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Hamburger SV

Als Bobic-Nachfolger: Was läuft zwischen der Eintracht und HSV-Sportchef Boldt?

Guido Müller
Mar 4, 2021, 1:31 PM GMT+1
Folgt HSV-Sportvorstand Jonas Boldt dem Ruf aus Frankfurt?
Folgt HSV-Sportvorstand Jonas Boldt dem Ruf aus Frankfurt? | Martin Rose/Getty Images
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Einem Bericht der Frankfurter Rundschau zufolge soll Bundesligist Eintracht Frankfurt an einer Verpflichtung von HSV-Sportvorstand Jonas Boldt als Nachfolger des scheidenden Fredi Bobic interessiert sein.

Als Jonas Boldt im Sommer 2019 beim Hamburger SV als Nachfolger von Ralf Becker als Sportvorstand präsentiert wurde, sagte der Nürnberger, dass er schon froh sei, wenn er nach langer Zeit der erste in dieser Funktion Verantwortliche sein würde, der seinen Vertrag erfüllt. Der für die PK eingerichtete Saal im Volksparkstadion füllte sich mit lautem Lachen.

Vertragsverlängerung erst im letzten November

Im November vergangenen Jahres verlängerte Boldt sogar seinen Kontrakt im Volkspark um zwei weitere Jahre (bis 2023). Die Arbeit, so Boldt damals, mache ihm "weiter viel Spaß" und der Weg mit dem HSV sei "definitiv noch nicht zu Ende".

Funktionär und Klub beendeten damals alle aufgekommenen Gerüchte über ein mögliches Engagement Boldts beim italienischen Spitzenklub AS Rom.

Jetzt ploppen also neue Gerüchte auf - diesmal aus Frankfurt. Die aufgrund ihrer sportlichen Entwicklung in den letzten drei Jahren mittlerweile wieder eine attraktive Perspektive (europäische Wettbewerbe inklusive) bieten können.

Ein Abgang Boldts im kommenden Sommer würde den HSV so oder so wieder in den Planungen zurückwerfen. Die allerorten eingeforderte Geduld und Kontinuität - sie wäre bereits nach zwei Jahren wieder über den Haufen geworfen. Da kann es auch nicht wirklich ein Trost sein, dass Boldt immerhin die ursprünglich anvisierte Vertragslaufzeit erfüllt hat.

Gemischte Transferbilanz von Boldt

In Bezug auf die Transferaktivitäten liest sich Boldts Bilanz im Volkspark gemischt. Im Sommer 2019 zum HSV gekommen, waren seine ersten Amtshandlungen, die von seinem Vorgänger Ralf Becker eingefädelten Transfers (darunter auch die von Trainer Dieter Hecking) final zu vollenden.

Spieler wie Daniel Heuer Fernandes, Jan Gyamerah, David Kinsombi, Jeremy Dudziak und Lukas Hinterseer fallen unter diese Kategorie.

Hauptverantwortlich zeichnete Boldt dann später für die Transfers von Timo Letschert, Ewerton, Xavier Amaechi, Tim Leibold, Adrian Fein, Sonny Kittel, Martin Harnik sowie die im Winter 2019/20 geholten Leihspieler Louis Schaub, Jordan Beyer und Joel Pohjanpalo.

In dieser Saison wurden mit Sven Ulreich, Toni Leistner, Klaus Gjasula, Moritz Heyer, Amadou Onana und Simon Terodde sechs weitere Spieler unter seiner Regie verpflichtet.

Letztjährige Verpflichtungen wie Letschert, Ewerton, Amaechi, Harnik, Schaub und Beyer erwiesen sich am Ende nicht als die erhofften Verstärkungen und sind, mit Ausnahme des an den KSC verliehenen Amaechi, auch schon längst nicht mehr beim HSV. Sie belasteten allerdings auch nicht über Gebühr die klammen Kassen des Traditionsklubs.

Von den Winterneuzugängen zündete allein der Finne Pohjanpalo (9 Treffer in 14 Spielen), war aber nach dem verpassten Aufstieg im Juni letzten Jahres für den Klub unerschwinglich.

Im vergangenen Spätsommer gelang es dem HSV mit ablösefreien Spielern wie Leistner, Gjasula, Onana und Terodde eine Korsettstange aus erfahrenen und entwicklungsfähigen Spielern zu bilden.

Toni Leistner
Seitdem er fehlt, kriselt´s beim HSV gewaltig: Toni Leistner | Oliver Hardt/Getty Images

Die Erwartungen komplett enttäuscht hat keiner von ihnen, wenn auch vor allem bei Gjasula noch reichlich Luft nach oben ist. Die durchaus noch vorhandenen Formschwankungen eines Onana sind auch dem jugendlichen Alter des Belgiers geschuldet.

Die Wertigkeit des von vielen (mich eingeschlossen) argwöhnisch beäugten Leistner zeigt sich, seitdem er verletzungsbedingt fehlt. Ohne ihn gewinnt der HSV nämlich nicht mehr. Und über die Richtigkeit des Terodde-Deals dürfte es sowie keine Zweifel geben.

Komplettiert wurde der Reigen der Neuzugänge durch die Transfers von Moritz Heyers (für den der HSV 600.000 Euro in die Hand nahm und der bisher öfter zu überzeugen wusste als andersrum) und die medial stark beachtete Verpflichtung von Sven Ulreich, der vom FC Bayern München nach Hamburg gelotst wurde.

Gerade der Transfer von Ulreich veranschaulicht wie schnell in Hamburg Diskrepanzen zwischen selbst geschürter Erwartungshaltung und den jeweiligen Realitäten entstehen. Der zweite Torwart des besten Klubs der Welt? Bei uns? Wahnsinn!

Sven Ulreich
Nach dem übertriebenen Hype um seinen Wechsel zum HSV mittlerweile auf Normalmaß gestutzt: Sven Ulreich | Martin Rose/Getty Images

Allerorten sonnte man sich im matten Abglanz des Champions-League-Siegers - und verschwieg darüber einfach, dass Ulreich in München nur selten zu Einsätzen kam (70 Pflichtspiele, davon 44 in der Bundesliga, in fünf Jahren!).

Und wenn - war er hier und da nicht frei von kapitalen Fehlern. Wie bei seinem folgenschweren Patzer im Champions-League-Halbfinalrückspiel in der Saison 2017/18 bei Real Madrid, als er Benzemas Führungstor zum 2:1 kurz nach Wiederbeginn ermöglichte - und das (unnötige) Ausscheiden der Bayern einleitete.

Für seine Transferaktivitäten kann man Boldt dennoch insgesamt ein zumindest befriedigendes Zeugnis ausstellen. Doch ob der gebürtige Nürnberger noch die Früchte seiner Arbeit in Hamburg wird einfahren können, steht in den Sternen.

Eintracht Frankfurt zur Zeit einfach sportlich attraktiver als der HSV - und mit mehr Ruhe auf der Führungsebene

Für die SGE spricht natürlich die aktuell weitaus bessere sportliche Grundsituation. Die SGE hat sich in den vergangenen Jahren konsolidiert und stabilisiert, hat ganz Fußball-Deutschland mit ihren glanzvollen Auftritten in der Europa League vor zwei Jahren begeistert und klopft in dieser Spielzeit schon vorsichtig an den Champions-League-Plätzen.

Und vor allem ist Ruhe im Klub. Das war früher auch nicht immer so. Und ist es beim HSV weiterhin nicht. Leider. Und genau dies könnte dem HSV in der Causa Boldt auch zum Verhängnis werden. Denn über den seit Monaten schwelenden Streit auf der Präsidiumsebene des e.V. (der natürlich direkte Auswirkungen auf das Binnenklima bei der HSV AG hat) hat sich kürzlich auch Boldt bitter beschwert.

Seine kommentierenden Aussagen von vor einigen Wochen (im Rahmen des Heimspiels gegen den SC Paderborn) lassen jedenfalls genug Platz für Spekulationen. "Ich bin jetzt fast zwei Jahre hier und habe das Gefühl, immer wenn es gut läuft, kommen ein paar Störfaktoren, um hier Unruhe reinzubringen." (Quelle: sky via sportbuzzer.de).

So klingt eigentlich die perfekte Entschuldigung, um im Sommer die Brocken hinzuschmeißen. Zwar nach Erfüllung des (ursprünglichen) Vertrages - aber irgendwie, wieder einmal, viel zu früh.

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