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Bundesliga 2019/20: Welche verrückten Geschichten die Liga parat hielt - und was sich in Zukunft ändern muss

Amine Harit
Schalke hat seit Monaten keinen Grund zur Freude. Der Malocher-Klub ist die Lachnummer der Bundesliga. | DeFodi Images/Getty Images

Die Bundesliga-Saison 2019/20 ist am Samstagabend Geschichte. Alle Beteiligten, inklusive der Fans, haben eine nervenaufreibende und turbulente Saison erlebt, die wegen der Corona-Pandemie für viele Wochen stillstand. Ein Rückblick auf die Vorschau im August zeigt, dass der Fußball nur in Bruchteilen berechenbar ist.

Nach einer spannenden und spielerisch ansehnlichen Saison 2018/19 war die Hoffnung groß, dass der Offenisvtrend der Bundesliga fortgesetzt wird und noch mehr Mannschaften versuchen werden, spielerische Lösungen zu finden. Stattdessen war jedoch ein gegenteiliger Trend zu erkennen, weil die Mannschaften, die attraktiven Fußball gespielt haben, aus unterschiedlichen Gründen einen Knick erlitten haben.

Werder und Hoffenheim - Schatten ihrer selbst

So wollte Werder Bremen um einen Platz im Europapokal kämpfen - und nach Platz acht hatten die Verantwortlichen auch allen Grund dazu, dieses Ziel auszurufen. Doch weil der Weggang von Max Kruse nicht kompensiert wurde und sich eine unheimliche Verletztenmisere wie eine Seuche durch den Kader zog, landete Bremen im Tabellenkeller. Am Samstag kämpft die Mannschaft um die letzte Chance, sich zumindest in die Relegation zu retten, ihr Schicksal hat sie aber nicht mehr in der eigenen Hand. Viele Faktoren haben dazu geführt, dass Werder nur auf Rang 17 liegt und erstmals seit 1980 aus der Bundesliga abzusteigen droht.

Florian Kohfeldt
Florian Kohfeldt will den Abstieg des SV Werder mit aller Macht verhindern. Allerdings muss Bremen auf einen Patzer von Fortuna Düsseldorf hoffen. | Alex Grimm/Getty Images

Auch die TSG Hoffenheim konnte bei weitem nicht mehr so begeistern wie in der Vorsaison. Alfred Schreuder, der Nachfolger des zu RB Leipzig abgewanderten Julian Nagelsmann, probierte viele Formationen und Positionswechsel aus, konnte seine Spielidee aber nicht mit der Philosophie der Kraichgauer vereinen. Trainer und Klub passten nicht zueinander, weshalb der Niederländer Anfang Juni seinen Hut nehmen musste. Florian Kohfeldt, der Bremen im Abstiegsfall verlassen könnte, wird als potentieller Nachfolger gehandelt.

Klinsmann macht Hertha BSC zum Gespött der Liga

Doch auch Hertha BSC wurde nicht zum erhofften Dark Horse, das um einen Europa-League-Platz kämpft und mit ansehnlichem Fußball glänzt. Ante Covic sollte die Mannschaft fußballerisch weiterentwickeln, probierte jedoch zu viel auf einmal. Der 44-Jährige ist krachend gescheitert, nach nur 5 Siegen in 14 Spielen war Schluss. Ende November übernahm Jürgen Klinsmann, doch der ehemalige Bundestrainer sollte die Alte Dame endgültig ins Chaos stürzen. Spielerisch lieferte die Mannschaft ein Armutszeugnis nach dem anderen ab, beschränkte sich auf destruktiven Defensivfußball ohne jegliche Struktur im Vorwärtsgang.

Juergen Klinsmann
Visionär Jürgen Klinsmann verpasste der Hertha keinen neuen Glamour. Im Gegenteil: Der "Big City Club" steckte unter seiner Leitung im Abstiegskampf. | TF-Images/Getty Images

Mit zwölf Punkten aus neun Spielen hielt Klinsmann die Hertha über Wasser, im Februar verkündete er jedoch ohne Rücksprache mit den Verantwortlichen seinen Rücktritt über Facebook. Anschließend sorgte das "Klinsmann-Tagebuch", in welchem er mit dem gesamten Klub abgerechnet hatte, für Ärger, Verwunderung und Spott.

Klinsmann, der von Investor Lars Windhorst einen Platz im Aufsichtsrat erhielt, der ständig von der Vision sprach, die Hertha zu einem "Big City Club" machen zu wollen, zog sich wie ein wütender Teenager zurück. "Das kann man vielleicht als Jugendlicher machen, aber im Geschäftsleben unter Erwachsenen, wo man ernsthafte Vereinbarungen hat, sollte man das nicht machen", sagte Windhorst auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Manager Michael Preetz und Klubpräsident Werner Gegenbauer (via n-tv).

Totales Chaos auf Schalke

Ein besonderes Augenmerk galt auch dem FC Schalke 04. Unter David Wagner sollte die Mannschaft galligen Umschaltfußball spielen, anders als in der Vorsaison. Und tatsächlich spielte die Mannschaft in der Hinrunde guten Fußball, sammelte immerhin 30 Punkte und wähnte sich auf einem fünften Tabellenplatz. Auf und neben dem Platz geriet jedoch alles aus dem Ruder. Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies beschädigte mit dem Rassismusvorfall im August und der darauffolgenden "Strafe" von drei Monaten Pause das Ansehen des Vereins, aktuell sorgt er mit einem Corona-Ausbruch in seiner Fleischfabrik für Fassungslosigkeit. Weitere Desaster waren die Offenlegung der finanziellen Not-Situation in der Corona-Krise, der Härtefallantrag für die Geldrückerstattung sowie die Kündigung von 24 Fahrdienstkräften, die von einem externen Dienstleister abgelöst werden.

Die Mannschaft hat es der Führungsetage in der Rückrunde gleichgetan. Seit 15 Spielen ist Schalke sieglos, David Wagner sieht Woche für Woche einen seelenlosen Auftritt seiner Spieler. Begründet werden die Armutszeugnisse mit den vielen Verletzten. "Wagner ist ein guter Trainer. Wenn ihm eine gute Mannschaft zur Verfügung steht, lässt er guten Fußball spielen", verteidigte Sportvorstand Jochen Schneider seinen Trainer - diese Aussage ist allerdings mehr als unglücklich gewählt. Ja, Schalke hat einen Kader mit erheblichen Schwachstellen, ja, Schalke hatte enormes Verletzungspech - doch all das entschuldigt nicht die Ausbeute von 9(!) mageren Punkten vor dem 34. Spieltag. Schlechter ist nur der Absteiger aus Paderborn (8).

Der Meisterkampf war enger, als er vermuten lässt

Allerdings gab es auch positive Lichtblicke: Weil sowohl der FC Bayern als auch Borussia Dortmund alles andere als eine souveräne Hinrunde gespielt haben, kämpften RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach lange Zeit um die Tabellenspitze. Herbstmeister wurde RB, die Sachsen mussten Bayern und Dortmund allerdings den Vortritt lassen. In einem hartnäckigen Kampf setzten sich die Bayern zum achten Mal in Folge durch, weil Hansi Flick Anfang November das Zepter nach der 1:5-Klatsche gegen Eintracht Frankfurt übernahm und sich als betmöglicher Cheftrainer für die Bayern herausgestellt hat.

Der 10-Punkte-Vorsprung spiegelt nicht ansatzweise wider, wie eng der Meisterkampf war. Letztlich verspielte Dortmund die Titelchancen in den direkten Duellen: In München setzte es ein 0:4, im eigenen Stadion verlor Schwarz-Gelb denkbar knapp mit 0:1.

Ansehnliche Leverkusener - Hertha-Trendwende dank Labbadia

Eine weitere positive Überraschung ist Bayer Leverkusen. Auch die Werkself erlebte eine Achterbahnfahrt in der ersten Saisonhälfte, steigerte sich mit dem Winter-Transfer von Edmond Tapsoba aber ungemein. Peter Bosz verfügt über eine stabile Mannschaft, die seine Spielweise verinnerlicht hat, über extremes Tempo und ungeheure Kreativität verfügt, und die verdient im DFB-Pokalfinale steht. Für die Champions League wird es wohl aber nicht reichen. Vor dem 34. Spieltag beträgt der Rückstand auf Gladbach zwei Punkte, aufgrund der schlechteren Tordifferenz (+16 gegenüber +25 bei Gladbach) muss Leverkusen darauf hoffen, dass Hertha BSC die Fohlen ärgert.

Peter Bosz
Mit der Entwicklung in der Rückrunde kann Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz mehr als zufrieden sein | Matthias Hangst/Getty Images

Apropos Hertha: Die spielt mittlerweile ordentlichen Fußball. Bruno Labbadia ist nach Covic, Klinsmann und Alexander Nouri der vierte Trainer in dieser Saison und trotz der Corona-Pause der erste, dem es gelungen ist, der Mannschaft eine klare Struktur zu verleihen und ihr eine offensive Spielidee an die Hand zu geben. Labbadia gewann vier seiner acht Spiele, konnte Ex-Klub Leverkusen am vergangenen Wochenende verdient mit 2:0 schlagen. Dank seiner Dienste kletterte die Hertha auf Tabellenplatz zehn. In der nächsten Saison ist noch mehr drin.

Was der Bundesliga fehlt, um attraktiver zu werden

Es war viel los in dieser Saison, doch viele Spiele ohne Beteiligung der Mannschaften aus den Top-Sechs haben wenig Spaß gemacht. Die Bundesliga-Trainer haben sich in den vergangenen Jahren zu sehr darauf fokussiert, reaktiv zu spielen und auf Umschaltmomente zu lauern. Kompakte Abwehrketten, konsequentes Verschieben, diszipliniertes Pressing und überfallartige Konter gehören zum absoluten Standard-Repertoire. Mit dem Ball weiß ein Großteil der Mannschaften aber wenig bis gar nichts anzufangen. Will die Deutsche Fußball-Liga ihr Produkt in Zukunft auch im Ausland besser vermarkten, braucht es mehr als Spannung im Meisterkampf - es braucht vor allem attraktiveren Fußball in der unteren Tabellenhälfte.