Dass die Klubführung des ​FC Bayern angeblich ​erst im Mai über eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Hans-Dieter Flick entscheiden will, ​soll den Cheftrainer verstimmt haben. Wie schon bei einem Großteil der acht Spieler, deren Verträge im Sommer 2021 enden, lassen sich die Bayern-Bosse Zeit - und spielen ein nicht ungefährliches Spiel. Doch was spricht eigentlich für oder gegen eine schnelle Entscheidung bei Flick?


Dass die Münchner nach 22 Spieltagen an der Tabellenspitze der ​Bundesliga stehen, war nach den schwierigen Herbstwochen nicht unbedingt zu erwarten. Noch am 14. Spieltag rangierte der Rekordmeister mit sieben Zählern Rückstand auf Platz eins nur auf dem siebten Tabellenplatz, zur Winterpause waren es immerhin noch vier Punkte auf Herbstmeister RB Leipzig. Im engen Rennen mit RB, Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach, das im Nachholspiel gegen den 1. FC Köln am 11. März bis auf einen Punkt heranrücken könnte, scheinen die Bayern wieder einmal gute Chancen auf die Meisterschaft zu besitzen. Das ist vor allem Flick zu verdanken.


Was für Flick spricht


Nach der Entlassung von Niko Kovac fand die Mannschaft unter seiner Ägide zurück in die Spur. Der FC Bayern überzeugt spielerisch, übt von Beginn an viel Druck auf seine Gegner aus und lässt ihnen in der ersten halben Stunde kaum Luft zum Atmen. Der FSV Mainz 05 lag seinerseits schon nach 26 Minuten mit 0:3 zurück, Köln kassierte am Sonntagnachmittag bereits in Minute zwölf das dritte von insgesamt vier Gegentoren. Zwar haben die Münchner aktuell Schwierigkeiten damit, das Spiel zu verwalten und die Zeit lässig herunterzuspielen, aber die Tendenz weist einen klaren Aufwärtstrend auf.

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 Die Bayern sind zurück in der Spur - dank Flick


Flick gewann 13 seiner 16 Pflichtspiele als Cheftrainer des FC Bayern, sammelte bei einem bärenstarken Torverhältnis von 52:12 durchschnittlich 2,5 Punkte pro Spiel. Vorgänger Kovac stand in dieser Saison ebenfalls in 16 Pflichtspielen an der Seitenlinie, seine Bilanz: zehn Siege bei je drei Unentschieden und drei Niederlagen, ein Schnitt von 2,06 Punkten pro Spiel und ein Torverhältnis von 43:24. Die Offensive ist unter Flick schlagkräftiger, die Defensive um einiges stabiler. Waren die Gegner vor einigen Monaten noch forsch und mutig, so sind sie derzeit zuallererst darum bemüht, ein frühes Gegentor zu vermeiden. 


Flick hat während der Winter-Vorbereitung bewiesen, dass er sich nicht vor der Chefrolle scheut. Stattdessen unterstrich er gegenüber der Mannschaft seine hohen Ambitionen, setzte die Verantwortlichen auf dem Transfermarkt unter Druck und hat das Dasein als Co-Trainer endgültig hinter sich gelassen. Jedoch ist der FC Bayern für ihn der erste Klub, den er auf Profi-Ebene betreuen darf. Und auch wenn er die Mannschaft - anders als Kovac - zu 100 Prozent hinter sich hat: So steil wie es bergauf ging, kann es auch wieder bergab gehen.


Wieso die Bayern zögern könnten


Das Achtelfinale der Champions League ist ein erster Gradmesser. Aus den Spielen gegen Dortmund, Leipzig, Gladbach und Leverkusen holte Flick nur einen Sieg bei zwei Niederlagen und einem Remis. Sollten die Münchner gegen den FC Chelsea scheitern, könnte die Luft dünn werden - denn nach dem Achtelfinal-Aus im Vorjahr soll in dieser Saison mindestens das Viertelfinale zu Buche stehen. 

Hans-Dieter Hansi Flick

    Gegen Chelsea steht Flick unter besonderer Beobachtung


Das letzte Gruppenspiel gegen Tottenham Hotspur bietet keine Bewertungsgrundlage, da José Mourinho eine B-Elf auf den Rasen der Allianz Arena schickte. Und auch Kovac ist einst herausragend gestartet, feierte in seinen ersten sieben Pflichtspielen sieben Siege und schien die Vorarbeit von Jupp Heynckes souverän fortzuführen. Erst danach schlichen sich die Probleme ein, die bis zu seiner Entlassung bestehen bleiben sollten. 


Allerdings ist es auch gefährlich, wenn nicht sogar naiv, den Trainerposten von zwei Spielen abhängig zu machen. Speziell in Pokalwettbewerben entscheidet die Tagesform, schwache 90 Minuten können auch bei Rückspielen über Sieg und Niederlage entscheiden. Vielleicht hat der Klub sogar noch immer ein paar Alternativen in der Hinterhand - nicht ausgeschlossen, dass deshalb noch abgewartet wird, ob Flick wirklich das Zeug zum dauerhaften Chef hat.


Flick hat gute Karten - und offenbar ein Druckmittel


Sollte der 54-Jährige tatsächlich das Interesse anderer Klubs auf sich ziehen, hat er alle Karten in der Hand. Gleichzeitig weiß er aber auch, was er am FC Bayern hat und welche Chance sich ihm bietet. Gewiss braucht der ehrgeizige Flick keinen Impuls in Form von verzögerten Vertragsgesprächen, um sich auf die nächsten Spiele zu fokussieren. Aber solange von den Verantwortlichen nicht das Signal kommt, dass man nicht mit ihm plant, wird er die Führungsetage davon überzeugen wollen, ihm ein langfristiges Arbeitspapier vorzulegen. Sollte die Mannschaft auch in den nächsten Wochen überzeugen, führt kein Weg an Flick vorbei.