Neumann-Kritiker finden es gleichermaßen zauberhaft und überfällig, dass mit Claudia Neumann oder auch Stephanie Baczyk endlich auch weibliche Stimmen landesweit zu hören sind, wenn es um das sportliche Entertainment geht. Lange genug hatte man das Gefühl, dass die Männer-Domäne des Fußballs auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Stein gemeißelt ist.

Zudem wird der männliche Kollege Béla Réthy gefühlt seit einem halben Jahrhundert von vielen Zuschauern kritisiert oder belächelt. Oder man fragt bei Tom Bartels nach, was das Netz während einer Partie so über ihn zu sagen hat.

Letztlich verhält es sich wie beim Ghostbusters-Remake. Der eine Zuschauer besteht beim Live-Fußball auf eine motivierte und mitreißende Stimme, der andere fragt sich, ob Claudia Neumann ihm zu den zwei Aalen auch gleich noch eine Flunder rüber wirft. Hüben genießt man die ruhige und nachdenkliche Stimme von Stephanie Baczyk, drüben ist man bereits eingeschlafen.

Es ist Geschmacksache, die sich in sachlicher Kritik äußern darf, welche bei entsprechender Anzahl die Verantwortlichen zum Handeln zwingen wird. Stupide Pöbeleien und Kommentare von Urwald-Proleten sind in dieser Debatte jedoch genauso wenig willkommen, wie ein pauschalisierter Sexismus-Verweis zielführend ist.

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