​Der ​SV Werder Bremen hat in seiner langen Geschichte viele spektakuläre Spiele absolviert. In diesen fußballlosen Wochen stellen wir euch die besten davon vor. Heute: Die Nebel-Schlacht gegen Spartak Moskau im UEFA-Cup 1987. 


Mitte der Achtzigerjahre war der SV Werder Bremen der neue Liebling der heimischen Fußball-Fans. Endlich schien sich im hohen Norden, gerade zu der Zeit, als sich der HSV aus den noblen Etagen des deutschen Fußballs zu verabschieden begann, ein neuer und ernst zu nehmender Rivale für den FC Bayern München zu kristallisieren. 


Auf internationaler Ebene jedoch merkten die Bremer schon sehr bald, dass die Trauben in Europa noch etwas höher hängen als in der Bundesliga. Zwei Europapokal-Begegnungen in jener Dekade sollten dies mehr als anschaulich verdeutlichen.


In der Spielzeit 82/83 schieden die Norddeutschen nämlich mehr als unglücklich im Achtelfinale des UEFA-Cups gegen den schottischen Vertreter Dundee United aus. Nach der 1:2-Hinspielniederlage auf der Insel schien das Tor der Schotten im Rückspiel wie vernagelt. Nur Völler konnte McAlpine im Tor von Dundee bezwingen. Doch das 1:1 war am Ende zu wenig.


Raus mit Applaus hieß es auch vier Jahre später (1986/87), als man auf den spanischen Spitzenklub Atlético Madrid traf. Nach der 0:2-Niederlage aus dem Hinspiel in Madrid glaubten nicht mehr allzu viele an ein Weiterkommen. Doch nach 90 begeisternden Minuten im Weserstadion hatten die Grün-Weißen das Ergebnis durch Tore von Neubarth und Meier egalisiert. Verlängerung! Oder doch nicht? In der 90. Minute (!) hatte Gunnar Sauer tatsächlich noch die Riesenchance, das Ganze vor der Extra-Time zu beenden, doch sein Kopfball klatschte gegen die Latte. 


In den zusätzlichen dreißig Minuten Spielzeit spielten dann beide Teams mit offenem Visier - und die Spanier schlugen in der 113. Minute per Konter eiskalt zu. Julio Salinas ließ mit seinem 1:2-Anschlusstreffer das restlos ausverkaufte Weser-Stadion verstummen. Wieder einmal hatte sich der SVW nicht für eine couragierte Leistung belohnt.


Diese Spiele muss man im Hinterkopf haben, wenn man die Partie der 2. Runde des UEFA-Cups in der Spielzeit 1987/88 betrachtet.


Spartak - oder die Hälfte der sowjetischen Nationalmannschaft


Das Los hatte den Hansestädtern die unangenehmen Sowjetrussen von ​Spartak Moskau beschert. Eine absolute Top-Mannschaft - auf allen Ebenen. Mit Rinat Dasajew verfügten sie über einen der besten Torhüter seiner Zeit, mit dem umsichtigen Wagiz Chidiyatulin über einen der besten Liberos. Dazu gesellte sich noch der eisenharte Innenverteidiger Boris Kuznetsov. Und vorne wirbelte bereits ein sehr junger Alexander Mostowoj zusammen mit Sergej Rodionov und Fedor Cherenkov. Einige dieser Spieler sollten ein Jahr später auch im Finale der Europameisterschaft 1988 (gegen Holland) stehen. 


Und die Moskowiter zeigen den Bremern im Hinspiel dann auch erstmal ihre Grenzen auf. Mit einem happigen 1:4 im Gepäck traten die Bremer die Heimreise nach Deutschland an - und schworen sich schon damals auf das Rückspiel ein.


Doch wahrscheinlich haben auch die meisten Werder-Fans nicht mehr mit einem Weiterkommen gerechnet, weshalb sich am 4. November 1987 "nur" 22.000 Anhänger im weiten Rund des Weserstadions verloren. Doch keiner, der dabei war, wird dieses Spiel je vergessen.


3:0 nach 25 Minuten! Doch dann kommt der Nebel...


Nach 25 Minuten (!) hat der SV Werder das Spiel nicht nur gedreht - er ist zu diesem Zeitpunkt auch eine Runde weiter. Die beiden Franks, Neubarth (zweimal) und Ordenewitz, haben ein 3:0 herausgeschossen. Doch plötzlich schiebt sich eine breite Nebelfront durch die Arena. Die Sicht wird fast sekündlich schlechter. Bricht der Schweizer Schiri Sandoz die Partie womöglich vorzeitig ab? Nein. Der Nebel verzieht sich nach einiger Zeit, und die Teams gehen mit diesem 3:0-Zwischenstand in die Kabinen. 


Dabei bleibt es auch bis zur 71. Minute - dann verkürzt Cherenkov. 


Sauer erzwingt die Verlängerung


Würde der SV Werder wieder mit viel Beifall aus dem Europapokal ausscheiden? Diesmal nicht.

Gunnar Sauer (ausgerechnet!) stellt sieben Minuten später auf 4:1. Verlängerung.


Und in der überschlagen sich die Ereignisse. Karl-Heinz Riedle und Manni Burgsmüller erhöhen binnen acht Minuten auf 6:1. Das Stadion wird zum Tollhaus. Wildfremde Menschen liegen sich freudetrunken in den Armen. "Werder, Werder" hallt es durch die Tribünen. 


Doch Werder wäre nicht Werder, wenn es ganz ohne Drama ablaufen würde. Als Victor Passulko in der 110. Minute auf 2:6 stellt, fehlt Spartak auf einmal nur noch ein Tor. Und sie versuchen es. Aber vergeblich. Auch die letzten zehn Minuten kriegen die Bremer noch über die Runden. Dann pfeift Sandoz ab - und alle Dämme brechen. 


Selbst Hoeneß gratuliert


Spieler und Fans feiern minutenlang den nicht mehr für möglich gehaltenen Einzug in die 3. Runde. Selbst Liga-Konkurrent Uli Hoeneß kann nicht anders, als den Bremern (und seinem Lieblingsfeind Willy Lemke) zu gratulieren: "Glückwunsch, lieber Kollege. Das war ein Paradebeispiel des guten deutschen Fußballs." 


Und dabei würde es in den folgenden Jahren nicht bleiben. Schon ein Jahr später, dann aber im Landesmeister-Wettbewerb, sollte der SV Werder Bremen ein neues ruhmreiches Kapitel seiner Europapokal-Geschichte schreiben. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...