Frauen-Champions-League

Champions League-Finale zwischen Barcelona und Lyon: Der Beginn einer neuen Rivalität?

Helene Altgelt
Olympique Lyonnais v FC Barcelona: 2021 Women's International Champions Cup
Olympique Lyonnais v FC Barcelona: 2021 Women's International Champions Cup / Abbie Parr/GettyImages
facebooktwitterreddit

Wenn heute Abend um 19 Uhr die beiden besten Frauenteams Europas in Turin aufeinandertreffen, geht es nicht nur um die Champions-League Trophäe. Es geht auch um den Anspruch zweier Clubs, der dominante Frauenfußball-Verein Europas zu sein. Es geht um eine Dynastie mit sieben Champions-League-Titeln, deren Vormachtstellung von einem brillanten Kollektiv infrage gestellt wird. Es geht um Rache für eine schmerzhafte Niederlage in Budapest und um die Frage, wer von der Geschichte als bestes Team dieser Zeit angesehen werden wird. Barcelona gegen Lyon könnte die prägende Rivalität im Frauenfußball der nächsten Jahre werden.


Als Aitana Bonmatí 2012 zum FC Barcelona wechselte, hatte Wendie Renard bereits zwei Champions-League-Titel gewonnen. Dass in den nächsten sieben Jahren noch fünf weitere dazukommen würden, war damals noch nicht zu erahnen. Die französische Innenverteidigerin Renard war mit ihren 22 Jahren ein großes Talent. Ihre Karriere nahm in diesem Jahr an Fahrt auf, sie avancierte zur Stammspielerin in der französischen Nationalmannschaft und wurde ein Jahr später in die All-Star Elf der EM 2013 gewählt. Aitana Bonmatís Karriere hatte zu dem Zeitpunkt gerade erst begonnen.

TOPSHOT-FBL-EUR-C1-PSG-LYON-WOMEN
FRANCK FIFE/GettyImages

Zehn Jahre später hat Renard den Status als aufstrebende Spielerin längst abgelegt und ist inzwischen mit 100 bestrittenen Spielen die Rekordspielerin der Frauen-Champions-League. Heute Abend wird sehr wahrscheinlich der 101. dazukommen, und ob der Abend zum Erfolg für sie wird, wird auch davon abhängen, ob sie die offensive Mittelspielerin Aitana in den Griff bekommt. Aitana, 2012 mit 13 Jahren zu Barcelona gekommen, ist inzwischen unumstrittene Stammspielerin bei der Blaugrana. Manche nennen sie bereits die Nachfolgerin von Alexia Putellas, der Ballon d'or-Gewinnerin und vermutlich besten Fußballspielerin derzeit.

Aber noch steht Alexia mit 28 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, und sie dominiert das Mittelfeld zusammen mit der jungen Aitana Bonmatí und der Sechserin Patri Guijarro. Das Triumvirat ist das vielleicht beste Mittelfeldgespann der Welt, und allein das zeigt, wie sich die Zeiten seit 2012 geändert haben. Denn lange Zeit war das Lyoner Mittelfeld das Maß aller Dinge. Amandine Henry, Dzsenifer Marozsan, Camille Abily, Saki Kumagai, Amel Majri, Louisa Nécib: An das spielerische Können der Lyon-Stars kam lange niemand ran.

Lange konnte nur der VfL Wolfsburg Lyon Paroli bieten und durchbrach die Dominanz mit Champions-League-Siegen 2013 und 2014. Danach folgte eine Serie von teils sehr bitteren Niederlagen gegen Lyon: 2016 im Finale im Elfmeterschießen, 2017 im Viertelfinale, 2018 im Finale in der Verlängerung, 2020 im Finale. Falls die Wolfsburgerinnen nächstes Jahr gegen die "fenottes", wie Lyons Frauenteam genannt wird, antreten, werden sie auf eine Revanche brennen.

Delphine Cascarino, Ewa Pajor
VfL Wolfsburg Women's v Olympique Lyonnais - UEFA Women's Champions League Final / Clive Brunskill/GettyImages

Damit stehen sie nicht alleine da: Barcelona und Lyon haben noch eine lange Geschichte vor sich, aber eine folgenreiche Begegnung gab es bereits: 2019 erreichte der Club zum ersten Mal das Finale. Ab 2014 wurde konsequent in das Frauenteam investiert, die Philosophie war klar: Selbst ausgebildete Spielerinnen, vor allem aus Katalonien, sollten langsam zu einem Weltklasse-Team geformt werden. Die Zeit schien reif, um in Budapest die Früchte von jahrelanger Geduld zu ernten.

Lyon gegen Barcelona, das war auch schon damals ein gewisser Gegensatz. Mit den Erfolgen begleitete Olympique stets auch die Kritik, diese gekauft zu haben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie lange Zeit allen Mitstreitern finanziell deutlich voraus waren. Kein Wunder, dass sie so viele Titel gewinnen, wenn die Spielerinnen dort doppelt so viel verdienen wie sonst wo - so der Vorwurf. Lyon hielt dagegen, dass es ja nicht ihre Schuld sei, dass sie investierten, sondern die der Clubs, die es nicht taten. Aber trotzdem waren viele Sympathien eher bei dem Underdog aus Barcelona mit seinem Projekt, langfristig etwas aufzubauen, ohne viel Geld auszugeben.

Aber dieses Projekt war noch nicht vollendet. Bereits nach einer Viertelstunde war das Finale gegen ein furios aufspielendes Lyon verloren, nach 30 Minuten stand ein 4:0 auf der Anzeigetafel. Dem Ensemble in Weiß um die deutsche Spielmacherin Marozsán, Flügelflitzerin Shanice van de Sanden und allen voran der eiskalten Hattrickerin Ada Hegerberg gelang an diesem Tag alles, der Blaugrana fast nichts. Es war die ultimative Ernüchterung, ein hartes Zurückkommen in die Realität. Und vielleicht war es das, was Barça brauchte, um die letzten Schritte zu gehen.

Das Finale 2019 war ein Wendepunkt, ein Signal, dass es doch noch mehr braucht. In Teilen war bereits das zu erkennen, was Barcelona heute ausmacht: schnelles Passspiel, herausragende Technik. Aber Abwehrschwächen und vor allem eine eklatante physische Unterlegenheit sorgten dafür, dass das angepeilte Tiki-Taka aussah wie Schönwetterfußball. Barcelona blieb aber der Philosophie treu und veränderte den Spielstil nicht grundlegend. Dem Kader wurde mit Verstärkungen wie der norwegischen Flügelstürmerin Caroline Graham Hansen der letzte Schliff gegeben.

Diese Strategie zahlte sich aus, und 2021 stürmte Barcelona durch die Liga und die Champions League. Dort wartete der FC Chelsea mit Offensivspielerinnen wie Pernille Harder oder Sam Kerr. Von vielen wurde ein enges Finale prognostiziert, in dem beide Seiten mit Offensivfußball glänzen würden. Chelsea hatte zuvor Schwierigkeiten gegen Wolfsburg und Bayern gehabt, aber auch Barcelonas Sieg im Halbfinale gegen Paris Saint-Germain war keine klare Angelegenheit. Dennoch gab es rückblickend mehr als genug Anzeichen für das, was kommen würde: Barcelona war in der Liga ungeschlagen gewesen, hatte so viele Tore geschossen wie nie zuvor.

Vielleicht war die Erinnerung von 2019 noch allzu präsent, aber Barça 2021 war nicht dasselbe Team. Wo vorher große Lücken durch das hohe Pressing entstanden waren, wurde jetzt dem gegnerischen Team nicht die Zeit gegeben, diese zu finden - geschweige denn, sie auszunutzen. In diesem Finale 2021 kulminierte der Offensivfußball Barcelonas auf spektakuläre Art und Weise. Die Erinnerung von 2019 kam wieder hoch, denn das Finale war früh entschieden und nach nicht einmal 40 Minuten hatte ein Team 4 Tore erzielt. Dieses Mal war es Barcelona, das triumphierte und unwiderstehlichen Fußball spielte. Jeder Spielzug schien wie ein perfekt abgestimmter Vorstoß, exemplarisch dafür das 3:0.

FBL-EUR-C1-WOMEN-CHELSEA-BARCELONE
FBL-EUR-C1-WOMEN-CHELSEA-BARCELONE / BJORN LARSSON ROSVALL/GettyImages

Damit war Barça eine Wiedergutmachung gelungen, aber die Revanche steht noch aus. Heute Abend geht es auch darum, wer eigentlich der Herausforderer ist und wer etwas zu verteidigen hat. Barcelona verteidigt den Titel, aber Lyon verteidigt den Anspruch, als das beste Team anerkannt zu werden, und die Erinnerung an ihre sieben Titel. Zwei fantastische Spielzeiten von Barcelona überstrahlen in der Berichterstattung eine Dekade der Dominanz. Die Frage ist auch, ob das alte Lyon noch erhalten geblieben ist, die Mentalität eines Teams, das sicherlich nicht in jedem Finale die bessere Leistung brachte, aber mit Siegerwillen und Selbstbewusstsein den Sieg davontrug.

Falls Barcelona den Sieg in Turin davonträgt, wird wieder oft das Ende einer Ära heraufbeschworen werden. Und falls Lyon triumphiert, wird über die Kurzlebigkeit von Barças Dominanz diskutiert werden. Aber in jedem Fall wird dieses Finale kein Ende sein, sondern der Anfang einer neuen Rivalität.

Wo ihr das Finale sehen könnt, findet ihr hier heraus.

Alle News zum Frauenfußball hier bei 90min:

Alle Frauenfußball-News
Alle Champions League-News
Alle Fußball im TV-News

facebooktwitterreddit