Im Sommer 2013 wechselte Mario Götze die Fronten, das Jahrhunderttalent von Borussia Dortmund schloss sich dem FC Bayern an. Anstatt in die Weltklasse aufzusteigen, begann nach der Weltmeisterschaft 2014 ein steiler Abstieg. Bis heute bleiben nur noch Erinnerungen aus der Zeit übrig, in der Götze die Massen vor vielen Jahren begeisterte. Was wäre, wenn er nie zu den Bayern gegangen wäre?


Seit Jürgen Klopp vor mittlerweile fast zwölf Jahren in Dortmund vorgestellt wurde, wuchs eine echte Mannschaft zusammen. Der Kader wurde sukzessive verstärkt, neben Talenten aus dem eigenen Nachwuchs wurden vielversprechende Spieler aus dem In- und Ausland verpflichtet. Angeführt wurde der neue BVB von Sebastian Kehl, um ihn herum wuchsen mit der Zeit Spieler wie Mats Hummels, Marcel Schmelzer, Ilkay Gündogan, Robert Lewandowski, Marco Reus oder jener Mario Götze heran. 


Die Lawine beginnt mit Götze


Dortmund wurde 2011 Meister, gewann 2012 das Double und stand 2013 im Champions-League-Finale. Der 23. April 2013 war jedoch der Beginn des sportlichen Abstiegs: Mario Götze verständigte sich mit dem FC Bayern auf einen Wechsel zur neuen Saison. Das Herzstück des offensiven Mittelfelds wurde vom Hauptkonkurrenten rausgerissen, doch es sollte nicht der letzte schmerzhafte Verlust sein. Ein Jahr später ging Lewandowski ebenfalls zu den Bayern, Hummels folgte seinen ehemaligen Mannschaftskollegen im Jahr 2016. Damals suchten auch Gündogan und Henrikh Mkhitaryan das Weite, ehe sich Ousmane Dembélé 2017 nach Barcelona streikte und Pierre-Emerick Aubameyang im Januar 2018 zum FC Arsenal wechselte. 

FBL-GER-BUNDESLIGA-BAYERN MUNICH

An der Seite des damaligen Sportvorstands Matthias Sammer wurde Mario Götze am 02. Juli 2013 in München vorgestellt. Drei Jahre später bezeichnete er diesen Schritt als Fehler



Nach und nach ist die Mannschaft zerfallen, wie Schulfreunde, die sich nach dem Abitur auseinanderleben und an den unterschiedlichsten Standorten sesshaft werden. Erst jetzt ist der BVB nicht mehr in der Position, Spieler abgeben zu müssen - weder finanziell noch sportlich, obwohl sich Gerüchte um einen Abschied von Jadon Sancho halten und auch Erling Haaland in einigen Jahren wohl wieder weg sein wird. 


Watzke trauert der "Weltklassemannschaft" bis heute hinterher


Die Situation war damals eine andere. "Wir hatten eine Weltklassemannschaft. Und wenn diese Mannschaft in ihrer Struktur nicht zerfleddert worden wäre, dann hätte diese Mannschaft auch die ​Champions League gewonnen. Hundertprozentig", schreibt Hans-Joachim Watzke in seiner Biographie "Echte Liebe" (zitiert via Sport1). 


Die damalige Mannschaft war eine junge und wilde Truppe, die völlig losgelöst von jeglichem Druck plötzlich ganz oben stand und die besten Jahre erst vor sich hatte. So, wie sich Bayern und Gladbach in den 1970er Jahren duellierten, wäre ein noch engerer Kampf mit dem BVB entfacht. "Aber dann ging Mario. Dann ging Robert. Dann ging die ganze Scheiße los." Erinnerungen, die Watzke am liebsten aus seinem Gedächtnis löschen würde.

Marco Reus

  Der Traum vom zweiten Titel in der Champions League platzte im Finale gegen die Bayern. Seither scheiterte der BVB spätestens im Viertelfinale



Die heutige Mannschaft ist kurz davor, Titel zu gewinnen. Es fehlen die letzten Prozente, die Klopp in seiner Amtszeit freigesetzt hat. Über Jahre hat sich Dortmund in der Spitzengruppe etabliert, sich einen guten Ruf und somit die Chance erarbeitet, nicht nur Talente, sondern auch gestandene Stars zu verpflichten. Diese Entwicklung wurde von der Sisyphusaufgabe, den Kader fast jährlich neu zu entwickeln, erheblich ausgebremst. 


Was wäre, wenn...?


Welche Entwicklung möglich gewesen wäre, wird in dieser Saison beim FC Liverpool deutlich. Jürgen Klopp hat wieder eine Mannschaft über mehrere Jahre geformt, führte sie zweimal ins Champions-League-Finale, gewann mit ihr sogar den Henkelpott, war vor der Wettbewerbsunterbrechung mit 25 Punkten Vorsprung auf Manchester City Tabellenführer und wurde im Vorjahr mit 97 Punkten (!) Vizemeister. Das Duell zwischen Klopp und Pep Guardiola elektrisiert die Premier League, so wie schon von 2013 bis 2015 die Bundesliga.

Jurgen Klopp

 In der vergangenen Saison feierte Jürgen Klopp seinen ersten Titel nach dem Double 2012


Auch mit Götze hatte der BVB am Ende der Saison 2012/13 25 Punkte Rückstand auf die Bayern. Über die kommenden Jahre wäre die Mannschaft aber weiter zusammengewachsen, die bitteren Abgänge hätten sich womöglich für einen Verbleib entschieden. Die Bayern hätten die bis heute währende Dominanz wohl nicht in diesem Ausmaß entwickeln können - man stelle sich in diesem Zusammenhang allein die Frage, wie der Angriff heute aussähe, wenn Lewandowski damals in Dortmund geblieben und nicht ablösefrei gekommen wäre. 


Der dunkle Fleck, der alles überschattet


Auch Götze hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit eine erfolgreichere Karriere erlebt. Das Tor im WM-Finale gegen Argentinien wäre nicht der letzte Schimmer, sondern der Höhepunkt einer herausragenden Entwicklung in einer Mannschaft, für die er unverzichtbar war. In Dortmund genoss er vollstes Vertrauen und allerhöchste Wertschätzung, auf der Zehn war er in einem Spiel eingebunden, in dem er seine Stärken voll entfalten konnte. 


Ein Mario Götze aus der Saison 2012/13 würde heute ohne jeden Zweifel mit einem Transfer im dreistelligen Millionenbereich in Verbindung gebracht und wäre mit 27 Jahren auf dem Zenit seiner Karriere. Er hätte vielleicht nicht ganz so viele Titel gewonnen wie mit dem FC Bayern, vielleicht wäre er früher oder später auch zu Real Madrid oder dem FC Barcelona gewechselt. Gedankenspiele wie diese verdeutlichen, wie groß der Schaden ist, den Mario Götze in allererster Linie sich selbst, aber auch dem BVB zugefügt hat; denn nachdem das gläserne Fundament zerfallen war, steht erst jetzt ein solides Gebilde, das so leicht nicht mehr einzustürzen ist.