​Dass der neue Aufsichtsratsvorsitzende des ​HSV, Marcell Jansen, und Investor ​Klaus-Michael Kühne einen guten Draht zueinander haben, weiß nicht nur in Hamburg jedes Kind. Dass die beiden nun, nach den "Aufräumarbeiten" vom vergangenen Wochenende besonders in der Verantwortung stehen, auch. Doch das muss nicht bedeuten, dass der HSV jetzt runtergewirtschaftet wird - denn das hat er ja schon getan, bevor Jansen überhaupt zum HSV-Funktionär wurde. Vielmehr könnte die neue Konstellation in der Führungsriege das erste Kapitel der langersehnten Erfolgsgeschichte werden.


Denn eines ist klar: Dass mit der exponierten Stellung Jansens als Chef des nunmehr fünfköpfigen Aufsichtsrates des Klubs auch der Einfluss von Kühne zunehmen wird. Doch was ist so schlimm daran? Die Sportbild wählte in ihrem heutigen dreiseitigen (!) Artikel über Jansen bisweilen ziemlich reißerische - und somit tendenziöse - Begriffe. Der HSV-Präsident habe sich "die Macht gekrallt" oder überschreite "Grenzen, (...) solange es dem Verein aus seiner Sicht hilft". Na, und?  


Mehr Fehler als in der Vergangenheit können kaum noch gemacht werden


Was haben denn all die letzten von Uneinigkeit und gegenläufigem Handeln innerhalb der Führungsspitze geprägten Jahrzehnte gebracht? Genau, der einst so "unabsteigbare", der zur "Bundesliga wie das Inventar" gehörende große, stolze HSV ist in der Zweiten Liga gelandet und könnte da - wenn es "dank" Corona ganz dumm läuft - auch in der Spielzeit 2020/21 weilen. Es wäre dann die dritte Saison im Unterhaus. Ein Klub, der vor knapp vierzig Jahren auf dem Gipfel Europas stand.


Jetzt gibt es im Verein endlich mal eine Konstellation, dass Jansen - als Vorsitzender - im Aufsichtsrat alle seine vier Amtskollegen hinter sich weiß. Gefühlt war das seit Jahrzehnten nicht mehr so. Aber auch das scheint einigen nicht recht zu sein. Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet die, die immer einfordern, dass im Klub mal alle an einem Strang ziehen, jetzt auf einmal eine Art Diktatoren-Angst bekommen und Jansen fast schon dämonisieren. 


Hallo?! Der Mann ist seit 2008 für den HSV aktiv. Zunächst als Spieler der Profi-Abteilung, später als Funktionär. Zwischendurch widmete er sich erfolgreich dem Aufbau einiger Unternehmen. In Hamburg betreibt er zudem einige Sanitätshäuser. Und seit 2018 ist er als Präsident des Stammvereins zurück im Profi-Business. Alles in einem ein Lebenslauf, der mir als Fan Zuversicht gibt. Denn er zeigt: 1. Der Mann hat eine Verbindung zum Verein, den er repräsentiert. Ihm liegt der Klub am Herzen; 2. Der Mann hat nachgewiesen, erfolgreich unternehmerisch tätig sein zu können; Und 3. Der Mann versteht sich gut mit der einzigen Person auf der Welt, die immer noch bereit ist, viel eigenes Kapital in den HSV zu buttern. Wo genau hier die Gefahr stecken soll, erschließt sich mir nicht.

Marcell Jansen

Förmlich kann ich diesem Augenblick die Kühne-Hater aufstöhnen hören, die mir jetzt riesengroße Naivität in der Bewertung des Milliardärs vorwerfen. Und ja: auch ich habe nicht vergessen, dass da bei einigen Deals in der Vergangenheit (Hahn/Wood) die Dinge nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen. Dass Kühne seinen Willen bisweilen durchgeboxt hat (nach dem Motto: wer zahlt, bestimmt die Musik!) und sich dieses im Nachhinein als Fehler erwies. Andererseits beobachte ich den HSV mittlerweile seit Jahrzehnten, also schon seit Zeiten die weit vor der Kühne-Ära lagen, und Fehler sind in diesem Zeitraum auch ohne Kühne massenhaft und wiederholt gemacht worden. Darüberhinaus war es bislang immer noch so, dass Kühne im Härtefall eher auf Geld verzichtet hat (Forderungsverzicht von 40 Millionen Euro vor gut einem Jahr), als den HSV finanziell auszupressen. 


Der Mann ist mehrfacher Milliardär! Dementsprechend wäre dieser in den vergangenen Jahrzehnten stetig ein Stückchen weiter heruntergewirtschaftete Klub sicherlich nicht Kühnes erste Wahl gewesen, wenn es diesem nur um Profitsteigerung oder Gewinnmaximierung gehen würde. Ja, ich glaube an diese schöne Geschichte, dass ein (kinderloser) und nicht mehr ganz jugendlicher vielfacher Milliardär (übrigens nicht mit Konserven!) aus der Unterstützung des Vereins seiner Geburtsstadt eine Herzensangelegenheit macht und dem Klub zur Seite steht. 


Jansen muss Kühne in die richtigen Bahnen lenken


Dass dies nicht immer ohne Reibung verlaufen kann, ist ja irgendwo auch klar. Und klar ist auch, dass sich Einmischungen seinerseits in das rein sportlich-operative Geschäft natürlich verbieten. Dafür fehlt Kühne, a priori, einfach die nötige Expertise. Andererseits: es waren ja eben gerade vermeintliche Fachleute, Jahr für Jahr, Dekade auf Dekade, die den Verein erst in die Lage gebracht haben, nach strategischen Partnern Ausschau halten zu müssen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: ein Geldgeber, der auf Einflüsterungen seiner Berater hin, das eine oder andere Mal falsch mit seinen sportlichen Einschätzungen liegt (dafür aber halt auch die Kohle rüberwachsen lässt) oder hochbezahlte Funktionäre, die, nachdem sie den Karren an die Wand gefahren haben, sich auszahlen lassen und anschließend vom Acker machen.


Nein, nein, man kann es drehen und wenden wie man will: Die neue Statik in der Führungsspitze des HSV kann eine riesengroße Chance sein. Jansen und Kühne müssen jetzt, zum Wohle des Vereins, auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Das sollte nicht weiter schwierig sein, denn die beiden verbindet eine fast schon freundschaftliche Beziehung. Trotz des Altersunterschiedes von 48 Jahren, wie die Sportbild ausgerechnet hat. 


Wenn Jansen es jetzt hinkriegt, Kühne aus dem reinen Alltagsbusiness, also aus Planungen bezüglich von Verpflichtungen dieses oder jenen Spielers (oder Trainers oder Managers) herauszuhalten, und im Gegenzug die zu erwartenden Zuwendungen des Investors (in welcher Form und Höhe die auch geleistet würden) sinnvoll und nachhaltig und sportlich förderlich zu investieren, kann sich Jansen meinetwegen soviel Macht krallen wie er will. Es würde dann nämlich vor allem einem zugute kommen: Dem HSV. Dem Klub, der immer noch tief in meinem Herzen verankert ist. Und deshalb wandele ich die jüngst zitierte Forderung eines anderen ehemaligen HSV-Präsidenten, Jürgen Hunke, mal einfach etwas um, indem ich den angesprochenen Personenkreis um eine Einheit erweitere: "Jansen und Kühne müssen jetzt liefern!"