​Nach ihrer aktiven Karriere wechseln viele Fussballprofis auf die Trainerbank oder in das Management, der ehemalige Spieler des ​FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft Mehmet Scholl hingegen fand seine Bestimmung in der Radiokabine. In der wöchentlich vom Bayrischen Rundfunk ausgestrahlten Sendung "Mehmets Schollplatten" leistete sich der 49-jährige kürzlich einen brisanten Vergleich.


In seinem Radioformat verglich Scholl den 25-jährigen Joshua Kimmich wegen dessen oftmals sehr forsch geäußerten Kritik an Mannschaftsleitung und Mitspielern mit der Schwedin Greta Thunberg, die aufgrund ihres mahnenden Einsatzes für den Umwelt- und Klimaschutz weltweite Schlagzeilen machte. "Die ganzen Äußerungen und Interviews, das war ein bisschen viel für mich. Und dann hab ich mir überlegt: Er ist die Greta Thunberg des deutschen Fußballs", sagte Scholl in seiner Sendung. "Er ist derjenige, der mit seinen 24 glaubt, permanent den Finger in irgendeine Wunde legen zu müssen, was ich schwierig finde. Er soll natürlich auch zum Führungsspieler aufgebaut werden, ja, alles gut. Leistung: passt einigermaßen. Nur: Wo führt's hin? Du bist noch kein Schweinsteiger", ätzte der ehemalige Edeltechniker über Kimmich.


Falsche Analogien von Scholl


Nicht nur der Vergleich mit Thunberg scheint weit hergeholt, auch das Erwähnen von Bastian Schweinsteiger ergibt nur wenig Sinn. ​Joshua Kimmich steht mit seiner oft forschen und teilweise unüberlegten Art, Kritik zu üben, nicht in der Tradition von eher staatsmännisch auftretenden Spielerpersönlichkeiten wie Schweinsteiger, Thomas Müller oder damals Philipp Lahm. Passender wäre es gewesen, den aggressiven Mentalitätsspieler mit Vorgängern wie Matthäus, Effenberg oder van Bommel in Verbindung zu bringen, deren Status er selbstredend auch noch nicht erreicht hat, doch eventuell ist Scholl nicht allein mit seiner falschen Vorstellung der Entwicklung von Joshua Kimmich und damit mitverantwortlich für eine fehlgeleitete Außendarstellung des Nationalspielers. Denn jeder, der nur die Form der Kritik anprangert und sich fragt, wann Kimmich endlich zum Staatsmann wird, der wird nie zufriedengestellt werden. 


Rückendeckung der Trainer

Joshua Kimmich ist sehr ehrgeizig und schießt eventuell manchmal mit seinen Aussagen über das Ziel hinaus​, dennoch ist er bei seinen (Ex-)Trainern sehr beliebt und einheitlich wird der Wert des Antreibers anerkannt. "Er ist ein Vorbild an Einsatz. Und er hat mittlerweile auch eine gewisse Erfahrung. Und er kann auch verbal eine Mannschaft auf dem Platz führen. Er ist in der Organisation sehr klug und gibt Anweisungen", sagte beispielsweise der Bundestrainer Joachim Löw im letzten Oktober. Der aktuelle Bayern-Trainer Hansi Flick schlägt in die selbe Kerbe: "Joshua Kimmich ist ein wichtiger Spieler. Ich mag Spieler, die voran gehen und eine Meinung haben. Er ist auf einem sehr guten Weg und ich bin mit ihm sehr, sehr zufrieden." Doch gerade Kimmichs ehemaliger Coach Alexander Zorniger bringt es im Interview mit Sky auf den Punkt: "Für mich ist Jo der verlängerte Arm jedes Trainers. So einen Spieler wünschst du dir einfach. Mit einem Spieler wie Jo Kimmich gewinnst du Titel, weil er es hasst zu verlieren, auch in kleinen Situationen."


Sieht so aus, als wäre sich die Expertenriege einig, was man von Joshua Kimmich erwarten kann und was nicht. Wenn man einen Aggressive-Leader auf dem Platz sehen will, dann muss man diesem auch die Möglichkeit zu Kritikäußerungen in den Medien geben. Dabei darf man nicht vergessen, dass man aus Kimmich keinen Lahm machen wird, sondern den nächsten Effenberg vor sich hat - und wie der Tiger öffentlich auftrat, kann sich Mehmet Scholl bei Gelegenheit gerne nochmal in Erinnerung rufen.