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90min diskutiert: VAR behalten oder wieder abschaffen? - Teil 2: Die Sicht der Fans

VAR behalten oder wieder abschaffen? Teil zwei der 90min-Diskussion: die Sicht der Fans
VAR behalten oder wieder abschaffen? Teil zwei der 90min-Diskussion: die Sicht der Fans / Michael Regan/Getty Images
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Der Videobeweis erlebt ein ewiges Für und Wider. Während ein Großteil der Diskussion fast ausschließlich auf der Fairness der Technologie und ihrer Regeln beruht, möchten wir in Teil zwei unserer Serie "90min diskutiert: VAR behalten oder wieder abschaffen?" einen besonderen Blick auf die Attraktivität des VAR aus Fansicht werfen.


Das Ziel des VAR ist jedem klar: er soll Fehlentscheidungen vermeiden und für mehr Gerechtigkeit sorgen. Doch noch immer führt das Konzept des Videobeweises viele Fußballfans regelmäßig in die Irre. Die Meinungen bezüglich des 2016 erstmalig in den Niederlanden eingesetzten Techniktools differieren stark. Erst kürzlich kostete die derzeitige Auslegung des VAR dem BVB im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League ein wichtiges Remis gegen Manchester City. Im Rückspiel kam es erneut bitter für Schwarz-Gelb: Nach den aktuellen Regeln, hätte der VAR den Elfmeter nach Handspiel von Emre Can zurücknehmen müssen. Tat er aber nicht!

So ganz zufrieden ist deshalb niemand mit dem VAR. Auch die Befürworter fordern eine fortlaufende Reformierung des noch immer fragwürdigen Konzeptes, wenngleich es den Fußball nachhaltig verbessert. Andere hingegen möchten zum alten Fußball, zur prä-technologischen Zeit ihres geliebten Sports zurückkehren und behaupten zumindest, auch schwerwiegende Fehlentscheidungen gegen ihren Klub in Kauf zu nehmen.


Contra - Attraktivität > Fairness: Der VAR als Spaßbremse

Dass der Videobeweis den Fußball rein sportlich trotz diffuser Auslegung häufig gerechter macht, möchte ich im Großen und Ganzen gar nicht anzweifeln. Doch darum soll es in den folgenden Zeilen nicht gehen. Stattdessen geht es um den Fußball, wie ich ihn kennen und lieben gelernt habe.

Der Fußball lebt durch seine Fans. Ein zutreffendes Sprichwort, welches so manch ein "Fußball-Gucker" (und hier nutze ich bewusst nicht den Begriff "Fan") zu vergessen vermag oder gar nie gewusst hat. Denn der auf der heimischen Couch hockende "Fußball-Gucker" ist es, der die folgenden Emotionen überhaupt nicht kennt - und für den der Fußball dank Videobeweis womöglich attraktiver (weil gerechter) wird.

Wenn ich aber von Attraktivität spreche, spreche ich aus Sicht der Fans. Aus Sicht einer Subkultur, die von ihren Emotionen lebt. Bei uns in Bremen singt man: "Samstags um halb vier bist du mein ganzes Leben, ich gehör‘ zu dir, was kann es Schöneres geben?". Die Schalker grölen: "Ins Stadion geh’n, mit‘m Pappbecher Bier, in der Nordkurve steh’n, das ist Schalke 04."

Werder Bremen: Fans jubeln mit Mannschaft
Der VAR bremst die Emotionen der Fußballfans / ODD ANDERSEN/Getty Images

Am Wochenende mit seinen Kumpels in der Kurve stehen. Seinen Lieblingsklub anfeuern und dabei für 90 Minuten die Alltagssorgen vergessen. Jubeln, sobald der Ball im Netz flattert, sich mit Gleichgesinnten in den Armen liegen, obwohl man sich noch nie zuvor gesehen hat, sich fürchterlich aufregen, wenn der Schiedsrichter wieder einmal die Abseitsposition des Gegners verkannt hat. Gefühle und Emotionen, die den Fußball zu dem machen, was er ist: (Hass-)Liebe und Ankerpunkt im Leben abertausender Fans.

Doch seitdem es den Videobeweis gibt, fungiert er als Spaß- und Emotionsbremse - nicht nur für die Fans im Stadion, sondern auch für die zahlreichen Fans vor den heimischen Fernsehgeräten und in den vielerorts prallgefüllten Pubs und Kneipen dieser Welt (auch hier spreche ich natürlich von einem prä-pandemischen Zustand).

Die Fußballkultur wird ihrer wichtigsten Komponente beraubt: der Spontaneität ihrer Emotionen. Emotionen freien Lauf lassen, heißt es so schön. Doch wie soll das im Fußball noch funktionieren, wenn man sich bei keinem einzigen Tor mehr sicher sein kann, ob irgendwo im Halbfeld nicht doch noch ein mickriger Trikotzupfer zu einer Aberkennung des Treffers führt. Oder aber, ob der Treffer trotz Abseitsposition dennoch zählt, da der Verteidiger mit seinen 47-er Latschen den Ball noch hauchzart berührte.

"Die Fußballkultur wird ihrer wichtigsten Komponente beraubt: der Spontaneität ihrer Emotionen."

Marc Knieper, 90min-Autor

Und was gibt es Schlimmeres, als den 1:0-Last-Minute-Treffer seiner Mannschaft erst völlig ekstatisch zu bejubeln, um nach fünfminütiger Prüfung dann doch zu erfahren, dass der Treffer revidiert und aberkannt wird? Das gilt im Übrigen nicht nur für die Fans, sondern auch für die Spieler. Immer mehr Profis freuen sich (sofern sie bspw. eine Abseitsposition vermuten) überhaupt nicht mehr über ihren Treffer, sondern warten erst die Entscheidung des VAR ab, um dann - ihrer spontanen Emotionalität beraubt - nur noch ein kleines Grinsen aufzusetzen.

Eine wahrlich traurige Entwicklung des Fußballs. Der Videobeweis bremst nicht nur den Spielfluss, sondern raubt die Emotionen, die den Fußball auszeichnen - zumindest für all jene, die nicht nur neutraler "Fußball-Gucker", sondern leidenschaftlicher Fan der schönsten Nebensache der Welt sind.

(Marc Knieper)


Pro - VAR als Emotions-Multiplikator

Jaja, früher war alles besser. Als der Ball noch gefühlte fünf Kilo wog und Fußballschuhe klobiger als ein Paar Gummistiefel waren, gewannen die DFB-Frauen für den Gewinn der Europameisterschaft 1989 immerhin noch ein Kaffeeservice. Auch die "Hand Gottes" oder der geniale Kopfball von Stefan Kießling bleiben besonders den jeweils gegnerischen Fans für immer in ganz wunderbarer Erinnerung. Schade nur, dass der technische Fortschritt auch den Fußball dazu brachte, sich von den ach so geliebten Traditionen und Bequemlichkeiten zu verabschieden.

Dabei durften sich die Engländer 1986 doch so herrlich darüber aufregen, dass sie auch aufgrund eines irregulären Treffers der Argentinier aus dem Viertelfinale der Weltmeisterschaft in Mexiko flogen. In Sinsheim wird sich bis heute vor Freude in den Armen gelegen, wie atemberaubend emotional man sich über die Niederlage gegen Leverkusen im Oktober 2013 ärgern darf. Der FC Bayern ist immer noch überwältigt, dass man 2017 das Halbfinale der Champions League verpasste, weil Cristiano Ronaldo gefühlte sieben Meter im Abseits stand, als er in der Verlängerung für die Vorentscheidung sorgte, nachdem Arturo Vidal in der regulären Spielzeit für ein starkes und faires Tackling die Ampelkarte sah.

Über die Umsetzung des VAR lässt sich sicherlich diskutieren. Unverständlich ist, warum man es in der Bundesliga bis heute nicht hinbekommt, das bei der Weltmeisterschaft 2018 exzellent funktionierende technische Hilfsmittel ebenso schnell und zielgerichtet zu nutzen und den Zuschauern dann aufzuzeigen, auf Basis welcher Bilder sich die dann getroffenen Entscheidungen beziehen. Auch die Frage, wann sich der VAR überhaupt einschalten sollte, ist weiterhin offen. Mal scheint der Kölner Keller verwaist, mal meldet er sich erst nach dem Abpfiff der Partie.

Der VAR wird in der Bundesliga kritisch hinterfragt
In der Bundesliga weiter heftig diskutiert: die Umsetzung des VAR / Pool/Getty Images

Dabei sollte die Zeit für diese "Kinderkrankheiten" nach nunmehr fast vier Spielzeiten in der Nutzung vorbei sein. Doch sollten sich nicht besonders die Traditionalisten darüber freuen, dass eben jene Unklarheiten genau für die Diskussionen sorgen, die man mit der Einführung des Videobeweises schon als ausgestorben titulierte? Ich habe selber gespielt - sensationell, aber unterklassig - und verstehe auch den Unmut derjenigen, die nicht die Kapazitäten haben, ihre Sehgewohnheiten an die moderne Zeit anzupassen. Dennoch macht der VAR die Spiele, trotz einiger Gegenbeispiele, insgesamt fairer. Nach vier Jahren sollte sich eventuell auch der geneigte Anhänger auf die neuen Umstände eingestellt haben.

"Nach vier Jahren sollte sich auch der geneigte Anhänger auf die neuen Umstände eingestellt haben."

Christian Gaul, 90min-Autor

Häufig erlebte Szenen des Jubels, der in banges Zittern umschlägt, um dann wieder in Freude oder Trauer auszubrechen, sind in der Endabrechnung dann sogar mehr Emotionen, als ohne den VAR entstanden wären. Letztlich muss der Videobeweis weiterhin verbessert werden, doch eine Abschaffung und damit eine Rückkehr zu den Kießlings und Maradonas sollte sich meines Erachtens keiner wünschen.

(Christian Gaul)

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