Im Fußball hört man von vielen taktischen Begriffen: Viele kennt der durchschnittliche Fan und Zuschauer, andere eher nicht. Der Begriff der Torwartkette ist zwar nicht unbedingt neu, doch dürfte er noch immer zu den seltensten und auch mutigsten Taktikmitteln gehören.


Der Hintergedanke einer Torwartkette, mitsamt den notwendigen Voraussetzungen, Vor- wie Nachteilen, ist eigentlich recht simpel und leicht erklärt. Im Vergleich dazu hört man diesen Begriff äußerst selten, wenn man sich nicht gerade selbst​ mit Taktik auseinandersetzt und eher am Schauen der Spiele interessiert ist. Dabei kann dieses taktische Mittel von großem Vorteil sein. 


Die Torwartkette: Weder wirklich alt, noch neu - Vorteile im modernen Spielstil?


Das Einsetzen einer Torwartkette bedeutet - ganz simpel erklärt - zunächst nur, dass der eigene Torwart im Spielaufbau und im Ballbesitz stärker mit eingebunden ist, als es gewöhnlich der Fall ist. Viele Taktik-Spezialisten unterteilen die Bereiche zusätzlich, sodass man von einer tiefen, einer mittleren oder hohen Torwartkette spricht. Die tiefe Variante war bereits vor Jahren in teilweise ganz normaler Nutzung. Der Torhüter ist in der eigenen Hälfte ein weiterer Anspieler, den man ins Spiel einbinden sollte. Er kann als Anspielstation dienen, wenn man den Aufbau neu gestalten muss oder wenn man sicher von hinten rausspielen möchte.


Ein Vorteil dieser Spielweise des Keepers ist das Zermürben des gegnerischen Pressings, das oftmals hoch, also weit in der gegnerischen (hier: in der eigenen) Hälfte praktiziert wird. Durch das Einbinden des Torwarts gibt es einen zusätzlichen Gegenspieler, der Gegner kann keine Überzahl aufbauen bzw. tut sich dabei zumindest deutlich schwerer. Die Außenverteidiger können etwas weiter vor- oder einrücken, die Innenverteidiger die Breite suchen. So kann man den Gegner weiter in die eigene Hälfte locken, wenn dieser reagiert. Das Resultat: Mehr Räume und dementsprechend auch Möglichkeiten, sich durch das Pressing zu spielen. Zudem kann man die Kompaktheit des Gegners etwas auflösen.


Christian Titz hat in seiner Zeit beim ​Hamburger SV auch auf diese Vorteile gesetzt.

Die mittlere und hohe Torwartkette wird eher gegen Mannschaften angewendet, die tiefer stehen und nicht so früh oder hoch pressen. So rückt der Keeper nicht nur an den Rand seines Sechzehners, oder leicht darüber hinaus, sondern teilweise bis zur Mitte der eigenen Hälfte. Auch hier gibt es die ähnlichen Vorteile, nur in einer jeweils anderen Situation: Mehr Ballbesitz, eine bessere Zirkulation durch die eigenen Reihen. Die zentralen Mittelfeldspieler müssen sich nicht so tief fallen lassen, um beim Aufbau zu helfen. So entsteht im Mittelfeld keine eigene Unterzahl, eher im Gegenteil, wenn beispielsweise die Außenverteidiger einrücken können. 


Auch in diesem Fall wird es dem Gegner erschwert, die möglichen Anspielstationen oder die dazugehörigen Räume und Bewegungen zuzustellen - immerhin kann man nicht mehr auf die Stärke der zahlenmäßigen Überlegenheit oder des Ausgleiches bauen. Wird der Torwart angelaufen, attackiert oder zugestellt, entsteht an anderer Stelle eine Lücke.


Wie jedes taktische Mittel hat auch das Konzept der Torwartkette Nachteile und Gefahren. Verliert der Torhüter den Ball zu leicht, sind die Bewegungen ohne Ball der Mitspieler nicht passend, oder auf dem Mittel wird nicht korrekt aufgebaut, dann läuft man Gefahr, einfache Gegentore zu kassieren. Je höher der Torwart dabei steht, desto gefährlicher wird dieses Vorgehen. Jeder Fußball-Fan und -Zuschauer weiß: Verliert ein Keeper den Ball, kann das ganz böse enden. Das ist bei Fehlern der Torwartkette selbstverständlich nicht anders.

Voraussetzung: Spielerisch starker Keeper - Neuer, ter Stegen und Onana als Beispiele


Daraus zieht sich direkt eine Notwendigkeit und eine Voraussetzung: Um ein solches Konzept vernünftig und zum eigenen Vorteil nutzen zu können, benötigt es einen Keeper, der spielerisch stark ist. Er braucht eine gute Übersicht, ein solides Passspiel und einen taktischen Blick. Er muss mit den Laufwegen seiner Teamkameraden abgestimmt sein. Manuel Neuer oder Marc-Andre ter Stegen sind gute Beispiele für diese Fähigkeiten. Gerade Neuer war im dominanten Ballbesitz-Stil des ​FC Bayern häufig ein aktiv mitspielender und hoch agierender Keeper, auch wenn es das ein oder andere Mal fehlgeschlagen ist. 


Auch André von Ajax Amsterdam ist ein solches Beispiel. Erst vor einigen Wochen zeigte der 24-Jährige im Spiel gegen Getafe, wie eine Umsetzung eines solchen Konzepts aussehen kann.