Frauen-EM

Alexia Putellas: Geniale Mittelfeldspielerin mit Faible für das Toreschießen

Helene Altgelt
Spain Women v Brazil Women - International Friendly Match
Spain Women v Brazil Women - International Friendly Match / Quality Sport Images/GettyImages
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Kopfbälle, Freistöße, Fallrückzieher, Abstauber: Tore wird es bei der EM 2022 reichlich geben. Aber wer kann sich am Ende die Torjägerkrone aufsetzen? 90min wirft einen Blick auf die vielversprechenden Kandidatinnen: Von Kunstschützinnen über kreative Köpfe bis hin zu Kopfballmonster. Im dritten Teil geht es um die Spanierin Alexia Putellas: Ballon d’or Gewinnerin, Strippenzieherin im Mittelfeld und Matchwinnerin zugleich.

Kurzvorstellung

Sie war diese Saison Toptorjägerin in der Champions League, hat in allen Wettbewerben 41 Tore und 23 Assists in 53 Spielen gesammelt und den Ballon d’or gewonnen. Trotzdem wird Alexia nicht als heißeste Kandidatin für die Torjägerkanone bei der EM gehandelt – das liegt vor allem an ihrer Position: Alexia spielt nicht, wie die anderen in dieser Serie, auf der Neun, sondern im offensiven Mittelfeld.

Sie interpretiert diese Rolle sehr frei, dringt immer wieder in den Strafraum vor und strahlt daher eine große Torgefahr aus. Da Freistöße und Elfmeter ebenfalls zu ihrem Repertoire gehören, ist sie für ihre Teams, Barcelona und Spanien, nicht nur wegen ihrer Kreativität, sondern auch wegen ihrer Treffer die vermutlich wichtigste Spielerin. Beide Mannschaften eint, dass sie meist nicht mit einer klassischen Mittelstürmerin spielen, sondern eher mit einer falschen Neun, die sich fallen lässt und nicht im Strafraum lauert. Sie und Alexia ergänzen sich, sodass die Dynamik nicht "Mittelfeldspielerin -> Stürmerin -> Tor" ist, sondern eher ein facettenreiches Offensivspiel, bei dem beide für Tore sorgen können.

Die Rolle dieser falschen Neun war bei der EM für Alexias Teamkollegin bei Barcelona, Jenni Hermoso, vorgesehen. Die 32-Jährige fällt aber mit einer Verletzung aus, an ihrer Stelle wird vermutlich eine jüngere, unerfahrenere Spielerin treten. Daher wird es bei der EM sehr darauf ankommen, inwiefern Alexia sie unterstützen kann und die Last von ihren Schultern mit ihren Toren nimmt. Mit 92 Länderspielen ist Alexia die Rekordspielerin Spaniens und hat die Erfahrung von mehreren großen Turnieren - und den damit verbundenen großen Enttäuschungen in den K.O.-Spielen, denn Spanien hat noch nie ein Spiel außerhalb der Gruppenphase gewonnen.

Karriere

Auch Alexia wird bei dieser EM mit hohen Erwartungen konfrontiert sein. Heute ist sie eine der bekanntesten Fußballerinnen der Welt und hat besonders unter Barcelona-Fans einen Kultstatus erreicht. Davon zeugen Kunstwerke von ihr in der Stadt, Werbeplakate und die Verkaufszahlen von Alexia-Trikots. Die Ballon d'or-Zeremonie letztes Jahr machte sie zu einem weltweiten Star - eine rasante und unvorhersehbare Entwicklung.

Noch 2019 war Alexia zwar Schlüsselspielerin von Barcelona und Spanien, einer größeren Öffentlichkeit aber eher unbekannt. In der Liste der besten 100 Fußballspielerinnen des Guardian in diesem Jahr war sie auf Platz 62 zu finden, zwei Jahre später war sie die unumstrittene Nummer 1. Viele Barcelona-Fans freuen sich, dass sie nun auch international die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Klubintern war sie schon lange als eine der besten Spielerinnen des Teams bekannt, zu ihrer Popularität trugen zudem ihre Verbundenheit zu Katalonien und ihre Vereinstreue bei.

Alexia wurde etwa eine Stunde entfernt von Barcelona geboren, in Mollet del Vallès. Mit sechs Jahren begann sie mit dem Fußballspielen, einige Jahre danach wurde ihr Traum als lebenslanger Barça-Fan wahr und sie wurde in die Akademie aufgenommen. Doch der FC Barcelona von 2006 war nicht derselbe Klub von heute, und ihr Verein würde sie über die Jahre mit der Vernachlässigung der Frauen-Sparte noch oft enttäuschen. Zum ersten Mal geschah dies nur ein Jahr nach ihrer Aufnahme, als sie den Klub bereits wieder verlassen musste. Nicht wegen ihres mangelnden Talents, sondern weil es kein passendes Mädchenteam in ihrer Altersklasse gab.

Es zog Putellas dann zum Lokalrivalen Espanyol, wo sie mit 16 Jahren im ersten Team debütierte. Nach einer Zwischenstation bei Levante kehrte sie 2012 schließlich zu Barcelona zurück, wo sie nun seit zehn Jahren spielt. Ein Jahr später folgte das Debüt für das spanische Nationalteam, ihr erstes Tor erzielte sie bei der EM im selben Jahr gegen England, als sie in der Nachspielzeit den Sieg sicherte.

Seit 2012 haben sich die Zeiten beim großen FC Barcelona gewandelt. Alexia trat immer lautstark für die Interessen ihrer Mannschaft ein, die lange Zeit nur zweitranging für den Verein war, wenn überhaupt. Das Team musste lange auf dem Parkplatz neben dem Camp Nou trainieren, erst 2015 erkannte Barca das Potenzial und investierte, um auch international angreifen zu können. Alexia spielte in diesem Prozess eine herausragende Rolle, war für Meilensteile wie das erste Tor einer Spielerin im Camp Nou verantwortlich. Barcelonas Plan trug Früchte: 2021 folgte die Krönung, der historische erste Champions-League-Sieg. Alexia dominierte das Mittelfeld, erzielte ein Tor und setzte ihre Teamkolleginnen klug ein. Von einem Tag auf den anderen war sie ein Star.

Vicky Losada
Chelsea FC v FC Barcelona - UEFA Women's Champions League Final 2021 / David Lidstrom/GettyImages

Spielstil

Statistiken sagen nicht alles und ohne Kontext ist solch ein Diagramm sinnlos, aber dennoch bekommt man bereits mit einem Blick einen guten Überblick über Alexias Qualitäten. Für eine Mittelfeldspielerin strahlt sie eine unglaubliche Torgefahr und auch Präsenz im Strafraum aus. Ihr gelingt es, dies mit einem exzellenten Überblick, technischer Qualität und intelligenten Läufen zu kombinieren, was sie unzweifelbar zu einer der besten Spielerinnen der Welt macht. Alexia hat die Hybrid-Rolle zwischen offensivem Mittelfeld und Sturm perfektioniert.

Torgefahr durch Beidfüßigkeit, Ruhe, Intelligenz und Ballkontrolle

Alexia ist eigentlich Linksfuß, hat in den letzten Jahren aber hart daran gearbeitet, auch mit rechts gefährlich zu sein. Ihr Fleiß wird immer wieder von Wegbegleitern herausgehoben, sie verbrachte Stunden mit Schusstraining. Heute ist sie beidfüßig und zeichnet sich durch ihre Schussgewalt und Präzision aus. Wenn die gegnerische Verteidigung ihr auch nur eine Sekunde Zeit lässt, sich den Ball zurechtzulegen und sich in eine ideale Position zu bringen, wird sie mit Sicherheit einen sehr guten Torschuss abgeben. Alexia ist vor dem Tor sehr überlegt und neigt nicht zur Überhastung. Ihre Tore kommen zudem meist anders zustande als die einer klassischen Stürmerin: Sie verwertet nicht viele Flanken, sondern bekommt oft den Ball in den Lauf gespielt oder empfängt einen Steilpass.

Für das Timing dieser Läufe und die Verwertung der schnellen Pässe braucht sie zum einen Spielintelligenz und zum anderen eine sehr gute Ballkontrolle. Für ihre Qualitäten als torgefährliche Spielerin hilft Alexia ihre Rolle als offensive Mittelfeldspielerin. Dadurch, dass sie genauso oft Empfängerin eines Steilpasses ist, wie auch Vorbereiterin selbst, erahnt sie, welche Bälle ihre Mittelfeld-Kolleginnen, Aitana Bonmatí und Patri Guijarro, spielen werden. Alexia übernimmt zudem viel Verantwortung, schießt Freistöße und Elfmeter - oft erfolgreich.

Feine Technik, aber nicht die körperlichste Spielerin

Schnelle Ballverarbeitung, Kontrolle, jede Berührung sitzt: Dafür steht Barcelona, dafür steht auch Alexia. Die vielen Stunden des Übens zeigen sich heute in Dribblings, Finten und feinen Ballannahmen. Alexia kommt oft an den Verteidigerinnen vorbei, legt dann zurück auf eine einlaufende Spielerin, um dann im Strafraum wieder den entscheidenden Pass zu erhalten. Insofern hat sie fast schon nicht nur eine doppelte, sondern eine dreifache Rolle: Auch die Läufe von innen und technische Finessen, die Flügelspielerinnen auszeichnen, zeigen sich in ihrem Spiel.

Alexia ist also eine Kunstschützin und Edeltechnikerin, die zudem mit ihrer Erfahrung als Mittelfeld-Dirigentin viele Bälle erahnt und auch selber als Vorbereiterin glänzt. Wie kann das gegnerische Team sie dennoch aus dem Spiel nehmen? Lyon hat im Champions-League-Finale gezeigt, wie es gehen kann (die komplette Analyse hier): Indem man ihr keine Zeit lässt, im richtigen Moment auch zum Foul greift und sie bereits im Mittelfeld in Zweikämpfe verwickelt, damit sie ihre Qualitäten vorne nicht ausspielen kann. Es war Barcelona anzumerken, wie sehr es sie nervte, dass ständig jemand auf ihren Füßen stand und sie bedrängte. Alexia ist nicht die körperlichste Spielerin, zudem braucht sie Platz und Zeit, um den Gegner einzuschnüren. Das sind kleine Schwachstellen, aber sie können ausgenutzt werden.

Ob als Vorbereiterin oder Vollstreckerin: Alexia strahlt immer Gefahr aus

Dennoch: auch Lyon gelang es nicht, Alexia ständig zu isolieren. Gerade nach dem 1:0 drängte Barcelona stark auf den Ausgleich. Wenn es Barcelona und besonders ihrer Kapitänin gelang, sich mit einer schnellen Finte aus dem französischen Klammergriff zu befreien, wurde es schnell gefährlich. Alexias doppelte Rolle sorgt dafür, dass sie als Vorbereiterin oder Vollstreckerin gedeckt werden kann, aber dann wird sie dank ihrer Vielseitigkeit in einem anderen Bereich des Platzes für Gefahr sorgen.

Von daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass Alexia, von ihren Fans als "La Reina" verehrt, sich tatsächlich bald die Krone als beste Torjägerin aufsetzen kann.

Teil 1 unserer Serie zu den besten Torjägerinnen Europas zur niederländischen Rekordtorschützin Vivianne Miedema findet ihr hier, ein Porträt von der "Königin von Paris", Marie-Antoinette Katoto, hier.

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