​Hamburg in der letzten Januarwoche. Richtig winterlich kalt ist es irgendwie noch nicht, aber grau und ungemütlich und somit irgendwie passend zur Seelenverfassung einiger HSV-Fans, die schon wieder die Flatter vor der Rückrunde kriegen. Doch steht es tatsächlich so schlecht um die Truppe, die aktuell den zweiten Tabellenrang belegt, immer noch die meisten Tore (36) geschossen und - nach ​Heidenheim - die wenigsten kassiert hat (19)?


Hamburg, vor einer Woche: Gegen den regelmäßigen ​​Champions-League-Teilnehmer aus der Schweiz, den FC Basel, gewinnt der HSV ein Freundschaftsspiel in dessen Stadion mit 2:0, und das sogar noch ohne den erwarteten Neuzugang aus der Slowakei. Die Presse jubiliert, zwar nicht ohne auf den altbekannten Nicht-Zusammenhang zwischen Test- und Pflichtspielen zu verweisen, aber sie jubiliert. Wer so eine Mannschaft schlagen kann (aktueller Tabellenzweiter der Raiffeisen-Super League, wie man den heimischen Liga-Betrieb hinter den Alpen nennt), der sollte doch wohl ohne große Probleme den Aufstieg in die ​Bundesliga schaffen. Zumal ja noch Bozenik kommt, dieses 20-jährige Wunderkind. 


Testspielblamage gegen Lübeck


Hamburg, vor drei Tagen: Der Boulevard schüttelt sich immer noch. Teils um die regennassen Kleider trocken zu kriegen, die sich mit Lübecker Dauerregen vollgesogen haben, teils - und wohl noch mehr - um die fast körperlichen Reaktionen, die ​das traumatische 2:5 beim Regionalligisten gezeitigt hat, auch gestisch zu verdeutlichen. Eine Lachnummer sei es gewesen. Eine peinliche Abreibung, oder einfach ein Spiel, das "nicht passieren darf", wie Dieter Hecking nach dem Vortrag seiner Mannschaft eingestand.  


In den einschlägigen Foren prophezeit - gefühlt - die Hälfte der Fans nach dem Desaster von der Lohmühle ein ebensolches für die restliche Zweitliga-Saison. Und mittelfristig eine Zukunft noch ein Stockwerk unter Liga 2. Ach was, die komplette Implosion des Klubs, bei dem sich eh nie was ändern wird. 

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Wechselt nicht zum HSV: Robert Bozenik


Und wie das so ist - fast zeitgleich sickert durch: ​Bozenik kommt nicht, zumindest nicht zum HSV. Und alle die, die gerade dabei sind, auf die Mannschaft einzudreschen, haben jetzt noch ein paar Leute mehr zum draufhauen. Allen voran den bösen Vorstandsvorsitzenden, der mit seiner skeptischen Haltung gegenüber dem Spieler wieder alles verbockt hat. Dass aber der Slowake auf der Zielgeraden des Verhandlungsmarathons noch mal eben schnell den Berater gewechselt hat - wird kaum mit dem Scheitern des Transfers in Verbindung gebracht. 


Weil für viele eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Natürlich haben es die eigenen Leute verbockt. Vielleicht ja auch Boldt, der sich nicht durchsetzen konnte gegen seinen formalen Vorgesetzten. Und als der dann auch noch einen quasi Berufsunfähigen als Alternative aus dem Hut zaubert - sind alle Bestätigungen gegeben. Na klar, der Ex-Leverkusen-Manager macht es sich leicht und eist einen Spieler von seinem früheren Klub los - und natürlich eine weitere Kader-Leiche. Denn wie oft war dieser​ Joel Pohjanpalo in den letzten Jahren verletzt? 


Auch hier wird nicht erwähnt, dass der Finne zurzeit voll im Saft steht und noch beim letzten Test der Bayer-Kicker gegen St. Gallen einen frischen, fitten Eindruck machte (Tor inklusive). Doch denen, die den Chaos-Klub wieder heraufbeschwören wollen, wird man mit sachlicher Logik und dem Verweis auf die bescheidenen Mittel des Klubs nicht beikommen können. Als Gegenargument holen sie dann immer gleich Klubs wie Freiburg oder Mainz raus, die es ja auch auf die Reihe bringen würden, mit (relativ) wenig, (relativ) viel zu machen. Dass Hamburg und genannte Städte unterschiedliche Realitäten darstellen - geschenkt. 


Kein Mittelmaß - alles zerreibt sich zwischen den Extremen


Schon an dieser Gegenüberstellung zweier zeitlich nahe beieinanderstehenden Momente lässt sich die ganze schizophrene Wahrnehmung eines nicht unbedeutenden Teils der HSV-Fangemeinde verdeutlichen. Entweder ist alles top (wie im vergangenen Spätsommer, an dessen Übergang zum Herbst man mal eben den ärgsten Verfolger mit 6:2 aus dem Stadion schoss) oder alles ist Lübeck (oder wahlweise Osnabrück oder Heidenheim oder welcher Gegner auch immer herhalten soll, um von einer punktuellen Niederlage gleich auf allgemeine Entwicklungen zu schließen). 


Da hilft manchmal nur ein Blick von außen. Entweder weil man selbst draußen ist, oder sich die Meinung eines Außenstehenden einholt - so wie die von Willi Landgraf. Der Mann hält einen Rekord, auf den wohl alle aktuellen HSV-Spieler gerne verzichten würden, und wohl auch die meisten der HSV-Fans. Wobei es ja tatsächlich Rauten-Kutten-Träger geben soll, die ein dauerhaftes Fristen in Liga zwei der Rückkehr ins Oberhaus vorziehen würden, mit dem Argument, dass man dort (also im Unterhaus) nicht so viel auf die Fresse kriegen würde, wie ein Stockwerk höher. Stichwort 2:9 oder 1:8. Dass sich ​Schalke 04, als Tabellenfünfter, auch gerade wieder fünf Stück in München gefangen hat - geschenkt. 

Ailton,Willi Landgraf

Rekordspieler der zweiten Liga: Willi Landgraf (r.)


Willi Landgrafs Rekord, um darauf zurückzukommen, besteht darin, der Spieler mit den meisten Einsätzen in der zweiten Liga zu sein. 508 Mal schnürte "Williiiiiiiiie", wie er in Aachen kultisch verehrt gerufen wurde, die Schuhe. Die meisten davon (188) für die Alemannia aus der Stadt Karls des Großen. Der Mann weiß also, wie die zweite Liga funktioniert. Und er kennt Dieter Hecking und Dirk Bremser aus gemeinsamen Zeiten am Tivoli.


Wenn ein solcher Mann, der auch am aktuellen Tagesgeschehen noch recht nah dran ist, eine Prognose bezüglich der Aufsteiger in die Bundesliga aufstellt, kann man vielleicht mal hinhören. Und was er der Bild am Sonntag verriet, sollte allen Schwarz-Weiß-Blauen Hoffnung geben: "Für mich wird der HSV am Ende das Rennen machen und auch als Meister aufsteigen. Auch wenn sie gegen Ende der Hinrunde geschwächelt haben und unnötig viele Punkte abgaben. Das war ein rechtzeitiger Schuss vor den Bug. Auf Sicht werden die Hamburger den längeren Atem gegenüber der Konkurrenz haben. Und ganz entscheidend: Sie haben das beste Trainergespann", das er aus eigener Erfahrung kennt. 


Landgraf: "Hecking hat auf alles eine Antwort"


"Die beiden sind überragend, kennen sich mit jeder Situation aus, ziehen ihr Ding gnadenlos durch. Hecking hat auf alles eine Antwort und reagiert auch in schwierigsten Situationen ruhig und ohne Hektik. Und weil der HSV den breitesten Kader und darin die höchste Qualität hat, steigt der ehemalige Bundesliga-Dino auch wieder in die Eliteklasse auf", sagte der Ex-Profi. Selbst vor konkreten Prozentzahlen hat Landgraf keine Scheu - und gibt dem HSV-Aufstieg eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit. Der ​VfB Stuttgart kommt nur auf 75 Prozent. Vielleicht sollte man in Hamburg öfter mal die lokale Sportpresse beiseite lassen - und mehr auf die Stimmen von außen hören.