Der Hamburger SV hat in seiner langen und ruhmreichen Vergangenheit viele große Spiele erlebt. In lockerer Folge stellen wir euch in den kommenden fußballlosen Wochen die größten von ihnen vor. Heute: das Finale im Europapokal der Landesmeister 1980.


Wohl selten ist der Verlauf eines Spiels vom Endergebnis derart auf den Kopf gestellt worden wie am 28. Mai 1980. Gegenüber stehen sich der HSV und der englische Champion - und Titelverteidiger - Nottingham Forest. 


Das altehrwürdige ​Bernabéu-Stadion zu Madrid ist Schauplatz dieses Endspiels der 25. Ausgabe des Landesmeister-Wettbewerbes. Ein Jubiläum also, und deshalb wurde die spanische Hauptstadt, quasi als Reverenz gegenüber Real Madrid, der diesen Wettbewerb wie kein anderer Klub geprägt hat, als Austragungsort gewählt. 


Doch die Königlichen unterlagen im Halbfinale dem deutschen Meister HSV - und müssen das vermeintliche Heim-Endspiel nun vor dem Fernseher verfolgen. Wohl auch deshalb verlieren sich an diesem Mittwochabend "nur" 50.000 Zuschauer in der riesigen Arena. Was sie sehen, ist eine von Anfang an die Initiative übernehmende Mannschaft des HSV. Doch das gefürchtete Abwehrbollwerk der Engländer hält stand. 


Nottingham verteidigt mit Mann und Maus den Vorsprung


In der 20. Minute dieses bis dahin einseitigen Spiels wagt sich Nottinghams Linksverteidiger John Robertson das erste Mal in die Hälfte des Gegners. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Schotte genug damit zu tun gehabt, die permanenten Flügelläufe eines Manfred Kaltz abzuwehren. Zwar mit der Rückennummer 11 auf dem Trikot, die ihn also eher als Stürmer ausweist, gibt Robertson an diesem Abend den defensiven Part auf der linken Außenbahn.


Als er also mit dem Ball am Fuß sich dem Tor der Hamburger nähert, scheint Kaltz die Situation als nicht besonders gefährlich einzustufen. Hinzu kommt, dass Robertson auch optisch schon nicht wie ein spritzig-wendiger Außenstürmer daherkommt, sondern eher wie ein Fußballer, der seit ein paar Jahren nicht mehr aktiv ist. Ein paar überzählige Pfunde auf seinen Rippen sind unter dem gespannten roten Trikot gut sichtbar. Was soll da schon passieren? Aber dann bringt Robertson seine Masse plötzlich in Bewegung, schiebt sich am deutschen Nationalspieler vorbei, spielt noch einen Doppelpass am Strafraum und schießt - zum 1:0 ein! 


Im Stadion, an den Bildschirmen und auf den Bänken der beiden Teams weiß in diesem Moment jeder: das kann es schon gewesen sein. Denn die von Manager Brian Clough trainierte Truppe ist bekannt dafür, Vorsprünge exzellent über die Zeit bringen zu können. 

Brian Clough,Peter Taylor

Brian Clough (rechts) neben seinem Co-Trainer Peter Taylor


Ob mit kleinen Nicklichkeiten oder mit Spielverzögerungen: Alles ist den Engländern recht, wenn sie erstmal in Führung liegen. Ihr Stil ist quasi die englische Version des italienischen Catenaccio. 


HSV-Trainer Branko Zebec hatte in der Pressekonferenz am Vortag genau darauf hingewiesen. Und bereits da schon geunkt, dass der HSV in eben diese Falle tappen könnte. Jetzt ist die 20. Minute gerade vorbei, der Gegner führt - und Zebec weiß genau, was das bedeutet. 


Zur Pause beklagt Derwall diesen ultradefensiven Stil der Mannen aus der Robin Hood-Stadt. "Grabenkrieg", nennt er die Spielweise. "Die Engländer buddeln sich einfach hinten ein." 

"Furchtbar", bezeichnet Seeler diese Taktik. "Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Mannschaft unbedingt Fußball spielen will." (Quelle: Europapokal 1980, Copress-Verlag)

Clough und seinen Eleven kann das aber herzlich egal sein. 


Chancen über Chancen für den HSV


Auch die zweiten 45 Minuten verlaufen in diesem Trott. Der HSV rennt an, der HSV hat Chancen en masse. Keegan, der sein letztes Spiel für die Hamburger macht, dribbelt, kämpft, rennt sich förmlich die Seele aus dem Leib - doch vergebens. Ein Tor durch Reimann wird den Hanseaten verwehrt. Milewski stand im Abseits. Peter Shilton, Englands Nationaltorhüter, wird zum Spieler des Spiels, macht weitere Chancen von Magath, Milewski und Nogly zunichte. Und wenn er dann doch mal geschlagen ist, hilft ihm das Glück. Wie beim Lattenkracher von Kaltz.


Mit zunehmender Spieldauer verliert der HSV immer mehr an Ruhe und Souveränität. Die Engländer bringen den hauchdünnen Vorsprung tatsächlich über die Zeit - und freuen sich am Ende über ihren zweiten Europacup-Triumph in Folge. Bereits im Vorjahr hatte ihnen ein schmuckloses 1:0 im Endspiel von München (gegen Malmö FF) zum Sieg gereicht. Nun wiederholt sich die Geschichte. Und der HSV guckt in die Röhre. Zwei Jahre später wird der Klub erneut in ein Endspiel eines europäischen Wettbewerbs (UEFA-Cup) einziehen. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte...


Die Highlights der Partie:


Das komplette Spiel zum Nachschauen:


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