​Beim​ Hamburger SV scheint es im Vorstand gerade etwas zu rumpeln. Das Hamburger Abendblatt berichtete in diesem Zusammenhang von ​Diskrepanzen zwischen Bernd Hoffmann und Jonas Boldt. In einem Interview gegenüber der Sportbild bezog der Vorstandsvorsitzende nun Stellung.


Die weltweite Corona-Epidemie hat auch den HSV und seine Planungen für die Zukunft im Griff. Der wirtschaftliche Schaden, sollte die Saison nur noch mit der Austragung von Geisterspielen beendet werden können, ist immens. "Zum einen gingen die Einnahmen der Spieltage verloren, da reden wir über insgesamt fünf bis sieben Millionen Euro. Hinzu käme im schlimmsten Fall, nämlich dass die Saison überhaupt nicht mehr beendet wird, dass wir Verträge mit Partnern möglicherweise nicht vollständig erfüllen könnten. Alles zusammengerechnet hätten wir dann ein Risiko von bis zu 20 Millionen Euro."


Für die Bewältigung der Krise nimmt Hoffmann, ohne sie konkret zu benennen, auch die Spieler in die Pflicht. "All diejenigen, die von dem Fußball-Boom der vergangenen Jahre profitiert haben, werden auch jetzt ihren Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten müssen. Wir werden alle Kostenpositionen auf den Prüfstand stellen." 


"Dachte, diese Zeiten beim HSV wären vorbei!"


Konkret auf den vom Hamburger Abendblatt berichteten Zwist mit Jonas Boldt angesprochen, sagte Hoffmann: "Jonas Boldt war vor zwei Jahren schon mein Wunschkandidat. Im vergangenen Jahr war ich dann sehr froh, dass wir ihn zum HSV holen konnten. Ich habe ihn für einen absoluten Profi in seinem Bereich gehalten. An dieser Einschätzung hat sich rein gar nichts verändert. Mir war klar, dass wir ein Alphatier verpflichten, das immer eine eigene Meinung haben wird und diese auch vertritt. Und Jonas Boldt war klar, dass er mit mir hier nicht in einen diplomatischen Corps eintritt." 

Jonas Boldt

Also alles nur etwas groß aufgebauscht? Auch die Abwesenheit Boldts beim Austausch mit Klaus-Michael Kühne kann Hoffmann erklären: "Anlass des Gesprächs war die Verlängerung des Stadionvertrags, also ein Thema aus meinem Vorstandsbereich. Dennoch war auch dieser Vorgang noch einmal Anlass, häufiger über alle Themen miteinander zu sprechen. Schlimm ist, dass Details über Abläufe in der Geschäftsstelle und im Aufsichtsrat in die Öffentlichkeit gelangt sind. Ich dachte, diese Zeiten beim HSV wären vorbei." 


Sind sie aber offenbar nicht, und so kam denn die Öffentlichkeit in den Genuss von Details bezüglich des Vertrages zwischen dem Klub und seinem leitenden Angestellten. Im Falle des Nichtaufstieges soll sogar die Möglichkeit einer fristlosen Kündigung bestehen. Doch Hoffmann will dem gar nicht so viel Wichtigkeit beimessen: "Unabhängig davon, ob es eine Klausel gibt oder nicht: Für den Aufsichtsrat gibt es immer die Möglichkeit, personelle Veränderungen im Vorstand zu vollziehen, falls er das für notwendig hält. Diese Möglichkeit hat der HSV in den vergangenen zehn Jahren ausgiebig genutzt, nicht immer zu seinem Vorteil. Wir sind auf einem ordentlichen Weg, und ich bin sehr zufrieden mit der derzeitigen Konstellation. Diese ist für die kommenden Jahre tragfähig." 


Also alles nur ein Sturm im Wasserglas? Einen Machtkampf sieht Hoffmann momentan jedenfalls nicht. "Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Es geht jetzt nur gemeinsam für den HSV. Ich glaube nicht, dass irgendjemand, dem der HSV etwas bedeutet, in Hinterzimmern destabilisierend wirkt."


Die schwierigen letzten Jahre hinterlassen natürlich nicht nur in der Fanseele ihre Spuren, sondern auch bei den verantwortlich handelnden Personen. Dennoch kann sich Hoffmann eine weitere Ausübung seines Amtes auch in den kommenden Jahren vorstellen.


"Wir sind der Hamburger SV!"


"Ich habe während meiner ersten Amtszeit vor zehn Jahren schon gesagt, dass ich beim HSV gerne in Rente gehen würde. Das gilt auch heute." Helfen würde da in ganz erheblichem Maße die Rückkehr in das Oberhaus des deutschen Fußballs. Dieses Ziel hat auch für Hoffmann oberste Priorität. 


"Wir müssen den HSV mittelfristig wieder in die Bundesliga bringen. Und wenn uns das nicht gelingt, dann sind wir alle gescheitert. Derzeit sind Prognosen in jeglicher Hinsicht extrem schwierig. Aber Fakt ist: Wir sind der Hamburger SV. Da können wir uns nicht kleinreden. Natürlich kann ich mich als Vorstandsvorsitzender nicht vom sportlichen Erfolg abkoppeln. Gerade die aktuellen Ereignisse zeigen, dass die Entwicklung des Klubs auch an anderen Dingen sehr stark abzulesen ist. Wir hatten vor zwei Jahren große Probleme, die Lizenz zu bekommen. Heute werde ich nicht einmal mehr danach gefragt, ob wir Auflagen oder Bedingungen der DFL erfüllen müssen. Es werden nun alle Entscheidungen im Volkspark gefällt. Der HSV ist in der DFL und in der Stadt Hamburg wieder exzellent vernetzt. Ganz besonders wichtig ist mir, dass wir die Kommunikation und das Verhältnis zu unseren Fans deutlich verbessert haben. Und wir machen mittlerweile einen deutlich größeren Bogen um die Peinlichkeitsfalle." 


Womit Hoffmann sich auf die zahlreichen außersportlichen Fettnäppchen der Vergangenheit (verlorene Rucksäcke, in die Öffentlichkeit geplauderte Indiskretionen aus dem Führungszirkel usw.) bezieht. Mittlerweile hätten solche Schlagzeilen dem "innovativen Umgang mit Pyrotechnik" und ähnlichem Platz gemacht. Und die sollen am besten im nächsten Jahr weitergeschrieben werden - eine Liga höher. Eine mögliche Vision, wie es nach einem Aufstieg für den Klub  weitergehen könnte, entwirft Hoffmann dann auch gleich: "Die Frage ist, wie viel man dann investieren kann. Und das unterscheidet uns von einigen Vereinen in der Bundesliga: Mit unserer starken Marke, unserem großen Einzugsgebiet und der Stadt, die hinter uns steht, könnten wir wahrscheinlich einen Personaletat stemmen, mit dem wir nicht zu den untersten drei Mannschaften der Liga gehören würden. Allerdings mit Sicherheit zum unteren Drittel der Liga. Deshalb könnte auch in einem möglichen ersten Erstliga-Jahr nichts anderes als Platz 15 das Ziel sein. In den aktuellen Krisen-Zeiten ist das aber eine Zielsetzung, die auf sehr unsicheren Füßen steht." 


2024 wieder in der oberen Tabellenhälfte der Bundesliga


Mit kleinen Schritten zur allmählichen Konsolidierung in Liga eins. Für Hoffmann unabdingbar, will man, wie von ihm entworfen, bis 2024 wieder auf Augenhöhe mit Klubs wie Eintracht Frankfurt sein: "Dafür müssen wir viele gute Entscheidungen treffen. Und die vielen Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre lassen sich einfach nicht in ein oder zwei Jahren beheben. Ich habe das Jahr 2024 gewählt, weil wir dann die EM auch hier in Hamburg haben. Dann wollen wir über die obere Tabellenhälfte der Bundesliga reden, ohne dass uns einer auslacht. Unser Anspruch muss einfach sein, dass wir ein ernstgenommenes Mitglied der Bundesliga werden."