Bayern München

Erst Flop - jetzt top: Die rasante Aufwärtsentwicklung des Leroy Sané!

Guido Müller
Vom ausgepfiffenen Sündenbock zum gefeierten Leistungsträger: Leroy Sané hat in den letzten Monaten eine beachtliche Entwicklung gemacht
Vom ausgepfiffenen Sündenbock zum gefeierten Leistungsträger: Leroy Sané hat in den letzten Monaten eine beachtliche Entwicklung gemacht / Sebastian Widmann/GettyImages
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Wenn es einen Spieler im aktuellen Kader des FC Bayern München gibt, der in dieser Spielzeit eine 180 Grad-Wende in seinen Leistungen vollzogen hat, ist dies Leroy Sané. Im August noch von den eigenen Fans ausgepfiffen, hat der 25-Jährige seitdem eine bemerkenswerte Aufwärtsentwicklung vollzogen. Auch dank des Zuspruches seitens der Verantwortlichen.


Zwei Spiele in der Münchener Allianz-Arena markierten Sanés erste Wochen in dieser Spielzeit beim deutschen Rekordmeister.

Da war zum einen, im Juni, das Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der EURO2020 gegen Ungarn, in dem er kurz vor Schluss, und als es darum ging, gegen die Magyaren ein 2:2-Unentschieden (das zum Weiterkommen reichte) über die Zeit zu bringen, eine aussichtsreiche Konterchance durch einen schlampigen Pass fast schon fahrlässig wegwarf.

Leroy Sane
Bei der EURO2020 wusste Sané nicht zu überzeugen - und wurde sogar von den deutschen Fans ausgepfiffen / Soccrates Images/GettyImages

Zum anderen war da das Liga-Heimspiel, fast auf den Tag genau zwei Monate später, gegen den 1.FC Köln. Kurz vor dem Halbzeitpfiff verlor der Angreifer den Ball - und musste sich in den Sekunden danach in der Zeit zurückversetzt fühlen.

Denn wie beim Spiel gegen die Ungarn von den deutschen Anhängern, wurde Sané für seine unglückliche Aktion gegen die Domstädter diesmal von den FCB-Fans gnadenlos ausgepfiffen.

Die, die pfiffen, ob im Juni oder im August, sahen sich in ihrer vorgefassten Meinung bestätigt, dass der im Sommer 2020 für 60 Millionen Euro von Manchester City verpflichtete Offensivmann einer der größten Transfer-Flops der letzten Jahre sei.

Denn schon in seiner Debütsaison (2020/21) wusste Sané nur äußerst sporadisch zu gefallen. Wie auch Sané selbstkritisch gegenüber der Bild am Sonntag anmerkte: "Insgesamt war ich mit mir selbst nach der ersten Saison natürlich auch nicht zufrieden. Ich wusste, dass ich mehr zeigen kann."

Köln-Spiel als Wendepunkt

Gegen die Kölner konnte er dieses Wissen um die eigene Stärke zwar nicht mehr in Taten ummünzen, denn sein Neu-Trainer an der Säbener Straße, Julian Nagelsmann, zeigte sich als einfühlsamer Pädagoge - und nahm den sensiblen Flügelstürmer, zu dessen eigenem Schutz, aus der Partie.

Offenbar mit Erfolg. Denn schon sechs Tage später lieferte Sané, wie die gesamte Bayern-Mannschaft, ein überzeugendes Spiel gegen die Hertha ab und schlug erstmals in dieser Saison laut auf den Tisch. Mit 5:0 wurden die Hauptstädter aus der Allianz-Arena gefegt - und Sané gelang dabei sein erster Scorerpunkt der Saison.

Leroy Sane
Beim 5:0 gegen die Hertha gelang Sané der erste Scorerpunkt der Punktspiel-Saison. Prinzip Ketchup-Flasche... / Boris Streubel/GettyImages

Dass dies keine Eintagsfliege war, bewiesen die folgenden drei Spieltage (gegen Leipzig, Bochum und Fürth), an denen ihm vier weitere direkte Torbeteiligungen (2 Treffer, 2 Vorlagen) gelangen. Innerhalb weniger Wochen war Sané der Turnaround vom fehlerbehafteten Sündenbock zur filigran über das Spielfeld schwebenden prägenden Figur im Angriffsspiel der Münchener gelungen.

Mit insgesamt 11 Toren hat er bereits zur Hälfte der Saison den Wert der Vorsaison (10 Tore) übertroffen. Dass er den Vorjahreswert in der Sparte Torvorlagen (letztes Jahr 12) angesichts von aktuell 11 Assists ebenfalls deutlich verbessern wird, daran zweifelt in München niemand mehr.

Doch wie ist diese rasante Entwicklung zu erklären? Den einen konkreten Grund will und kann auch der Spieler selbst nicht benennen. Schlichtweg deshalb, weil es ihn nicht gab. "Es war (...) nicht so, dass ich irgendwas persönlich geändert hätte oder nun zwei oder drei Gründe gesondert dafür hervorheben kann." (via bild.de)

Vielmehr hebt Sané hervor, dass schon seine Anfangszeit bei den Skyblues von Anpassungsproblemen gekennzeichnet war. "Auch bei Manchester City waren die ersten Monate nicht meine stärksten. Bei Bayern kam ich zudem aus einer langen und sehr schweren Verletzung."

Nur zur Erinnerung: erst im März 2020, wenige Monate vor seinem Wechsel an die Isar, hatte Sané eine siebenmonatige Leidenszeit aufgrund eines Kreuzbandrisses beendet. Dieser Verletzung war es auch zuzuschreiben, dass die Bayern im Sommer 2020 "nur" noch 60 Millionen Euro an Ablöse zahlen mussten- anstelle eines sich im dreistelligen Millionenbereich liegenden Betrags, der noch ein Jahr zuvor im Raum geschwebt war.

Sané erfuhr Unterstützung "von allen Seiten"

Was Sané nach seinem Tiefpunkt im August dieses Jahres wohl am meisten half, aus selbigem herauszufinden, war die unbedingte Unterstützung der Macher an der Säbener Straße.

"Ich habe von allen Seiten im Verein immer das Vertrauen gespürt. Die ganze Klubführung, aber auch ein Uli Hoeneß hat sich bei mir gemeldet und mir absolute Unterstützung signalisiert. So viel Zuspruch ist nicht in jedem Klub eine Selbstverständlichkeit."

Mit derart viel Rückendeckung spielt es sich natürlich gleich viel leichter. Vorbei die Fehler, die Pfiffe der Fans und die Selbstzweifel.

Sie sind mittlerweile dem Jubel der Anhänger, bisweilen sogar standing ovations während der Spiele gewichen. Für Sky-Experte Lothar Matthäus, in der Vergangenheit ein nicht gerade zurückhaltender Kritiker des Nationalspielers, mutierte Sané gar zum Spieler der Hinrunde der Münchener.

"Er ist jetzt ein Leistungsträger, geht vorneweg und ist zu einem der wichtigsten Spieler des FC Bayern geworden", so das Urteil des deutschen Rekordnationalspielers.

Doch lassen wir Sané selbst noch mal zu Wort kommen. "Es war einfach ein langer Prozess, aber es gab nicht diese eine zentrale Änderung, die für den Aufschwung gesorgt hat. Neuer Verein, neues Umfeld, hohe Erwartungshaltung und das nach einer langen Verletzung. Ich will aber gar nicht nach Ausreden suchen. Ich hatte selbst die Erwartungen an mich, dass ich schon früher in Schwung komme. Dafür habe ich auch viel getan."

Wie zum Beispiel Extra-Trainingsschichten an eigentlich trainingsfreien Sonntagen zu schieben. Zusammen mit Julian Nagelsmann, mit dem Sané in ständigem Austausch steht. "Mit Julian Nagelsmann habe ich ein super Verhältnis. Er zeigt mir immer wieder auf, wie ich in seinem Spielsystem noch besser zur Geltung kommen kann und wie wir uns gemeinsam als Team verbessern können."

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In ständigem Austausch - auch an trainingsfreien Tagen: Leroy Sané und Julian Nagelmann / LLUIS GENE/GettyImages

Denn das muss für einen Mannschaftssportler am Ende immer, noch vor der persönlichen Entwicklung, das übergeordnete Ziel sein.

Angesichts der steilen Formkurve der Münchener in den letzten Wochen des ausklingenden Jahres muss diese Ankündigung Sanés für die jetzt schon distanzierte Konkurrenz wie eine Drohung klingen. Erster "Verfolger" der Münchener ist der BVB - mit neun Punkten Rückstand!

Sanés Ziele für die Rückrunde sind entsprechend gesteckt. "Wir wollen keinen anderen Verein mehr an uns herankommen lassen und natürlich Meister werden. In der Champions League entscheiden wie immer Kleinigkeiten und Tagesformen in diesem Wettbewerb. Ich habe ihn noch nicht gewonnen und bin daher besonders motiviert."

Und wohin es mit Sané, im Kopf endlich befreit und von allen Seiten Unterstützung erfahrend, leistungstechnisch noch gehen kann, haben die letzten Monate seit jenem August-Erlebnis, mehr als nur angedeutet. Die Pfiffe gegen ihn dürften somit vorerst der Vergangenheit angehören.

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