Jetzt ist es also tatsächlich zum Super-GAU aus ​HSV-Sicht gekommen: Beide Saisonspiele gegen den Stadtrivalen verloren - und schon wähnen sich Teile der Anhängerschaft auch in der kommenden Spielzeit in Liga 2. Doch - warum eigentlich?


Weil es HSV-Fans sind. Genauso wie ich. Und mein Leidensgenosse, mit dem ich gestern den Stadionbesuch genießen durfte. Nach dem Spiel (wir sind fast bis zum Schlusspfiff geblieben!), auf dem langen Fußmarsch Richtung S-Bahn Stellingen, haben wir uns erstmal minutenlang angeschwiegen, den Kopf in die Brust gepresst, um uns vor dem prasselnden Dauerregen zu schützen, der scheinbar höhnisch Beifall klatschte. 


Keine Worte habe er, so mein Kumpel. Und auch ich war eigentlich sprachlos. In dem Bemühen, die schlimme Vorstellung ab Minute 20 mit historischen, personellen oder soziologischen Argumentationen zu erklären, merkten wir dann beide, dass wir uns seit Jahren im Kreis drehen. Und immer wieder zu denselben Deutungsmustern zurückkehren. 


Der HSV - eine Wohlfühloase, in der so viele Spieler schlechter wurden, als vor ihrer Ankunft? Der HSV - ein Hort der Psychosen aufgrund des großen, aus sich selbst heraus generierten Erfolgsdruckes? Früher, zu Bundesliga-Zeiten, wurde vor einer jeden Spielzeit das "internationale Geschäft" als Ziel ausgerufen, selbst dann noch, als der von der Geschäftsführung ein wenig über's Ohr gehauene Däne Frank Arnesen sich bei der Reste-Rampe seines vorherigen Klubs Chelsea nach Neuzugängen umschauen musste.


Und als alle in Deutschland den zeitnahen Abstieg des Dino voraussagten, träumten die Macher immer noch davon, bald wieder in Europa vorstellig zu werden. Bequemlichkeit aufseiten überbezahlter Kicker oder eine zu hohe mentale Belastung oder einfach nur strategisch unglücklich agierende Verantwortliche? Oder alles zusammen? Oder bedingt der eine Aspekt vielleicht den anderen? 


Am S-Bahnhof angekommen, und drei Jahrzehnte HSV im Zeitraffer abgespult, stiegen wir dann in die Bahn. Selbst das angedachte Post-Derby-Bier verlegten wir unbefristet auf irgendeinen erfolgreichen HSV-Spieltag. In einer Woche? In zwei? Womöglich wieder erst am letzten Spieltag, wenn Spieler wie Fein oder Pohjanpalo tränenreich verabschiedet werden, und die Spieler mit erstickter Stimme davon reden, wie "schön die Zeit in Hamburg" für sie gewesen sei? (Und sich insgeheim doch freuen, dem rustikalen Fußball im Unterhaus endlich zu entkommen.)


Nach der Frust-Bewältigung kommt die Trotzreaktion


Nein! Nein! Und nochmals Nein!  Abends, nach einer wohltuenden Portion Schadenfreude ob einiger Ergebnisse in Liga 1 (Kölle alaaf!!!) befand ich mich schon wieder im Trotz-Modus. Nein, ich habe einfach keine Lust, mich jetzt schon, Ende Februar, mit einem weiteren Jahr in Liga 2 anzufreunden. Ich habe keine Lust, nach diesem schmerzhaften Fall auf dem Boden liegen zu bleiben, ohne wenigstens zu versuchen, auf die Beine zu kommen. Ich habe keine Lust, von allen Nicht-HSVern mitleidig angeguckt zu werden. Das kann alles kommen, wenn es kommen muss. Sprich: Wenn rechnerisch wirklich nichts mehr geht. Aber nicht jetzt, bei noch elf ausstehenden Spielen.


Und ja, ich verstehe meinen Kumpel, wenn er sagt, dass er auf einen krampfigen Aufstieg, womöglich erst über das Torverhältnis am letzten Spieltag unter Dach und Fach gebracht, keinen Bock hat. Habe ich auch nicht. Hatte ich auch schon im letzten Jahr nicht. Geträumt hatte ich damals (jetzt kann ich's ja verraten) von einem Durchmarsch. 


Das muss man sich mal vorstellen. Ich dachte mir: Vielleicht nehmen die Jungs die neue Liga ja an, wie man sie annehmen muss, und wir surfen elegant durch die Gewässer der Zweiten Liga. Doch dann kam schon am ersten Spieltag die Ernüchterung mit einem 0:3 gegen Kiel. Dem ein paar Wochen ein 0:5 gegen Regensburg folgte. Das Leben als HSV-Fans ist halt kein Pony-Hof. Und ich sagte mir damals: Eigentlich ist es jetzt schon gelaufen. Selbst wenn wir in die Bundesliga zurückkehren sollten - wer nimmt einen Aufsteiger ernst, der dermaßen auf die Fresse gekriegt hat? 


Der Start in die laufende Spielzeit war da schon weitaus besser. Selbst das 0:2 am Millerntor konnte mich nicht vom Daueroptimismus abbringen. Ist halt ein Derby, redete ich mir die Niederlage selber ein wenig schön. Doch dann kamen die Spiele ab Spieltag zwölf. Keine Siege in Kiel und Wiesbaden. Viel Gekrampfe, wenig spielerisch Überzeugendes. 

Dieter Hecking

Und ich passte meine Erwartungshaltungen entsprechend an. Vollends nach unten schraubte ich sie dann, als auch noch gegen Heidenheim, kurz vor Jahreswechsel, der Heimnimbus flöten ging. Ok, dachte ich, wird also wieder nichts mit einem geschmeidigen Ritt durch das Unterhaus. 


Vielleicht muss man sich aber einfach nur mal ehrlich machen und den Realitäten ins Auge sehen: Aktuell ist der Hamburger SV ein Zweitligist. Der an guten Tagen das Level erreicht, um als Aufstiegskandidat angesehen zu werden. Der an schlechten Tagen aber auch wie ein (guter) Drittligist daherkommt. 


Trotz Derby-Niederlage: Wir steigen trotzdem auf!


Doch dann, gestern ganz spät abends, kamen mir nochmal Dieter Heckings Worte auf der letzten PK vor dem Stadt-Derby in den Sinn. Selbst im Falle einer Niederlage würde sein Team trotzdem aufsteigen, hatte er trotzig erklärt. Und wie sagte auch Aaron Hunt gestern nach dem Spiel: "Es ist nichts passiert, außer dass wir das Derby verloren haben." Recht hat er. 

Denn auch gestern gab es nicht mehr als drei Punkte zu gewinnen. Aber es wäre schon schön gewesen, wenigstens das 0:2 vom Hinspiel irgendwie "beantwortet" zu haben. Haben wir aber nicht - und kurioserweise könnte es so kommen, dass wir dazu in den nächsten Jahren auch keine Gelegenheit mehr bekommen. 


Denn wie hatte ein sichtlich geflashter Pauli-Fan unmittelbar nach dem Spiel dem Hamburg-Journal-Reporter ins Mikro diktiert: "Unglaublich! Beide Derbys in einer Saison gewonnen. Herrlich! Und jetzt können sie auch abhauen in die Bundesliga!"