​Im Grunde genommen war es das Spiel, wie es ein fast jeder erwartet hatte. Im Achtelfinal-Hinspiel zog ein galliges und giftiges, über neunzig Minuten pressendes und leidenschaftlich verteidigendes Atlético Madrid den ​Reds aus Liverpool den Zahn. Bisweilen schossen sie in ihrer Aggressivität über das Ziel hinaus. So zumindest in den Augen von Liverpools Trainer Jürgen Klopp.


Kämpferische Stimmung herrschte bereits lange vor dem Spiel. Und auch schon außerhalb der neuen Heimstatt der Colchoneros, dem Wanda Metropolitano. So sah es auch Atléticos Trainer Diego Simeone. Sein Team habe schon "auf dem Weg zum Stadion angefangen zu gewinnen." (Quelle: kicker.de) Denn da wurde der Mannschaftsbus von frenetischen Fans am Straßenrand bejubelt. Gänsehautstimmung im Südosten der spanischen Hauptstadt. Die sich bis ins Innere der mit 67.000 Zuschauern vollgepackten Arena fortsetzte. Simeone ließ es sich dann auch nicht nehmen, während der kompletten Spielzeit das Publikum immer wieder zu animieren, ihre Mannschaft lautstark zu unterstützen. 

Diego Simeone

Der Cholo in seinem Element: über 90 Minuten trieb er sein Team und das Publikum an



Was Klopp im Nachgang zu dem bissigen Kommentar veranlasste, daß er nicht sicher gewesen sei, ob sein Trainerkollege überhaupt etwas vom Spiel selbst gesehen habe. 

Das wird der Cholo sicherlich. Und er wird vor allem die Wirkung der Stimmung im Stadion auf den Rivalen vernommen haben. Die schossen nämlich nicht nur kein Tor - etwas was ihnen in der heimischen Premier-League-Saison bislang noch gar nicht passierte -, sondern gaben nicht einmal einen Torschuss auf das von Oblak gehütete Gehäuse ab. Wo immer ein Liverpooler aussichtsreich in Szene gesetzt wurde - ein Atlético-Bein war schon wieder zwischen ihm und dem Tor. 


Klopp genervt über Atlético-Gangart und Schiedsrichter


Verärgert dürfte Klopp deshalb vor allem über die Leistung seiner eigenen Mannschaft gewesen sein, der gestern nicht allzu viel einfiel. Und wie das dann häufig so ist: statt mit der eigenen Mannschaft ins Gericht zu gehen, sucht man sich einen etwas "bequemeren" Schuldigen. In diesem Fall den schwächsten in der Kette - den Schiedsrichter. Dem warf Klopp durch die Blume vor, die harte Gangart der Madrilenen zu sehr toleriert zu haben - und nicht immer das gleiche Maß gefunden zu haben. Er müsse das Spiel, so Klopp, ein wenig mehr fühlen. Was auch immer er damit gemeint haben mag. 


Vielleicht ja die Gelbe Karte gegen seinen Stürmer Sadio Mane in der 40. Minute. Als Momente später Mané erneut in eine regelwidrige Situation verwickelt war, forderten die Atlético-Spieler vehement die Gelb-rote Karte für den Senegalesen. Wohinter Klopp wiederum eine vorher festgelegte Marschroute seines Gegners vermutete: "Der Plan heute Abend war, Sadio mit einer zweiten Gelben Karte vom Platz zu kriegen. Ich hatte Angst, dass sein Gegenspieler zu Boden gehen würde, wenn Sadio tief einatmet", sagte der Stuttgarter nach der Partie entnervt. Aus dieser besagten Angst heraus, mit nur noch neun Feldspielern die zweite Halbzeit bestreiten zu müssen, optierte Klopp dann dafür, Mané ganz vom Feld zu nehmen, um ihn vor einem Platzverweis zu schützen. Doch es ist müßig darüber zu spekulieren, ob den Engländern mit Mané auf dem Platz noch der Ausgleich gelungen wäre. Schon mit ihm auf dem Platz kam Liverpool zu keiner nennenswerten Torchance.


Klopps Blick nach vorne


Doch trotz des Ärgers über seinen Kollegen, über den vermeintlich "dreckigen" Matchplan der gegnerischen Mannschaft oder fehlendes Fingerspitzengefühl des Unparteiischen - Klopp ließ ebenfalls keinen Zweifel daran, dass das Duell erst zur Hälfte gespielt ist. "Die zweite Halbzeit", so der Liverpool-Coach, "findet in unserem Stadion statt." Und fast einer Drohung gleich schickte er auch schon eine Art Begrüßung an die rot-weißen Fans: "An alle Atletico-Fans, die das Glück haben, ein Ticket fürs Rückspiel zu bekommen: Willkommen in Anfield."

Jordan Henderson

Gestern jedoch hieß es "Esto es el Metropolitano!" Doch natürlich weiß Klopp auch die traditionelle Heimstärke der Reds auf seiner Seite. Einem FC Barcelona genügte im vergangenen Jahr eine 3:0-Führung aus dem Hinspiel nicht, um in der roten Hölle am Mersey zu bestehen. Mit 4:0 wurden Messi, Suárez und Co damals gedemütigt nach Hause geschickt. 

Und auch Atlético selbst hat in der Vorsaison gezeigt, dass ein Heimsieg, zu null, gegen einen großen Favoriten nicht mehr ist als eine gute Ausgangslage. Seinerzeit war es sogar ein 2:0, das sie gegen Juventus mit in das Rückspiel von Turin nahmen - um am Ende mit 0:3 doch noch aus dem Wettbewerb geworfen zu werden. Die Stimmung jedenfalls dürfte in drei Wochen nicht weniger hitzig werden als beim gestrigen heißen Tanz im Estadio Wanda Metropolitano. Dafür werden die beiden Heißsporne auf den Trainerbänken schon sorgen.