​Neven Subotic hat sich im Laufe seiner Karriere als reflektierender Mensch entpuppt, der den Betrieb des Profi-Fußballs durchaus kritisch zu analysieren weiß. In der aktuellen Coronavirus-Krise sieht er eine Diskrepanz zwischen den allseits formulierten Forderungen nach Solidarität und der von den Vereinen selbst gelebten Realität.


Werte wie Solidarität, Gemeinschaftssinn, Loyalität sind erstmal was Schönes. Vor allem kostet es nichts, sie in Krisenzeiten einzufordern. Diese Forderungen aber mit Leben zu füllen, steht wiederum auf einem ganz anderen Blatt Papier. Geschieht dies dann nicht, kann es bisweilen doch etwas kosten: nämlich Glaubwürdigkeit.


Genau darauf zielt die Kritik des 31-jährigen Abwehrspielers von Union Berlin (und Mitglied des Spielerrats der Spielergewerkschaft FIFPro) in einem nun von der Finke-Mediengruppe veröffentlichten Interview ab: "Von Spielern wird aktuell Solidarität gefordert, und das ist nicht nur jetzt, sondern generell richtig. Aber was ist mit den Vereinen? Da scheint das Niveau der Solidarität niedrig, da habe ich kaum gehört, dass Vereine bereit sind, sich gegenseitig zu unterstützen", klagt der frühere BVB-Profi. Und wird durch die realen Geschehnisse der jüngsten Vergangenheit bestätigt.



Es ist jetzt genau zwei Wochen her, dass sich Subotic früherer Chef, BVB-Boss ​Hans​- Joachim Watzke, in der Sonntags-Sportschau beinahe um Kopf und Kragen redete - und tief in sein Verständnis von Solidargemeinschaft blicken ließ. Vor allem eine Aussage Watzkes führte zu viel Unverständnis in weiten Teilen der Branche: "Am Ende können nicht die Klubs, die ein bisschen Polster angesetzt haben in den vergangenen Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür auch noch belohnen."

Watzke verkehrt Solidarprinzip ins Gegenteil


Belohnung? Diese Betrachtungsweise lässt erkennen: Solidarität bedeutet für Watzke ein Zug-um-Zug-Geschäft. Nach dem Motto: ich gebe nur etwas, wenn ich auch etwas dafür kriege. Solidarität muss man sich, in Watzkes Welt, also irgendwie verdient haben. Ihrer würdig sein. Ist man dies nicht, weil man in den letzten Jahren durch interne Fehler in eine finanzielle Schieflage gekommen ist, hat man - so Watzke - keinen Anspruch auf die Unterstützung anderer. Dies ist eine fundamentale und der Sache unangemessene Umdeutung des solidarischen Prinzips. Dieses bedeutet nämlich, dass jeder, unabhängig vom eigenen Schuldanteil an der Misere, die Unterstützung der stärkeren erfährt. Das was Watzke vor Augen hat, wenn er von Solidarität redet, hat wohl mehr mit selektiver Kooperation zu tun. 

Jetzt ist Watzke aber kein Funktionär eines x-beliebigen Fußballklubs, sondern des nach dem FC Bayern erfolgreichsten Verein Deutschlands der letzten Jahre. Will heißen: wenn schon an der Spitze der Hierarchie, dort wo der Schuh finanziell noch lange nicht so schmerzhaft drückt wie im Mittelfeld oder gar am Tabellenende der Bundesliga (um von Ligen unterhalb der Oberhauses gar nicht erst zu sprechen) derartige Signale ausgesendet werden, wird man sich am Ende nicht darüber wundern dürfen, wenn auch in Krisenzeiten nur jeder an sich selbst denkt. Der Weg zur völligen Selbstzerfleischung einer ganzen Branche wäre dann indes nicht mehr weit.