​Es sind Abende wie gestern, die einem die fast schon verlorene Hoffnung an den romantischen Teil des Fußballs zurückgeben. Wenn in Duellen zwischen "klein" gegen "groß", also weniger Geld gegen richtig viel Geld, doch der Außenseiter gewinnt. Diese Storys lieben die Menschen - und haben sie auch im Fußball immer geliebt. Doch angesichts der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich dürften solche Momente in Zukunft wohl seltener werden. Um so mehr muss man sie genießen, wenn sie passieren.


Ich sag's ganz ehrlich: für einen Moment durchzuckte mich gestern Abend, so kurz vor halb acht, der Gedanke, dass es bei den beiden anstehenden Achtelfinal-Hinspielen ja durchaus auch jeweils einen Erfolg für die Heimmannschaft geben könnte. Ich mein, der ​BVB ist jetzt nicht irgendeine Laufkundschaft in Europa, stand 2013 noch im Finale des hochwertigsten Vereinswettbewerbs der Welt und hat sich im heimischen Liga-Betrieb in den letzten Jahrzehnten den Status der Nummer Zwei (hinter den unangefochtenen Bayern) erkämpft. 


​Atlético wiederum stand in den letzten sechs Jahren sogar zweimal im Champions-League-Finale, konnte überdies 2014 die Hegemonie der beiden spanischen Großmächte Real und Barça im eigenen Land durchbrechen (abgesehen von den Erfolgen in der Europa League in den Jahren 2010, 2012 und 2018) und gilt als legitime dritte Kraft der - nach der Fünfjahreswertung - international stärksten Liga der Welt. 


Doch dann schwirrten Dollar- oder Euro-Noten durch mein inneres Bild, und die Antlitze von teuren Stars wie van Dijk, Neymar, Di María, Mbappé, Alisson, Salah oder wie sie alle heißen. 

Neymar Jr

Gestern in Dortmund, trotz Tores, fast komplett abgemeldet: Rekordfußballer Neymar


Geld schießt doch Tore, sagte eine mir anfangs fremde Stimme. Bis ich sie als meine eigene erkannte. Mach dir nichts vor, Guido. Die Zeit der Romantik ist vorbei. Und ich kreuzte zwei Remis an. 


Selbst wenn der BVB ein gutes Spiel machen sollte (so mein Gedankenfluss nach der kurzen Exkursion in eine romantisierte Traumwelt) - er wird dann entweder seine Chancen nicht nutzen oder Pech haben oder eine sonstwie geartete Widrigkeit erleiden - und mit der ersten Chance des Gegners in Rückstand geraten. Und vielleicht würde dieses Tor dann auch den Spielverlauf ein wenig auf den Kopf stellen - doch am Ende zahlt es sich halt doch aus, einen Kader mit einem Wert von annähernd einer Milliarde Euro zu haben. 


Die David-Schleuder trifft den Goliath


Und das gleiche dachte ich bezüglich des Spiels in Madrid, wobei meine Sympathien dort gleichmäßiger verteilt waren. Ein FC Liverpool, zumal mit einer Trainer-Type wie Jürgen Klopp, ist mir einfach näher als ein mit katarischen Öl-Milliarden gepimptes Konstrukt in Paris. Und Atlético habe ich in einundzwanzig Jahren, die ich in Madrid verleben durfte, sowieso schon vor längerer Zeit lieben gelernt. 


Tja, und dann laufen die Spiele doch komplett anders als rational erwartet, entfaltet sich die ganze Faszination und Unerklärlichkeit dieses Sports in einem eineinhalbstündigen Kampf zwischen David und Goliath. Und erneut traf die Schleuder den Riesen. Sogar zweimal, an zwei verschiedenen Orten. Goliath ist zwar fußballtechnisch, und im Gegensatz zum biblischen Vorbild, noch nicht endgültig in den Staub gegangen, doch allein die Tatsache, dass sein Fall seit dem Hinspiel bedeutend wahrscheinlicher geworden ist als davor, lässt mich mit Dankbarkeit zurück. Dankbarkeit an einen Sport, der sich trotz aller Versuche, ihn tot zu kriegen, immer noch ab und zu wehren kann, und immer noch eine so einfache wie universale Botschaft an die ganze Welt, Fußball-Fan oder nicht,  zu senden imstande ist: Glaube immer an dich.