Der ​Hamburger SV hat in seiner langen und ruhmreichen Vergangenheit viele große Spiele erlebt. In lockerer Folge stellen wir euch in den kommenden fußballlosen Wochen die größten von ihnen vor. Heute: das Halbfinale im Europapokal der Landesmeister 1980. 


Eine fiebrige Erwartung liegt im April 1980 über der Hansestadt. Das Los hatte für das Halbfinale des Europapokals der Landesmeister den deutschen Meister mit dem spanischen Superklub ​Real Madrid zusammengeführt. Zwar ist der Ruhm der Königlichen seit Mitte der sechziger Jahre schon ein wenig verblasst, doch historisch gesehen sind die Spanier mit ihren sechs Titeln (fünf davon in Serie!) immer noch das Nonplusultra in diesem wertvollsten aller europäischen Pokalwettbewerbe. 


Das Hinspiel in Madrid war für den HSV mehr als enttäuschend verlaufen. Zögerlich, ja beinahe ängstlich agierten die Mannen von Branko Zebec. Hatte sie die gewaltige Kulisse von 120.000 Zuschauern im Bernabéu-Stadion gelähmt? Bisweilen sah es fast danach aus. Reals unverwüstlicher Mittelstürmer Carlos Santillana stellte mit seinem Doppelpack (in der 67. und 90. Minute) die Ampeln für einen Finaleinzug seiner Mannschaft auf Grün. Umso schöner, dass dieses auch noch im heimischen Stadion stattfinden würde. Denn anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Europapokals hatte die UEFA entschieden, diesen Geburtstag gebührend zu begehen und genau dem Klub ein Endspiel vor den eigenen Fans zu verschaffen, der wie kein anderer diesen Wettbewerb seit seiner Einführung geprägt hatte. 


Doch der Europacup, ganz gleich in welchem der drei Wettbewerbe, hat schon viele ungleiche Paarungen gesehen. Hat gesehen, dass eine Mannschaft binnen zwei Wochen einen sicher geglaubten Sieg noch verspielen oder ein anderes Team einen hoffnungslosen Rückstand doch noch wettmachen konnte. 


Und genau das passiert dann auch am 23. April 1980 im Hamburger Volksparkstadion. Die sonst so zugige und unwirtliche Betonschüssel ist mit 61.000 Zuschauern natürlich bis auf den letzten Platz gefüllt - und wirkt an diesem Frühlingsabend fast schon wie ein italienisches oder spanisches Stadion. 


Zur Halbzeit steht es 4:1 für den HSV!


Der HSV beginnt dann auch furios. Bereits nach 17 Minuten liegt er durch Kaltz (Foulelfmeter) und Hrubesch 2:0 in Front. Die Fans flippen schier aus. Doch Real (mit Uli Stielike in seinen Reihen) berappelt sich und kommt durch den englischen Stürmer Cunningham zum Anschluss. Jetzt fehlen den Rothosen wieder zwei Treffer zum Weiterkommen. Und die machen sie auch - sogar noch vor dem Halbzeitpfiff. Zunächst zimmert Kaltz einen Fernschuss per Dropkick aus gut zwanzig Metern ins Gehäuse von García Remón, dann macht Kopfballungeheuer Hrubesch seinem Namen alle Ehre - und wuchtet eine Flanke von Memering zum 4:1 ins Netz.


Der HSV ist zu diesem Zeitpunkt weiter!


Nach der Halbzeitpause "verflacht" das Spiel ein wenig. Real rennt doch ziemlich einfallslos an und der spielerisch bessere HSV hat kaum Probleme, die Angriffe der Spanier in den entscheidenden Momenten zu unterbinden. Bis kurz vor Schluss läuft das Spiel in diesen Bahnen, ehe Caspar Memering, an diesem Abend einer der auffälligsten HSV-Spieler, in der Schlussminute den Deckel drauf macht. 5:1. Welch ein Triumph gegen das große Real Madrid. 


Netzer: "Da stimmte aber auch wirklich alles!"


Die spanischen Spieler verließen nach dem Schlusspfiff fluchtartig das Spielfeld. Der Frust über die verpasste Gelegenheit, ein Europapokal-Endspiel vor heimischer Kulisse zu bestreiten, steckte tief. Die Presse in Europa ergoss sich in den folgenden Tagen förmlich in Lobeshymnen. 


Die spanische Diario 16 schrieb: "Real wirkte wie ein Papierhaus in einem Orkan." Und auch der sonst nicht zu überschwänglichen Jubelarien neigende HSV-Manager ​Günter Netzer kriegte sich kaum ein: "Ich habe überhaupt noch nie eine Mannschaft gesehen, die so gut war wie der HSV an diesem Abend. Da stimmte aber auch wirklich alles."


Leider konnte der HSV dieses Momentum nicht in die entscheidende Phase der Saison retten. Zunächst verloren sie die lange Zeit sicher geglaubte Meisterschaft im Schlussspurt noch an die Bayern. Und dann kam jenes ominöse Europapokal-Finale von Madrid gegen Nottingham Forest. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte...