Wie vor einem Jahr lag der ​FC Bayern zwischenzeitlich mit sieben Punkten hinter dem Tabellenführer, doch wieder einmal ist der Rekordmeister nah dran am Platz an der Sonne. In den vergangenen Jahren ist nicht alles reibungslos verlaufen, ganz so dramatisch, wie einige Anhänger den Status quo sehen, ist es aber keinesfalls. Ein Appell an ein wenig mehr Realismus.


Liebe Bayern-Fans,


ich bin mir bewusst, dass ich mit den folgenden Worten nur eine kleine Gruppe anspreche. Dass unter 293.000 Mitgliedern die Meinungen auseinandergehen, lässt sich bei einer solchen Masse nicht vermeiden. Grundsätzlich ist die freie Meinungsäußerung und auch die Meinungsvielfalt ein wichtiges Gut, aber zu einem vernünftigen Diskurs gehört auch, sich der unterschiedlichen Ansichten anzunehmen und Kritik zu äußern.


Mit einzelnen Abstrichen waren die Jahre von 2009 bis 2018 die erfolgreichsten seit dem Titel-Hattrick im Europapokal der Landesmeister in den 1970er Jahren, fußballerisch vermutlich sogar die besten in der Vereinsgeschichte. Trainergrößen wie Louis van Gaal, Jupp Heynckes und Pep Guardiola, der weltbeste Klubtrainer der letzten Jahre, haben den Verein nach Jahren der internationalen Zweitklassigkeit auf ein komplett neues Niveau gehoben.


Seit der Saison 2009/10 hat der FC Bayern ganze drei Mal das Halbfinale der Champions League verpasst. Drei Mal gelang der Einzug ins Finale, 2013 durfte Philipp Lahm endlich den Henkelpott in den Nachthimmel stemmen. Im selben Jahr sicherten wir uns als erste deutsche Fußballmannschaft das Triple. Wer, wenn nicht wir?


Die Schwierigkeiten der Post-Pep-Ära


Doch eigentlich läuft es schon seit der Saison 2017/18 nicht mehr allzu rosig. Das Experiment Carlo Ancelotti ist ebenso gescheitert wie Niko Kovac, Jupp Heynckes übertünchte die Probleme, die nach dem Weggang von Guardiola auftraten. Der Katalane hat große Fußstapfen hinterlassen, waren die Bayern unter seiner Leitung doch die dominanteste Mannschaft in der Geschichte der ​Bundesliga.


Auch die Suche nach einem würdigen Nachfolger für Matthias Sammer verlief äußerst schwierig, beendet wurde sie mit der Anstellung von Hasan Salihamidzic, der im Sommer zum Sportvorstand befördert wird. Ja, man kann Salihamidzic für seine Interviews kritisieren, auch die Herangehensweise auf dem Transfermarkt gefällt nicht jedem. Zu häufig betonte er, wie schwer es sei, die Mannschaft zu verstärken. In gewisser Weise hat er allerdings recht mit dieser Aussage. Hansi Flick offenbart in diesen Tagen wieder das Potenzial, das unter Kovac untergegangen war.


Ja, man hat es verpasst, sich im Sommer 2018 neu aufzustellen. Kovac hätte durchaus erfolgreich sein können, scheiterte aber an zwei grundlegenden Faktoren: Einerseits mangelte es ihm, wie Ex-Pressesprecher Marcus Hörwick einst voraussagte, am Feingefühl für den Umgang mit Starspielern. Andererseits stimmte sein spieltaktisches Grundverständnis nicht mit der Vereinsphilosophie überein.


Dass der Kader etwas dünner ausgefallen ist, soll in Absprache mit Kovac entschieden worden sein. Die Verletzung von Leroy Sané und die verweigerte Freigabe für Kai Havertz verhinderte zudem den Umbruch im vergangenen Sommer. Dass dieser erneut um ein Jahr hinausgezögert wurde, ist ärgerlich und zu kritisieren - aber er hätte längst vor 2018 stattfinden sollen. 


Der Fußball verläuft in Zyklen


Mit Guardiola ging eine Ära zu Ende. Fußball ist ein zyklischer Sport, wie das Beispiel Manchester United zeigt. Auch Real Madrid und der FC Barcelona haben seit der vergangenen Saison mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Dagegen belohnt sich Jürgen Klopp für seine herausragende Arbeit während seiner gesamten Trainerlaufbahn und steuert mit Liverpool auf die erste Meisterschaft seit 1990 zu.

Erfolge kommen und gehen - der FC Bayern aber ist seit vielen Jahrzehnten eine Konstante. "Bayern ist wie der Mount Everest", sagte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Frühjahr 2019 gegenüber BILD. Man könne "versuchen, ihn zu bezwingen" - stürzen kann man ihn aber kaum. Egal wie der Gegner hieß - wir gingen am Ende stets als Sieger hervor. 29 Meisterschaften, 19 Pokalsiege, fünf Erfolge in der Champions League. Das spricht für sich.


Ja, der Zyklus ist zu Ende. Ja, man muss sich darauf konzentrieren, eine neue Ära einzuläuten. Der bevorstehende Sommer ist entscheidend - sowohl für Salihamidzic, als auch für den gesamten Klub. Aber anders als Paris St. Germain, Manchester City oder andere englische Klubs hat der FC Bayern keinen Scheich oder Oligarchen im Hintergrund, der je nach Bedarf den Geldhahn aufdreht. Der Klub finanziert sich über die Anteilseigner Adidas, Audi und Allianz, über Sponsoring-Verträge, TV-Einnahmen und nicht zuletzt auch über sportliche Erfolge.


Im Sommer müssen die Transfers hinhauen


Die Kassen sind für diesen Sommer prall gefüllt, die finanziellen Möglichkeiten aber endlich. Zu erwarten, dass man den Trend mitgeht und regelmäßig Spieler für 80 bis 100 Millionen Euro oder mehr verpflichtet und ihnen entsprechende Gehälter auszahlt, ist unrealistisch. Mit Blick auf die anvisierten Sommertransfers wäre es sinnfrei gewesen, im Januar 50 oder 60 Millionen Euro in die Hand zu nehmen. Damit beschneidet man das eigene Budget.


Allerdings sehe auch ich es kritisch, dass der Fokus, wenn man den Medienberichten Glauben schenken darf, voll auf Sané und Havertz gelegt wird. Die Klubführung muss sich Gedanken über Alternativen machen, darf Spieler nicht wieder im Dunkeln stehen lassen und sich plötzlich nicht mehr melden (siehe Hakim Ziyech). Das obliegt im Übrigen nicht nur Hasan Salihamidzic, denn Karl-Heinz Rummenigge hat weiterhin ein gewichtiges Wort, und mit Sicherheit wird auch Oliver Kahn in Personalentscheidungen hineinbezogen.


Der Vorstand verfügt über genügend Kompetenz und Erfahrung. Bei einer gewissenhaften Kaderplanung wird der FC Bayern auch in Zukunft auf allen drei Hochzeiten mittanzen und ein Favorit auf alle Titel bleiben. Aber man muss sich auch damit abfinden, dass es Jahre gibt, die weniger erfolgreich verlaufen. Denn wenn man am Rande der Perfektion spielt und bis zu seinem Äußersten getrieben wird, lässt der Kopf irgendwann nach. Und irgendwann geht auch die beste und längste Party zu Ende. Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Dass wir in der Versenkung verschwinden, ist eine dystopische Vorstellung, die mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen wird. 


Mein Appell an euch: Malt den Teufel nicht an die Wand. Denkt daran, wer wir sind und wie wir so geworden sind. Vor allem aber: Setzt euch kritischer mit Medienberichten auseinander. Die Extreme, in denen einige Fans in den sozialen Netzwerken leben, sind kaum zu ertragen. An einem Tag ist alles in bester Ordnung, eine Exklusiv-Meldung später wird der gesamte Vorstand wieder verflucht. So macht das Fan-Sein doch wirklich keinen Spaß!