In den Vertragsgesprächen beim FC Bayern scheinen sich zwei Härtefälle zu kristallisieren: Manuel Neuer und David Alaba. Letzterer hofft laut Sky auf einen Sprung in der Gehaltsliste, der Klub soll dahingehend aber noch keine Signale gesendet haben. Berichte über ein geplatztes Tauschgeschäft mit Manchester City heizten die Gerüchteküche zuvor schon an. Der Ausgang der Verhandlungen ist offen. 90min nennt Gründe, die sowohl für als auch gegen einen neuen Vertrag sprechen.


Pro: Wieso Alaba bleiben sollte

David Alaba

David Alaba ist eine Identifikationsfigur. Seit fast zwölf Jahren spielt er für den FCB, der endgültige Durchbruch gelang im Sommer 2011, als er von einer Kurzleihe nach Hoffenheim zurückgekehrt war. 372 Pflichtspiele hat Alaba für die Bayern absolviert, die meisten davon als Linksverteidiger. Aber in den vergangenen Jahren hat er bewiesen, dass er ein äußerst flexibler Spieler ist. Seit Monaten hilft er in der Innenverteidigung aus, ist unter Hansi Flick sogar zum Abwehrchef aufgestiegen und lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Rolle über die Saison hinaus einnehmen könnte - wenn er denn wollte. Denn eigentlich träumt Alaba seit vielen Jahren davon, im defensiven Mittelfeld zu spielen. Das wurde ihm in München bislang nur selten erlaubt. 


Nichtsdestotrotz ist Alaba für die Viererkette überlebenswichtig, egal ob im Abwehrzentrum oder als linker Verteidiger. Der Österreicher verfügt über eine gute Antizipation, eine gute Übersicht und viel Tempo. Als Innenverteidiger läuft Alaba viele Bälle ab, treibt das Offensivspiel mit Jerome Boateng klug an und interpretiert die Rolle des Linksverteidigers offensiv. Solche Defensiv-Allrounder sind goldwert. Der Kader verfügt auch wegen Alaba über eine extrem flexible Abwehr und selbst bei einer Rückkehr von Niklas Süle hätte er berechtigte Chancen auf einen Stammplatz. 


Im Falle einer Trennung - wobei Alaba einerseits eine Verlängerung nicht ausschließt, der FC Bayern andererseits eine hohe Ablösesumme verlangen dürfte -, lautet sein Wunschziel Spanien. Dabei stellen sich aber zwei Fragen: Wäre es klug, in ein Land zu wechseln, das so schwer von der Corona-Pandemie betroffen ist? Und haben der ​FC Barcelona oder ​Real Madrid einerseits die finanziellen Mittel, andererseits überhaupt einen Platz im Kader? Da Alaba dauerhaft wohl nicht in der Innenverteidigung spielen will, dürften die beiden Spitzenklubs keinen wirklichen Bedarf haben, gerade auf der Linksverteidiger-Position. Insofern könnten die Bayern in den Vertragsgesprächen einen Vorteil genießen, denn: Es gibt nur wenige Vereine, die Alaba reizen - und die, die in Frage kämen, dürften in diesem Jahr nicht unbedingt zuschlagen wollen.


Contra: Wieso Alaba trotzdem gehen könnte

David Alaba

Die finanzielle Entwicklung des Fußballs, besonders angetrieben durch die englischen TV-Verträge und das Engagement von ausländischen Investoren, bereitet auch den Bayern sorgen. Karl-Heinz Rummenigge stört sich vor allem an den immer höheren Gehaltsforderungen der Spieler (zitiert via Goal): "Die Größenordnungen sind schon enorm. Zum Beispiel bei Griezmann  - im zweistelligen Millionenbereich. Pro Jahr. Netto! Das muss man mal zwei nehmen, da der Verein die Steuern zahlt. Da bekommt man einen ganz schönen Rucksack aufgeschnallt."


Laut Statista soll Alaba in der Saison 2017/18 elf Millionen Euro kassiert haben. Damit lag er in der Gehaltsliste "nur" auf Platz sieben. Das Vermoegenmagazin will ein Jahressalär in Höhe von zehn Millionen Euro errechnet haben. Alaba soll allerdings zu den Spitzenverdienern, und damit in die Riege um Robert Lewandowski, Thomas Müller und Manuel Neuer aufsteigen wollen. Im Zuge dessen stellt sich die Frage, ob es sich selbst der FC Bayern leisten kann, die Spielergehälter wegen der Corona-Krise und den damit verbundenen Verlusten nach Belieben anzuheben. 

Aufgrund seiner herausragenden Leistungen in all den Jahren und der Vereinstreue könnte Alaba durchaus mit einer Gehaltsaufstockung belohnt werden. Nur: Können sich das die Bayern leisten? Beziehungsweise, wollen sie es sich leisten? Denn angeblich soll auch Thiago zu den Topverdienern aufsteigen wollen und mit Müller und Neuer stehen ebenfalls Gespräche über eine Verlängerung an. Da Philippe Coutinho den Verein nach der Saison höchstwahrscheinlich verlassen wird, wird das Gehaltsvolumen etwas größer; doch auch beim anvisierten Transfer von Leroy Sané geht es um viel Geld.


Alaba wird im Sommer 28 Jahre alt, in diesem Alter geht es häufig um den letzten großen Vertrag bei einem europäischen Spitzenverein. Verwunderlich sind seine Gehaltswünsche nicht, aber die Verantwortlichen werden genau abwägen müssen, wem sie solch eine Summe zugestehen wollen. Im Fall von Alaba könnte ein Zwiespalt herrschen, weil auf dem Linksverteidiger-Posten mit Alphonso Davies ein junger Spieler bereitsteht, dessen Entwicklung steil angestiegen ist und der in einigen Jahren in die Weltspitze aufsteigen könnte. Bei einem Verbleib würde Alaba Davies' Platz blockieren und damit seine Entwicklung bremsen. Und in der Innenverteidigung könnte mit gehandelten Spielern wie ​Felipe Luiz oder Dayot Upamecano mindestens ein Neuzugang kommen.


Braucht es dann - trotz der wahrscheinlichen Abgänge von Jerome Boateng und Javi Martinez - einen Alaba, der darüber hinaus eigentlich im defensiven Mittelfeld spielen will, das wiederum breit besetzt ist? Diese Frage wird man sich trotz aller Verdienste vermutlich stellen. Und außerdem könnte Alaba nach all den Jahren in München eine Veränderung anstreben, wie er selbst immer wieder betont. Ein Abschied wäre schmerzhaft, aber aus Sicht des Vereins und des Spielers verständlich.