Eigentlich, so dachte man, muss sich im kommenden Sommer viel beim FC Bayern ändern. Das verheerende Verletzungspech und die mageren Leistungen in der Hinrunde gaben Anreize für zahlreiche Diskussionen. Aktuell sieht es jedoch nicht danach aus, als würde Bald-Sportvorstand Hasan Salihamidzic nach Saisonende ins Schwitzen kommen. Das liegt an Hansi Flick, der das Potenzial des Kaders abruft und viele Spieler in eine gute Position für eine Vertragsverlängerung bringt, gleichzeitig aber auch jungen Spielern vertraut und die Sorgen schwinden lässt. 


In den sozialen Medien kennen Nutzer keine Gnade. Nicht selten werden Spieler ihres Lieblingsvereins bis aufs Äußerste kritisiert, allen voran beim FC Bayern, wenn der Spielverlauf eher holprig statt wie in den vergangenen Jahren gewohnt dominant war. Nicht wenige fordern fast wöchentlich neues, teures Spielermaterial und am liebsten einen kompletten Umbruch des Kaders, der auf links gekrempelt werden soll. 


Braucht es das wirklich? Nein, wie Hansi Flick eindrucksvoll beweist. Jerome Boateng? Plötzlich formstarker Leistungsträger. Thiago? In der Form seines Lebens. Thomas Müller? Wie ausgewechselt, glänzt fast schon wieder wie unter Pep Guardiola. David Alaba? Eine 1A-Lösung für die Innenverteidigung, solange Niklas Süle weiter an seinem Comeback arbeitet. Joshua Kimmich? Immer wichtiger auf der Sechs und unheimlich variabel. 

Thiago

Thiagos unverkennbarer Aufschwung ist ein Sinnbild für den Wandel des FC Bayern unter Hansi Flick



Dass Boateng und Lucas Hernandez kurzfristig für das Pokalspiel gegen Schalke (1:0) ausfielen, schmerzte spürbar. Die Mannschaft erwischte nicht ihren besten Tag, Flick sah sich offenbar kaum dazu in der Lage, zu reagieren, da mit Álvaro Odriozola und Javi Martinez nur zwei Profispieler auf der Bank saßen. ​Hernandez und Kingsley Coman sollen am Wochenende zurückkehren, Ivan Perisic will ab Mitte März wieder zur Verfügung stehen, Robert Lewandowski ist im Bestfall wieder ab April an Bord. Der dünne Kader hat hier und dort einige Schwachstellen, was nicht nur die Breite, sondern auch die Qualität betrifft. Dringender Handlungsbedarf herrscht allen voran auf dem Flügel, auf allen anderen Positionen ist es aber davon abhängig, wer gehen wird.


Es braucht nicht viel, aber es muss passen


Es braucht keinen großen Umbruch, sondern punktuelle Verstärkungen. Ein neuer Torwart steht bereits fest, ein neuer Innenverteidiger könnte kommen, ein Rechtsverteidiger soll ebenso kommen wie ein Flügelspieler und ein offensiver Mittelfeldspieler. Der Rest bereitet keine Sorgen, solange Flick Trainer bleibt. Anders als Niko Kovac vertraut er auf junge Spieler, beförderte wenige Wochen nach seiner Amtsübernahme ein Quartett zu den Profis und wirft allen voran Joshua Zirkzee regelmäßig ins kalte Wasser. In der Mittelfeld-Zentrale könnte Adrian Fein ab Sommer ebenso für eine Überraschung sorgen wie Mickael Cuisance, auf den Außenbahnen könnten Oliver Batista Meier und Leon Dajaku verstärkt in den Fokus rücken.

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 Unter Flick haben junge Spieler wieder die Möglichkeit, bei den Profis auf sich aufmerksam zu machen



Vor allem aber haben viele etablierte Spieler, deren Verträge 2021 enden, aktuell sehr gute Karten. Um eine Verlängerung mit Thiago kommt die Sportliche Leitung eigentlich nicht herum, auch Thomas Müller, Manuel Neuer und David Alaba könnten sich bald über Vertragsangebote freuen. Selbiges könnte auch für Jerome Boateng gelten, sofern seine Leistungen weiterhin stimmen. 


Das punktuelle Einsetzen und Nachrücken von Spielern aus der eigenen Jugend, das klare Leistungshoch einiger Wackelkandidaten und die extreme Variabilität des Kaders lassen dank Flick vergessen, welche Probleme über weite Strecken der ersten Saisonhälfte existierten. In der Breite dürfte der FC Bayern aufstocken, eine Rundumerneuerung ist aber auch in diesem Jahr nicht zu erwarten. Dafür ist das Fundament zu stark, wie die aktuellen Leistungen bestätigen.