Dank einer größtenteils überzeugenden Vorstellung hat der FC Bayern das Tor zum Viertelfinale in der Champions League weit aufgestoßen, beim ​FC Chelsea setzten sich die Münchner unter dem Strich ​verdient mit 3:0 durch. Im Vergleich zu den bisherigen Achtelfinal-Partien wirkt die Mannschaft konkurrenzfähig, hat aber noch längst nicht alle Schwächen ausgemerzt. 


Die nackten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Zwei Pflichtspiele hat der FC Bayern in dieser Saison in London bestritten, das Resultat sind zwei Siege bei einem Torverhältnis von 10:2. Nach dem verrückten 7:2-Erfolg über Tottenham Hotspur folgte am Dienstagabend ein 3:0 beim FC Chelsea, und schon in der Vergangenheit machten die Bayern positive Erfahrungen in der englischen Hauptstadt. 


"Man hat so den Eindruck, wenn man hier nach London kommt: Die mögen uns", stellte Karl-Heinz Rummenigge laut ​kicker bei seiner obligatorischen Bankettrede in der Nacht zum Mittwoch fest, "das ist natürlich eine Stadt, die mag uns, die mag Bayern München und aus der können wir viel Kraft für die nächsten Wochen und Monate holen, die wir ohne Frage brauchen." Ob Aberglaube oder nicht, den gestrigen Erfolg hat sich die Mannschaft verdient - alles in allem war sie eine Klasse besser als das junge Chelsea, das sich in dieser Saison gezwungenermaßen neu erfinden muss.


Die Offensive rollt


Zum einen hat Robert Lewandowski bewiesen, dass ihm der Torriecher in K.o.-Spielen nicht verloren gegangen ist. Der Pole rundete einen sehenswerten Sprint von Alphonso Davies mit dem 3:0 ab, war aber schon zuvor einer der Hauptakteure der zweiten Halbzeit. Binnen weniger Minuten kombinierte er sich zweimal gemeinsam mit Serge Gnabry durch die rechte Abwehrseite der Blues und bereitete beide Treffer des Flügelspielers mustergültig vor. 


Beide Akteure blieben in der ersten Halbzeit blass, allen voran Lewandowski wurde sehr gut aus dem Spiel genommen. Flick fand jedoch eine Lösung, die der Partie Schwung verlieh und die Bayern zum erhofften Erfolg führte.

Serge Gnabry

Das dritte Puzzleteil der starken Offensive ist zweifelsfrei Thomas Müller. Mit dem Schlenzer aus der zweiten Reihe (29.) und dem Lattentreffer per Kopf (35.) verbuchte er die gefährlichsten Abschlüsse in den ersten 45 Minuten, band sich zusätzlich stark ins Kombinationsspiel ein, zeigte sich gewohnt engagiert im Pressing und erfüllte seine Aufgaben als Raumdeuter eindrucksvoll. Müller gehörte zweifelsfrei zu den besten Akteuren auf dem Platz - wenn er so weitermacht, empfiehlt er sich immer mehr für einen Platz im EM-Kader von Bundestrainer Joachim Löw.


Boateng stark, Thiago Weltklasse


Vor nicht allzu langer Zeit galt Jerome Boateng als Streichkandidat, mittlerweile ist der Routinier nicht mehr aus der Innenverteidigung wegzudenken. Seit Beginn der Rückrunde liefert Boateng eine gute Leistung nach der anderen und harmoniert mit David Alaba, beide ließen auch am Dienstag kaum etwas anbrennen. Im Gedächtnis bleibt sein Scherenschlag gegen Tammy Abraham, bei dem er sich einen Krampf zuzog. Trotz einiger Schwächen im Aufbau - die zentralen Bälle in die Tiefe brachten nicht den gewünschten Erfolg - befindet sich Boateng klar im Aufwärtstrend.

Jerome Boateng

In dieser Form muss sich Jerome Boateng nicht vor der Konkurrenz verstecken


Beobachtet man Thiago in diesen Tagen, gehen einem indes die Superlativen aus. Der Spanier war an der Stamford Bridge überall auf dem Feld zu finden, bot sich immer an, wenn sich Joshua Kimmich im Aufbau zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, verlagerte das Spiel mit einem blinden Verständnis auf die Außenbahn und war vor allem im Pressing stark. Jorginho und Mateo Kovacic wurden über 90 Minuten in Schach gehalten - das lag auch an Thiago, der insgesamt 17 Balleroberungen verzeichnete. Alles andere als eine Vertragsverlängerung ist unvorstellbar.


Abzug in der B-Note


Perfekt war die Leistung aber nicht. Speziell im ersten Durchgang wirkten die Bayern im Angriff zu hektisch, oftmals mangelte es in der letzten Aktion an Präzision oder die Zuspiele wurden nicht optimal verarbeitet. Auch fiel auf, dass es die erste Reihe im Aufbau etwas zu locker angehen ließ. Durch das Aufrücken des Gegners sollten die ersten beiden Pressinglinien überspielt werden, in manchen Situationen entwickelte sich jedoch ein Spiel mit dem Feuer. Chelsea stand extrem hoch, sodass immer wieder der Rückpass auf Manuel Neuer erfolgte. Der Torhüter leistete sich einen folgenlosen Fehlpass, wirkte auch in der Folge nicht immer zu 100 Prozent sicher.

Manuel Neuer

 Manuel Neuer hielt seinen Kasten sauber und leitete das 2:0 ein, jedoch erlaubte sich auch der deutsche Nationaltorhüter den ein oder anderen Wackler


Ebenso wurde auffällig, dass Chelsea zu häufig bis an die Grundlinie marschieren und diagonale Bälle in den Rückraum schlagen durfte. Glück für die Bayern, dass die flachen Hereingaben meist ins Tor- oder Seitenaus gingen, sonst wäre man womöglich sogar mit einem Rückstand in die Pause gegangen. In Situationen wie diesen muss das Positionsspiel verbessert werden, andernfalls haben die Gegner ein weiteres Mittel gefunden, um gefährliche Nadelstiche zu setzen.