Erling Haaland trifft und schweigt. Der Shootingstar von Borussia Dortmund hält sich vor den Pressevertretern auf Anweisung der Verantwortlichen zurück, behutsam soll der 19-Jährige an die Bundesliga gewöhnt werden. Das sorgt nicht überall für Verständnis, ist allerdings eine nachvollziehbare Maßnahme. 


Der norwegische Stürmer erlebt seit Sommer einen kometenhaften Aufstieg, ähnlich wie Jadon Sancho in der vergangenen Saison. 28 Tore erzielte Haaland in 22 Pflichtspielen für Red Bull Salzburg, erregte früh internationale Aufmerksamkeit durch seinen Dreierpack beim ​Champions-League-Debüt gegen den KRC Genk. Fast unermüdlich traf er weiter, zog das Interesse von zahlreichen europäischen Spitzenklubs auf sich. 


Bewusst entschied sich Haaland für den Schritt nach Dortmund. Der BVB bietet die Aussicht auf Titel, ist jährlich international vertreten und kann zudem mit einem emotionalen Umfeld und der größten Stehtribüne Europas punkten. Dort angekommen, trainiert Haaland vom ersten Tag an so fokussiert und ehrgeizig, wie er sich auch in seinen beiden Kurzeinsätzen in der Bundesliga präsentierte.

Erling Braut Haaland

   Begeistert die Bundesliga auf Anhieb: Erling Haaland.



Gerade einmal 57 Minuten benötigte der Neuzugang für fünf Tore, debütierte wie einst Pierre-Emerick Aubameyang mit einem Hattrick in Augsburg. Doch Haaland, der "Rohdiamant", wie ihn die Klubverantwortlichen immer wieder bezeichnen, schweigt, soll sich vor der Presse zurückhalten und sich voll und ganz auf den Fußball konzentrieren.


"Wir alle müssen ruhig bleiben und die Situation richtig einschätzen", sagte etwa Lizenzspielerleiter Sebastian Kehl laut ​Sport1. Der öffentliche Andrang und damit auch der Druck ist bei einem Klub wie dem BVB um ein Vielfaches größer als im - aus fußballerischer Sicht - beschaulichen Salzburg, das sich erstmals für die ​Champions League qualifizieren konnte. Fast schon automatisch sind die Erwartungen hoch, dass Haaland Woche für Woche liefert, allen voran wenn er endlich von Anfang an spielen darf.


"Ein ganz normaler Junge" - Kritik am auferlegten "Redeverbot" für Haaland


Sportdirektor Michael Zorc wolle den 19-Jährigen "nicht aufwecken" aus seinem "Traum", den er zurzeit lebt (zitiert via ​kicker). Haaland beschreibt er als "unheimlich ehrgeizigen" Spieler, der "jedes Tor", egal auf welchem Platz und aus welcher Distanz, treffen will. Damit soll er weitermachen, ohne aber den Fokus zu verlieren. Deshalb die Distanz zur Öffentlichkeit.

Michael Zorc

  Borussia Dortmund lässt bewusst Vorsicht walten, wie Michael Zorc unterstreicht.



Nachvollziehen kann das nicht jeder. "Ein Redeverbot? Das ist total überzogen. Der Junge ist doch sehr vernünftig", sagte der frühere Bundesligaspieler Kjetil Redal (​Hertha BSC) auf Nachfrage von Sport1. "Erling ist ein ganz normaler Junge, kein Showman, der große Sprüche raushaut und für Skandale sorgt. Er ist total bodenständig und klar im Kopf." 


Auch Volker Finke glaubt, dass man Haaland freien Lauf lassen sollte: "Jetzt den mahnenden Finger zu heben und noch eine Interviewsperre zu verpassen, halte ich für falsch", so der ehemalige Trainer des ​SC Freiburg im Doppelpass. "Ich würde ihn austoben lassen. Soll er doch auf der Welle schwimmen."


Die Gefahr der Unruhe


So schnell wie der Hype entstanden ist, so schnell kann er allerdings wieder abklingen, denn Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Haaland ist in einem neuen Umfeld, einem neuen Land, muss sich erst einmal akklimatisieren. Das gelingt, wie Kehl und Zorc mahnen, am besten, indem er damit weitermacht, wo er in Salzburg aufgehört hat. Gewiss wird Haaland früher oder später Interviews geben und häufiger zu Wort kommen als nach seiner Premiere in Augsburg. Dass der Klub zunächst aber Vorsicht walten lässt, hat auch mit der Erfahrung zu tun, dass sich junge Spieler vom plötzlichen Trubel blenden lassen und sie dadurch in ein Leistungsloch fallen, eben weil sie nicht mehr auf das Wesentliche im Fußball konzentriert sind. 


Aufgrund dessen macht der BVB damit keinen Fehler. Denn was man nicht vergessen darf: Erling Haaland ist eben erst 19 Jahre alt und erlebt seine erste Saison auf höherem Niveau. Der heutige Gladbacher Trainer Marco Rose gewährte ihm ein halbes Jahr Eingewöhnungszeit, als er im Januar vergangenen Jahres für acht Millionen Euro von Molde FK nach Salzburg gewechselt war. Die benötigt er in Dortmund zwar nicht, aber eine Entwicklung abseits des Medienrummels ist für junge Profis das Wichtigste. Soll heißen: Erst, wenn Haaland wirklich angekommen ist, wird er auch vor die Presse treten.


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