In einem Aspekt hat es ​Hertha BSC tatsächlich zum ersehnten Status des Big-City-Klubs geschafft. Die einstige graue Maus der Bundesliga wird aktuell thematisiert wie sonst kaum ein deutscher Klub. Nach dem Rücktritt von Trainer ​​Jürgen Klinsmann​ trennt sich allerdings schon früh die Spreu vom Weizen. Wohin führt der Weg der Hertha?


Investoren und Fußball sind in Deutschland immer noch nicht so richtig miteinander warm geworden​. Lediglich bei den Werksklubs ​Wolfsburg und ​Leverkusen sowie die durch Mäzen Dietmar Hopp gesponserten ​Hoffenheimer kann man von langfristigem Erfolg sprechen. Inzwischen finanzieren sich die drei Klubs allerdings so weit es geht autark. Im Kraichgau hat sich Hopp zudem ganz vom Fußball verabschiedet.


Demgegenüber gibt es die andere, ebenso kleine Gruppe aus Vereinen, welche aktuell noch investorgebunden ist. Medial im Fokus steht dabei vor allem ​RB Leipzig, das als Aushängeschild eines gewissen Energydrink-Konzerns finanziell spitzenmäßig aufgestellt ist und sportlich überzeugen kann. Langfristig wird RB Teil der nationalen Spitzengruppe sein. 


Daneben stellen der ​Hamburger SV und 1860 München die andere Seite der Medaille dar. In den sowieso schon zerrütteten Vereinen waren Investoren der Anfang vom Ende - beide Klubs stiegen trotz massiver finanzieller Unterstützung schlussendlich ab.

Hasan Ismaik,Peter Cassalette

1860-Investor Hasan Ismail ist für seine harsche Vereinsführung bekannt



Was RB vom HSV und den Münchnern unterscheidet, war zum einen die Ausgangslage. Der ehemalige Bundesligadino und die Löwen aus dem Süden waren in ihrer Struktur bereits dem Abgrund nahe. In Leipzig wiederum startete man komplett bei Null. Dennoch hätte auch im Hamburg oder München etwas wachsen können, wenn man das Geld mit der nötigen Ruhe, mit Geschick und vor allem mit Expertise eingesetzt hätte. Stattdessen debattieren Investoren und Klubfunktionäre lieber öffentlich ihre Streitereien aus. Von einem Plan war keine Spur zu sehen.


Hertha strebt nach oben - und erlebt einen herben Dämpfer


Bei Hertha BSC steht man aktuell noch am Beginn der Investorenkarriere. Mit Lars Windhorst hat sich ein engagierter Funktionär in den Verein eingekauft. Das Geld des Investors sah man in der Hauptstadt gerne. Eben diese monetären Mittel sollten den Verein auf eine neue Ebene hieven. Die Alte Dame sollte zum Big-City-Klub werden.


Jürgen Klinsmann sollte in Berlin ein wichtiges Zahnrad in dieser Planung einnehmen. Der Weltmeister von 1990 hat dem Verein ein internationales Gesicht gegeben. Dass Klinsmann mit dem Engagement auch eigene Interessen verfolgte, unterschätze man fatal. Der 55-Jährige schmiss seinen Trainerjob hin, nachdem man ihm weitere Funktionen und einen größeren Einfluss auf Entscheidungen im Verein verwehrte.


​Nun steht man im Berlin fragend da. Ohne Trainer, dafür aber mit einem Haufen Investitionen, muss man den Verein weiter über die Runden bringen. Das Geld von Windhorst ist bereits aufgebraucht, der Kader grundsätzlich eher auf Klinsmann zugeschnitten.

Juergen Klinsmann

Es könnte sich rächen, dass man bei aller Euphorie, die man in Berlin (vielleicht zurecht) hatte, die Entwicklung des Vereins zu schnell vorantreiben wollte. Das zu investierende Geld war zwar da, doch im Grunde zwang niemand die Hertha, es sofort auszugeben. Statt "nur" die akut fehlenden Spieler zu transferieren und sich auf den Klassenerhalt zu fokussieren, shoppte man mal eben neunstellig durch Europa und träumte bereits vom großen Erfolg. In Berlin stand Big-City vielleicht auf dem Geldbeutel, doch auch auf dem Businessplan?


Hertha und die stetige Ungewissheit


Die geholten oder noch kommenden Spieler mögen tatsächlich über eine gewisse Klasse verfügen und dem Verein weiterhelfen, doch auch langfristig? Konnte man in den paar Wochen Klinsmann überhaupt ein Konzept entwickeln, das in Berlin auf lange Sicht hin greift? Waren die Transfers blinder Aktionismus oder Kalkül? Fragen über Fragen, die einem nach dem Klinsmann-Aus mehr denn je in den Kopf steigen.


Sicher ist, dass zwischen den Zuständen aktuell in Berlin und eben denen damals in Hamburg und München Parallelen bestehen. Alle drei Städte können grundsätzlich durch ihren bloßen Ruf glänzen und alle drei haben bzw. hatten in ihrem Rahmen gewisse finanzielle Mittel. Wichtiger Unterschied ist jedoch, dass bei der Hertha zurzeit noch einigermaßen Ruhe herrscht. Verglichen zum HSV und 1860 wurde da schon bessere Arbeit gemacht.


Aus diesem Grund hat die Alte Dame noch die Chance, sich aus dem Sumpf zu retten. Anders als in den genannten Beispielen kann die stabile Struktur als Basis genutzt werden, tatsächlich ein funktionierendes Konzept aufzubauen. Als Vorbild muss RasenBallsport Leipzig dienen. Nur ein solch langfristig geplantes Konzept kann im schnelllebigen modernen Fußball überleben.


Doch dazu braucht es mehr als nur Geld. Leipzig investierte zwar auch von Beginn an massig finanzielles Schmiermittel in neue Spieler, allerdings auch in ein Nachwuchsleistungszentrum, was deutschlandweit im Spitzenbereich liegt. Daneben wurde nach einem engagierten, aber auch ruhigen und mit Bedacht arbeitenden Trainer gesucht. Egozentriker sucht man im Leipzig auf der Trainerbank vergebens.

Julian Nagelsmann

Sinnbild für die gute Arbeit Leipzigs: Trainertalent Julian Nagelsmann



Will die Hertha also nach oben, sollte sie auf die Struktur der Sachsen schauen. Aktuell sieht es allerdings vielmehr danach aus, als dass in Berlin Kurzschlussreaktionen gefällt wurden. Die noch angenehme Ruhe könnte da ganz schnell in Panik ausarten, zumal der Klub noch immer im Abstiegskampf der ​Bundesliga steckt. Greifen die bereits getroffenen Entscheidungen nicht, steht man nicht nur mit jeder Menge verpulverter Millionen dar, man hat im Endeffekt auch für Nichts und wieder Nichts einen Großteil der eigenen Identität verkauft. Und schlussendlich sitzt dem Verein auch ein Investor im Nacken, der mit aller Kraft versuchen wird, mit seinem finanziellen Einsatz schwarze Zahlen schreiben zu wollen. Zur Not auch mit enormer Einflussnahme auf das Tagesgeschäft.


Wohin geht es für die Alte Dame?


Mit dem Investor begibt sich die Hertha folglich auf ein dünnes Eis. Im deutschen Fußball bieten sich dem Verein nur wenige Beispiele, wie man die Investitionen (eben nicht) umsetzen sollte. Nur zwei Möglichkeiten eröffnen sich der Hertha: die des Erfolges und die der Ernüchterung. Für Letzteres hätte es keinen Investor gebraucht, doch für Ersteres könnte es bald zu spät sein. Der Verein steht am Scheidepunkt, denn die Differenzen zwischen den beiden Extremen sind grad durch den Faktor des Investors so groß wie noch nie.