Der ​Hamburger SV hat in seiner langen und ruhmreichen Vergangenheit viele große Spiele erlebt. In lockerer Folge stellen wir euch in den kommenden fußballlosen Wochen die größten von ihnen vor. Heute: Der erste Sieg in München nach fast einem Vierteljahrhundert.


​Vierundzwanzig Jahre. Das ist schon in einem ganzen Menschenleben eine unglaublich lange Zeitspanne. Im Fußball kommt dieser Zeitraum schon fast einer halben Ewigkeit gleich. Doch tatsächlich verging fast ein Vierteljahrhundert zwischen dem bis dahin letzten Sieg des HSV in München (24. April 1982) und dem 4. März 2006.

General view of Munich's Olympic stadium

Am 24. April 1982 war dem HSV der vorerst letzte Bundesliga-Sieg in München, noch im alten Olympiastadion, gelungen...



An diesem 24. Spieltag der Saison 2005/06 kam noch ein weiterer Umstand hinzu: Zum ersten Mal gastierte der HSV beim FC Bayern nicht im Münchener Olympiastadion, sondern in der funkelnagelneuen​ Allianz-Arena, die dem deutschen Rekordmeister seit Saisonbeginn eine neue Heimat war. 


Und dieses neue Zuhause schien die Bayern dann auch von Anfang an zu beflügeln. Ob in der Champions League oder in der heimischen Meisterschaft - die Bayern schickten alle Gegner mit einer Niederlage nach Hause. Und dies anfänglich sogar ohne jegliches Gegentor. Erst im sechsten Spiel (am 12. Spieltag) gelang einem nationalen Gegner (SV Werder Bremen) überhaupt mal ein Tor in der Allianz-Arena. Trotzdem verlor Werder mit 1:3. Auf internationalem Parkett konnte nur Juventus Turin (bei ihrer 1:2-Niederlage während der Champions-League-Gruppenphase) ein Tor in München erzielen. 


24 Jahre ohne Sieg in München - und diese fast schon unheimliche Siegesserie der Münchener im neuen Zuhause: Die Zeichen standen für die Hamburger also statistisch gesehen denkbar ungünstig. Doch der damalige HSV war mit dem heutigen nicht zu vergleichen. Vor allem der holländische Neuzugang Rafael van der Vaart schien wie ein Wunderheiler zu wirken. Der HSV, das war spätestens nach den ersten Spielen der Saison klar, würde in dieser Spielzeit ein ernstzunehmender Rivale sein. 


HSV hatte schon das Hinspiel 2:0 gewonnen


Und so fuhr die von Thomas Doll trainierte Truppe an jenem kühlen Märzwochenende dann auch mit reichlich Zuversicht in die Höhle des Löwen. Schließlich waren sie es, die dem FC Bayern in dieser Saison die bislang einzige Saisonniederlage verpasst hatten (2:0 am 7. Spieltag). 


Auf dem Rasen entwickelte sich trotz der schwierigen Platzverhältnisse im Dauerschneeregengestöber (schönes Wort für Scrabble!) von München ein flottes und ausgeglichenes Spiel. In der 16. Minute ging der Gast, begünstigt von einem Stellungsfehler Oliver Kahns, durch Guy Demel in Führung. Dabei blieb es auch bis zum Pausentee.

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An jenem Tag wurde sogar mit einem orangenen Ball gespielt



Nach der Halbzeitunterbrechung drückten die Mannen von Felix Magath dann vehement aufs Gaspedal, wollten den Ausgleich um jeden Preis erzwingen. Und der fiel schließlich auch. In der 83. Minute stellte Mehmet Scholl auf Gleichstand. Und alle erwarteten nun auch noch den Siegtreffer für die Bayern. 


Nigel de Jong schreibt sich in die Geschichtsbücher des HSV


Doch an diesem historischen Tag hatte das Schicksal etwas anderes im Sinn. Als sich beide Teams eigentlich schon auf die Punkteteilung geeinigt hatten, schlug Nigel de Jongs große Stunde. Einen Flankenball von Mahdavikia erwischte der Holländer per Kopf und bugsierte das Leder zum Entsetzen der 69.000 in der natürlich erneut ausverkauften Arena zum 2:1 für den HSV in die Maschen. Es war die 89. Minute - und eines der seltenen Male, an denen die Bayern sich an ihrer eigenen Medizin verschluckten. Denn für gewöhnlich waren immer sie es gewesen, die einem Spiel in den Schlussminuten noch mal eine Wendung geben konnten. Doch diesmal lachte der Gast zuletzt. 


Olli Kahn war nach dem Spiel vor allem sauer ob der fehlenden Cleverness seiner Vorderleute: "Wir machen den Fehler und rennen nach vorne, statt das 1:1 mitzunehmen. Ein Punkt wäre Gold wert gewesen."


Worte, die heute fast surreal klingen. Der FC Bayern rettet ein Heimunentschieden gegen den HSV über die Zeit! So haben sich die Zeiten geändert. Doch damals war der HSV eben noch eine Spitzenmannschaft, kam in den folgenden Jahren sogar zweimal bis ins Halbfinale des UEFA-Cups (später Europa League). Und kann bis heute stolz darauf verweisen, die erste Mannschaft gewesen zu sein, die den FC Bayern in dessen neuem Stadion besiegen konnte.