Lange hat Joachim Löw den Umbruch bei der deutschen Nationalmannschaft hinausgezögert. Erst im März 2019 griff der Bundestrainer durch, setzte mit der Ausbootung des Weltmeister-Trios Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller ein Zeichen an Kritiker und Spieler. Immer wieder aber wird über eine mögliche Rückkehr von Hummels spekuliert, die Verantwortlichen des ​FC Bayern brachten jüngst auch Müller ins Spiel. Sollte Löw seiner Linie treu bleiben oder den Kurs wieder korrigieren?


Seit der Amtsübernahme von Joachim Löw nach der Weltmeisterschaft 2006 war Deutschland, wie schon zuvor bei der Heim-WM, bei der er als rechte Hand von Jürgen Klinsmann fungierte, wieder eine echte Spitzenmannschaft. In seinem ersten Turnier als Bundestrainer erreichte die DFB-Elf das Endspiel der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, wurde zwei Jahre später Dritter bei der WM in Südafrika und holte 2014 in Brasilien den begehrten WM-Pokal. 

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Nach dem frühen WM-Aus 2018 musste sich Löw viel Kritik gefallen lassen



Doch sowohl nach dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft 2012 als auch nach der WM 2018, bei der Deutschland - wie zuvor bereits Italien und Spanien - als amtierender Weltmeister in der Gruppenphase scheiterte, war die Kritik am 59-Jährigen groß. Löw stand unter gehörigem Druck, musste reagieren und erkennen, dass die Zeit für einige Spieler abgelaufen war, dass neue Kräfte nachrücken müssen. Nach und nach wurden einzelne Akteure wie Sami Khedira aussortiert, die Dreierkette einstudiert und die Spielweise von Ballbesitz auf schnelles Umschalten geändert. Die neue Nationalmannschaft braucht Zeit für die Entwicklung, noch immer sind nicht alle Automatismen gereift. 


Hammergruppe bei der EM - Verstärkung durch Erfahrung?


Bei der Europameisterschaft im Sommer warten in Gruppe F mit Frankreich und Portugal die amtierenden Welt- und Europameister, im März wird der letzte Gegner ermittelt. Ob die Nationalmannschaft für den Einzug in die K.o.-Runde gerüstet ist, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Auch aufgrund der Gruppenkonstellation, vor allem aber wegen der individuellen Leistungen, die in den vergangenen Monaten eine klare Tendenz aufweisen konnten, wird die Rückkehr von Mats Hummels und Thomas Müller gefordert. 


​Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc etwa ernannte Hummels im September zum "besten deutschen Innenverteidiger" (via Sportschau), für Müller spricht die starke Quote von vier Toren und acht Vorlagen in neun Bundesligaspielen unter Hans-Dieter Flick. ​"Ein Thomas Müller tut jeder Mannschaft gut", befindet ​Bayern Münchens Präsident Herbert Hainer. 


Schwachstelle Innenverteidigung: Hummels sollte zurückkehren


Nachvollziehbar ist, wieso Hummels in die Nationalmannschaft zurückkehren sollte. Niklas Süle will seinen Kreuzbandriss rechtzeitig zur EM überstanden haben, ginge dann allerdings ohne jegliche Spielpraxis in das Turnier. Dass sich solch ein Risiko auszahlen kann, bewies Manuel Neuer bei der WM in Russland; allerdings ist nach solch einer schwerwiegenden Verletzung Vorsicht geboten. 

Borussia Dortmund v 1. FC Koeln - Bundesliga

Noch immer ein Meister seines Fachs: Mats Hummels.



Mit Matthias Ginter verfügt Löw über einen erfahrenen Abwehrspieler, der bei Borussia Mönchengladbach seine Führungsqualitäten unter Beweis stellt - solange jedoch auch Antonio Rüdiger ausfällt und Niklas Stark, Robin Koch sowie der zuletzt im DFB-Dress wackelige Jonathan Tah zum Aufgebot gehören, kann es durchaus sinnvoll sein, einen so erfahrenen Spieler wie Hummels, der seit knapp einem Jahr wieder auf Top-Niveau spielt, zurück ins Boot zu holen.


Passt Müller in die Dreierkette?


Die Personalie Müller wiederum hängt nicht zuletzt von den Planspielen in der Offensive ab. Unter Flick orientiert sich der 30-Jährige wieder zentral, bringt dort all seine Qualitäten zum Tragen. Gegen Spitzenmannschaften vertraut der Bundestrainer aber auf eine Dreierkette und stellt seine Spieler meist in einem 3-4-3 oder 3-4-2-1 auf. Ob sich dort ein Platz für Müller finden lässt, darf angezweifelt werden. Denn trotz seiner herausragenden Tor-Bilanz stehen mit Serge Gnabry, Marco Reus, Timo Werner, Kai Havertz oder Julian Brandt technisch versiertere, wendigere und antrittsschnellere Spieler zur Verfügung, die besser in das überfallartige Spiel passen. 

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 Auch Thomas Müller ist wieder in Bestform, doch: reicht es für ein Comeback beim DFB?



Grundsätzlich sollte Löw seiner Linie treu bleiben, dabei aber nicht zu viel Risiko eingehen. Solange sich die Personalsituation in der Innenverteidigung nicht bessert, erscheint es beinahe fatal, einen Mats Hummels nicht einmal in Betracht zu ziehen. Auf Thomas Müller dürfte er vermutlich aus taktischen Gründen verzichten, wenngleich er eine mehr als brauchbare Alternative wäre und die Flexibilität noch einmal erhöhen würde. Doch gerade im Offensivbereich ist die Auswahl für den Bundestrainer breit gefächert.


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