​Nachdem Martin Kind kürzlich bereits das wirtschaftliche Handeln der Vereine in der ​Bundesliga kritisierte und ​eine Gehaltsobergrenze vorschlug, legt der 75-jährige Geschäftsführer von ​Hannover 96 nun im Interview mit der vereinseigenen Homepage nach. Er beschreibt die Liga als "Durchlauferhitzer" und skizziert die Eigenheiten des Profisports im Vergleich zu anderen Wirtschaftsunternehmen.


In erster Linie grenze sich der Fussball aufgrund seiner Abhängigkeit von sportlichen Ergebnisse zu anderen Unternehmensformen ab. "Wirtschaftsunternehmen sind in der Regel vernünftiger. Das ist eine Besonderheit des Sports, hier insbesondere des Profifußballs, weil er sich über Ergebnisse definiert und die Planungssicherheit immer nur für eine Saison besteht. Das scheint andere Denkmechanismen in Kraft zu setzen - und die Vernunft manchmal außer Kraft", beschreibt Kind und hofft auf eine Lehre aus der momentanen Krise.


"Wir brauchen eine Synthese von sportlichem Erfolg und wirtschaftlicher Machbarkeit, und zwar unter dem Aspekt der Risikobewertung. Die ist bisher nie erfolgt. Wer hätte erwartet, dass innerhalb von vier Wochen alles infrage gestellt wird, was wir über Jahrzehnte aufgebaut haben. Das muss dazu führen, Antworten zu finden, am besten gemeinsam", sagt Kind und prangert den fehlenden wirtschaftlichen Rationalismus der Vereine in der Vergangenheit an.


Traumwelt Bundesliga


"Die Bundesliga hat in einer Traumwelt gelebt. Die meisten Entscheidungen waren geprägt über sportliche Erfolge. Wirtschaftliche Vernunft war immer sekundär oder sogar tertiär. Wir waren im Ergebnis ein Durchlauferhitzer", bezieht sich Kind auf den üblichen Ablauf, dass man Umsätze aus TV-Geldern und Sponsoreneinnahmen erzielt und sie dann sofort weiterverteilt habe. 

Hannover's president Martin Kind address

Strebt verändertes Wirtschaften der Liga an - Martin Kind


Den Umgang der Vereine mit den eigenen Umsätzen beschreibt Kind als nachlässig:


"Die Aufgabe eines Bundesligaklubs ist es auch, Erträge zu erwirtschaften und Rücklagen zu bilden, auch für Krisen. Das haben wir nie gemacht, wir haben alle von der Hand in den Mund gelebt und geglaubt, das Spiel geht immer so weiter. Mit dem Szenario jetzt konnte niemand rechnen."


Solidarität aus Überzeugung gefragt


Zum aktuellen Thema des Gehaltsverzicht der Profis, um deren Arbeitgeber finanziell zu entlasten, äußerte sich Kind ebenfalls: "Verträge sind einzuhalten. Das ist die Grundposition. In der Krise ist jedoch auch der Solidargedanke von Bedeutung, deshalb gehört es zur Verantwortung, die Spieler zu überzeugen, dass sie einen Anteil daran haben, die Finanzierung in dieser Situation sicherzustellen.​" Doch das sei nur der Anfang, zusätzlich werde man auch über Gehälter und Ablösesummen sprechen müssen.

1. FC Nürnberg v Hannover 96 - Second Bundesliga

Sollen vom Verzicht überzeugt werden - die Profis von Hannover 96


Auch über den Fussball hinaus sieht Martin Kind abschließend eine Chance in der momentanen Situation. Auf die Gesellschaft bezogen erhoffe er sich eine längst überfällige Einkehr von Rationalität:


"Diese Krise hat uns vollkommen unvorbereitet mit einer Brutalität getroffen, die sich keiner vorstellen konnte. Unsere Gesellschaft hat sich schon vorher diffus entwickelt. Diese Entwicklung war kritisch, teilweise inakzeptabel. Wir brauchen wieder Orientierung, und ich hoffe, dass eine solche massive Krise bei allen wieder zu einem differenzierten Nachdenken führt und dass wir den Solidargedanken wieder beleben und positiv besetzen. Nur so kann eine Gesellschaft funktionieren."