Innerhalb der letzten Wochen und vor allem der letzten Tage gab es erregte, hitzige und emotionale Debatten rund um den eventuellen Restart der ​Bundesliga-Saison. Währenddessen drehen zahlreiche Fans und Beobachter völlig frei, wenn sie sich öffentlich zu dem Diskurs äußern. Deshalb folgt nun ein Aufruf zu mehr Sachlichkeit und Verständnis.


Die Coronavirus-Pandemie hält die Welt weiterhin in Atem - und das wird auch noch viele Wochen und Monate so sein. Jeden Tag infizieren sich neue Menschen, dazu gibt es weitere Todesfälle. Fürchterliche Umstände, und währenddessen wird die Fortsetzung des Bundesliga-Spielbetriebs diskutiert. Auf den ersten und groben Blick eine fast wahnsinnige Vorstellung, und doch erscheint dieser Plan nicht allzu weit entfernt. 


Borussia Moenchengladbach v 1. FC Koeln - Bundesliga


Wer dieser Tage die Debatten zu diesem Thema aufmerksam verfolgt und auch in die ​Kommentarspalten diverser sozialer Netzwerke blickt, dem wird es so vorkommen, als gäbe es gar keine differenzierten Betrachtungen der Lage. Es scheint, als gäbe es nur das schwärzeste Schwarz und das weißeste Weiß. Wer für den Restart ist, der ist indirekt für Covid-19-Todesfälle verantwortlich, da man Tests in Beschlag nimmt und den Fußball über die Gesundheit stellt. Wer dagegen ist, will das Konstrukt des Fußballs bis auf die Ruinen hinunter brennen sehen. Diesen Eindruck kann man durchaus bekommen. 


Anfeindungen und harsche Worte: Kritik ist absolut notwendig, aber nicht jedes Mittel gerechtfertigt


Natürlich und zum Glück ist die (mögliche) Realität dahinter eine andere. Viele Meinungen, viele unterschiedliche Ansichten können vernünftig und argumentativ erklärt werden, sowohl im Pro, als auch im Contra. Es ist möglich, die Ansichten des jeweils anderen zu verstehen, sie zu respektieren und sie dennoch für falsch zu halten. Das ist legitim, so funktioniert Diskurs und Austausch. Die Debatte um den Status der Bundesliga, die Pläne der DFL und die Ansicht aus den politischen Ämtern ist zuletzt allerdings völlig entglitten. 


Ein Beispiel. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat ​am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz erneut erklärt, wie viele Tests das ausgearbeitete Konzept für die Liga benötigen würde. Er bezifferte dies auf etwa 0,4 Prozent der derzeitigen Kapazitäten, die tagtäglich ausgebaut und nicht ausgereizt werden. Darin wurde er bereits in den vergangenen Wochen vom ALM, dem Verband "Akkreditierte Labore in der Medizin" bestätigt. Auch gibt es die künftige Zusammenarbeit von fünf deutschen Laboren. Zudem erklärte er, dass der Spielbetrieb selbstverständlich sofort eingestellt werden würde, sollten die für die Spieler beanspruchten Tests unerwarteterweise doch für die Gesellschaft benötigt werden.


In den sozialen Netzwerken wurde Seifert aufgrund mancher Überschriften und dem allgemeinen Verständnis, die Bundesliga benötige Coronavirus-Tests, scharf und persönlich attackiert. Natürlich nicht von allen Kritikern dieser Pläne in dieser Form, aber schon spürbar häufig. Ein Tenor: Man kann doch nicht den Kindern, Lehrern, Pflegern und Krankenschwestern Tests verwehren, während die Millionäre nur zum Spielbetrieb eines kranken Systems mehrmals die Woche getestet werden. Das wäre selbstredend nicht der Fall, auch wenn der Eindruck in einer emotionalen Debatte entstehen könnte. 


Christian Seifert


Solche Argumente und solche Anfeindungen bringen eine Diskussion nicht weiter, sie verschärfen lediglich den Ton und bringen viel Hitze hinein. Selbstverständlich ist es okay, passend und auch notwendig, das System Bundesliga und Fußball stark zu kritisieren. Es kann nicht sein, dass Vereine kurz vor dem Ruin stehen, wenn zwei Monate nicht gespielt wird - da ist etwas faul, das kann, darf und muss thematisiert werden. Dennoch ist dies nicht der Zeitpunkt, um die Vereine sterben zu lassen, "damit sie es endlich mal merken". Die derzeitigen Maßnahmen und Pläne fokussieren sich auf das Überleben der Klubs, und anschließend gehört ein sehr kritischer Blick definitiv dazu. Aber nicht (nur) jetzt in dieser Form, um sich moralisch mit erhobenem Zeigefinger aufspielen zu können.


Aufruf zur Sachlichkeit und zum stilvollen Meinungsaustausch: Weder Populismus noch moralische Instanz


Wie Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli angesichts der DFL-PK erklärte: "Diese Zeiten erfordern Maßnahmen, die keine Popularitätspreise gewinnen, sondern Arbeitsplätze und Standorte sichern." Auch das ist eine legitime und für so manche Fans richtige Sicht der Dinge. Für andere mag dieser Satz die hausgemachten Probleme des Projekts Fußball außer Acht lassen. 


Aber bitte: Lasst uns mit mehr Sachlichkeit in diese Debatte gehen. Vernünftig und mit Verständnis die Argumente austauschen und versuchen, sie zu verstehen oder sich in die Sicht des jeweils anderen hineinzuversetzen. Mit Anfeindungen oder einem Argumentum ad hominem gewinnt man ebenfalls keine Popularitätspreise.


Autor Yannik Möller ist auch ​auf Twitter präsent