Seit Jahren, wenn nicht schon seit Jahrzehnten, wird der FC Bayern hierzulande (und auch außerhalb Deutschlands) um sein pralles Festgeldkonto beneidet. Doch es festigt sich der Eindruck, dass die Bayern irgendwie immer mehr Probleme haben, mal richtig Geld in die Hand zu nehmen, je größer das Vermögen ist. Diese Knauserigkeit darf man sich aber im heutigen Fußball nicht erlauben, wenn man mit den ganz Großen mitspielen will.


In Filmen und Romanen begegnet einem bisweilen die niedliche alte Dame, die ihr Leben lang Geld gespart hat, indem sie es in einen unter dem Kopfkissen versteckten Strumpf gestopft hat. Und je mehr die Dame an Geld angesammelt hat, umso schwieriger fällt es ihr, das Ersparte anzubrechen. Genau diesen Eindruck machen die Bayern auf mich. Und paradoxerweise auch wieder nicht.

Lucas Hernandez

Der teuerste Einkauf der Bayern-Historie - doch sind 80 Millionen Euro für Lucas Hernández wirklich ein angemessener Preis?



Denn ein Lucas Hernández (Rekordeinkauf der Bayern-Geschichte) war mit 80 Millionen Euro ja nicht gerade ein Schnapper - allein: es stellt sich die Frage, ob sie im Falles des Franzosen sich nicht vielleicht ein Stück weit haben über den Tisch ziehen lassen.


Und ganz nebenbei: in der Rangfolge der teuersten Bayern-Einkäufe der Geschichte folgen mit Corentin Tolisso (41,5 Millionen) und Javi Martínez (40 Millionen) zwei ebenfalls eher unglamouröse Spieler, über deren sportliche Wertigkeit - für das bezahlte Geld - man ebenfalls trefflich streiten könnte. Hinzu kommt: 40 Millionen Euro bezahlen Klubs wie Barça, Real, PSG, Juventus und die Top 3 der Premier League beinahe schon für Ergänzungsspieler, um den Kader aufzufüllen.

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Für sie gab der FC Bayern insgesamt mehr als 80 Millionen Euro aus: Javi Martínez und Corentin Tolisso



Auch hier passt das Bild der alten (vielleicht auch schon ein wenig verwirrten) Dame. Für zweifelhafte Anschaffungen durchaus bereit, auch überhöhte Preise zu zahlen, aber für das Naheliegende dann wieder zu knauserig. Oder ängstlich. Oder beides. Was eine fatale Kombination im Profi-Fußball wäre. 


Am anderen Pol haben wir dann einen Spieler wie ​Kai Havertz. Keiner in Deutschland zweifelt an den überragenden Qualitäten des 20-Jährigen. Dass er diese Saison, nach dem grandiosen Vorjahr, einen Hänger hat - geschenkt. Formschwankungen sind in solch jungen Jahren absolut normal und entwicklungsimmanent. Dennoch fällt mir momentan kein anderer deutscher Spieler ein, dem ich - perspektivisch -  mehr zutraue in den kommenden zehn Jahren als Kai Havertz. Unterschiedliche Entscheidungsträger bei den Bayern haben dies in der Vergangenheit auch immer wieder betont. Auch der aktuelle Trainer Hansi Flick schwört auf den Bayer-Crack.


Zweifel der Bayern an Havertz wirken wie eine Schutzbehauptung


Umso erstaunlicher ist es für mich, dass die Bayern nun auf einmal anfangen, an dem Spieler zu zweifeln, wie man heute einigen Medien wie dem kicker entnehmen konnte.

Oder haben sie einfach nur Angst, einen dreistelligen Millionenbetrag in die Hand zu nehmen? Natürlich ist das eine riesige Summe Geld. Aber so ist nun mal der Markt anno 2020. Und wenn ein Hernández schon 80 Millionen Euro kostet, der sich jetzt nicht gerade durch überragende fussballerische Ästhetik und begeisternde Technik auszeichnet, sondern einfach nur ein überdurchschnittlicher Außenverteidiger ist, mit all den Tugenden, die auf dieser Position verlangt sind (Kondition, Schnelligkeit, Robustheit, passable Technik), dann darf man sich nicht wundern, wenn ein Ausnahmetalent wie Havertz schnell mal fast das Doppelte kostet.


So gesehen könnte man auch ketzerisch sagen, dass die Bayern das ihrige dazu beigetragen haben, die Preise in der Fußball-Welt zu versauen. Wenn ich für biedere Handwerker schon Mondpreise zahle - dann darf ich mich nicht wundern, wenn für Künstler mal so richtig saftige Summen aufgerufen werden. Zumal Havertz mit seinen zarten 20 auch noch lange nicht an seinem Zenit angekommen ist. 


Oder ist alles nur Bluff im anstehenden Havertz-Poker?


Jetzt hat also kürzlich der FC Liverpool mit seinem kolportierten Angebot über eben diese ominösen 130 Millionen Euro den Poker um Havertz eröffnet. Wenn die Bayern aus dieser Runde aussteigen, begehen sie, in meinen Augen, einen der größten strategischen Fehler ihrer jüngeren Geschichte. Aber - um im Bild zu bleiben - vielleicht bluffen sie ja auch nur.