Seit Oktober 2015 hat Jürgen Klopp beim FC Liverpool alle Hände voll zu tun. Sein Vertrag endet erst in vier Jahren, doch immer wieder wurde darüber spekuliert, dass der 52-Jährige Joachim Löw als Trainer der deutschen Nationalmannschaft beerben könnte. Wie würde die DFB-Elf unter Klopp aussehen?


Grundsätzlich ist festzuhalten, dass sich die Ansätze von Löw und Klopp unterscheiden. Der aktuelle Bundestrainer will sich und die Nationalmannschaft neu erfinden, lässt das jahrelang vorherrschende 4-2-3-1/4-3-3 nur gegen tief stehende Gegner zum Einsatz kommen und ist darum bemüht, ein 3-5-2 zu etablieren. 


Klopp ist jedoch ein Verfechter der Viererkette und praktiziert in Liverpool seit jeher ein 4-3-3, nachdem er bei Borussia Dortmund stets auf ein 4-2-3-1 vertraut hat. 

Juergen Klopp

Tritt Jürgen Klopp eines Tages das Erbe von Joachim Löw an?



Die Spielweise dürfte ein Mix aus Löws Amtszeit sein, also aus Ballbesitz und Umschaltmomenten. Genau so lässt Klopp in Liverpool spielen. War er auch in den ersten Jahren an der Mersey dafür bekannt, seinen aus BVB-Tagen berüchtigten Umschaltfußball spielen zu lassen, so hat er seiner Mannschaft auch beigebracht, lange Ballbesitzphasen in das Spiel einzubinden und das Zepter selbst in die Hand zu nehmen. Dazu waren die Reds in dieser Saison in fast jedem Spiel gezwungen, weil viele Gegner darauf bedacht waren, sie auflaufen zu lassen und die entstehenden Räume zu nutzen. Doch weil Liverpool mittlerweile auch Ballbesitz kann, gelingt es nur wenigen Gegnern, diese Wucht, die die Mannschaft kreiert, in Schach zu halten - wie etwa Atlético Madrid im Achtelfinale der ​Champions League.


Vorstellbar ist ein 4-3-3 mit offensiven Außenverteidigern; im Mittelfeld dürfte die Mischung aus Aggressivität und Spielgestaltung den Vorzug erhalten, während im Angriff allen voran pfeilschnelles Tempo und ein eiskalter Abschluss zählen - also genau das, was den Kloppschen Fußball seit jeher ausmacht.


Neuer weiter im Kasten


Im Tor würde er wohl weiter auf Manuel Neuer setzen. Eine Wachablösung durch Marc-André ter Stegen ist noch nicht nötig, dafür befindet sich Kapitän Neuer in einer zu guten Verfassung. Beide sind auf Augenhöhe, solange Neuer nicht nachlässt, gibt es keinen Grund, etwas an der Rangfolge zu ändern.


Ein alter Vertrauter in der Abwehr


Die Viererkette dürfte ebenfalls wenige Überraschungen parat halten. Auf den Außenverteidiger-Positionen würden Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg ordentlich Dampf machen, im Abwehrzentrum könnte derweil Mats Hummels sein Nationalmannschaftscomeback feiern und den Abwehrchef geben, während Niklas Süle sich wohl im Konkurrenzkampf mit Matthias Ginter, Antonio Rüdiger und Jonathan Tah durchsetzen würde. 


Hummels und Süle sind wuchtig und robust, Ersterer wurde unter Klopp für seine hervorragenden Bälle in der Spieleröffnung bekannt. Eine bessere Besetzung wäre kaum vorstellbar.


Qual der Wahl im Mittelfeld


Dagegen ist der Konkurrenzkampf im Mittelfeld um einiges größer. In einem 4-3-3 würden voraussichtlich Joshua Kimmich und Emre Can um den Platz auf der Sechs kämpfen. Klopp kennt Cans Qualitäten, der aktuelle Dortmunder ist nicht nur ein Wellenbrecher vor der Abwehr, er beteiligt sich auch im Spiel nach vorne und setzt seine Mannschaftskollegen in Szene - ähnlich wie Kimmich, der in der aktuellen Doppelsechs des FC Bayern an der Seite von Thiago nicht nur Bälle erobert, sondern auch die eigenen Angriffe klug auf die Flügel verlagert oder mit zentralen Flachpässen auffällt.

Joshua Kimmich

Kombiniert Aggressivität mit Übersicht: Joshua Kimmich



Auch auf den Achterpositionen bieten sich mehrere Möglichkeiten. So könnte einerseits Julian Brandt in der Startformation beginnen, andererseits dürfte Klopp weiter auf Toni Kroos setzen. An dessen Seite wäre mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Ilkay Gündogan gesetzt. Der 29-Jährige reifte unter Klopp zum Nationalspieler, wechselte 2016 zu Manchester City, wo er unter Pep Guardiola noch einmal einige Entwicklungssprünge gemacht hat. Gündogan kennt das Gegenpressing in- und auswendig, betreibt einen enormen Aufwand im Spiel nach vorne und wäre eine wichtige Allzweckwaffe. 

Ilkay Guendogan

   Es wäre sehr verwunderlich, würde Klopp Ilkay Gündogan (Foto) auf die Bank setzen 



Auch ein Brandt würde sehr viele Akzente nach vorne setzen und sich selber in Abschlusspositionen begeben, während Kroos das Spiel aus einer verhalteneren Position dirigiert und vorwiegend den Abschluss aus der zweiten Reihe sucht.


Ein Sturm der Extraklasse


Im Angriff würde es, wie oben beschrieben, vor allem auf zwei Dinge ankommen: Tempo und Effizienz im Abschluss. Am wahrscheinlichsten klingt das Zusammenspiel aus Serge Gnabry, Timo Werner und Leroy Sané. Gnabry und Sané sind technisch enorm versiert, gehen gerne ins Dribbling und suchen Eins-gegen-eins-Situationen, um Räume zu kreieren und weiter vorzudringen. Besonders in Umschaltmomenten stellt die Flügelzange gemeinsam mit Sturmspitze Werner, ​der seit Wochen mit einem Wechsel nach Liverpool in Verbindung gebracht wird, eine ungeheure Gefahr für jeden Gegner dar. 

Timo Werner

Der FC Liverpool soll sich intensiv mit Timo Werner beschäftigen. Von der Spielweise her würde er perfekt zu Klopp passen.



Allein die Zahlen auf Vereinsebene lassen aufhorchen: Werner steht bei 27 Toren und 12 Assists in allen Wettbewerben, Gnabry verbuchte bislang 18 Tore und 11 Vorlagen, Sané kam in der abgelaufenen Saison auf 16 Tore und 18 Assists. Sorgen um zu geringe Torgefahr müsste man sich also keine machen. 


Die potenzielle Nationalmannschaft unter Kloppo:


Neuer - Klostermann, Süle, Hummels, Halstenberg - Kimmich, Brandt, Gündogan - Gnabry, Werner, Sané