Julian Nagelsmann ist das größte deutsche Trainer-Juwel der aktuellen Generation. Im Alter von nur 28 Jahren stieg er in der Bundesliga zum Cheftrainer auf, vier Jahre später könnte er seinen ersten Titel gewinnen. 90min zeichnet seinen Werdegang im folgenden Porträt noch einmal nach.


Vom der Beschreibung als 'Baby-Mourinho' hat sich Julian Nagelsmann längst gelöst. Der 32-Jährige bestreitet seine vierte komplette Saison als Cheftrainer in der Bundesliga, betreut seit dem vergangenen Sommer ​RB Leipzig und feierte mit den Sachsen die Herbstmeisterschaft. In den Jahren zuvor machte er sich bei ​1899 Hoffenheim einen Namen, wurde sogar mit dem FC Bayern, Borussia Dortmund und Real Madrid in Verbindung gebracht. Dass er eines Tages einen Klub dieser Größenordnung trainieren wird, steht außer Frage. 


Julian Nagelsmann im Trainer-Steckbrief

Name​Julian Nagelsmann​
​Alter​32 Jahre
​Geburtstag​23.07.1987
​GeburtsortLandsberg am Lech​
​Größe​1,90 Meter
Als Spieler aktiv bei​FC Issing, FC Augsburg, 1860 München
Position​Abwehr - Innenverteidigung
Karriereende2007
​Als Trainer aktiv bei1860 München, 1899 Hoffenheim, RB Leipzig
​Aktueller Klub​RB Leipzig
​Vertrag bis
​30.06.2023

Der Weg in den Profifußball


Bereits im Alter von 20 Jahren musste Nagelsmann seine Fußballerlaufbahn bei der Reserve des FC Augsburg beenden, ohne jemals ein Spiel auf Profi-Ebene absolviert zu haben. Ausschlaggebend waren ein Meniskus- und Knorpelschaden im Knie und der daraufhin bestehenden Gefahr einer Arthrose. 


Auf Anhieb wurde Nagelsmann in Augsburg bis zum Ende der Saison 2007/08 Scout und sichtete für den heutigen Übungsleiter von Paris St. Germain, Thomas Tuchel, zahlreiche Spieler. Zur Saison 2008/09 wechselte er in den Nachwuchsbereich des TSV 1860 München und fungierte zwei Jahre lang als Co-Trainer der U17, ehe der Sprung nach Hoffenheim erfolgte.


Bei der TSG begann er ebenfalls als Co-Trainer der U17, die er zur Saison 2011/12 übernahm. Im Dezember 2012 wurde er vom damaligen Cheftrainer Frank Kramer in den Trainerstab der Profis beordert, assistierte auch dessen Nachfolgern Marco Kurz und Markus Gisdol. 


Meisterschaft mit der U19


Nach dem erfolgreichen Klassenerhalt sollte er wieder im Nachwuchsbereich Erfahrungen sammeln, durfte diesmal jedoch die U19 betreuen. Gleich in seiner ersten Saison wurde Hoffenheim überraschend A-Junioren-Meister - der erste Titel für Nagelsmann, der diesen im Alter von 26 Jahren als jüngster Trainer gewann. 


Auch in der darauffolgenden Spielzeit setzte sich die Mannschaft in der Staffel Süd/Südwest durch, verpasste jedoch die Titelverteidigung wegen einer 1:3-Niederlage im Endspiel gegen den Nachwuchs des FC Schalke 04.

FBL-GER-BUNDESLIGA-HOFFENHEIM-NAGELSMANN

Februar 2016: Plötzlich steht Nagelsmann in der Bundesliga an der Seitenlinie.


Die Saison 2015/16, das stand bereits im Oktober 2015 fest, sollte jedoch seine letzte bei der U19 werden. Nach der Entlassung von Markus Gisdol wurde Huub Stevens als Interimstrainer präsentiert, gleichzeitig wurde Nagelsmanns Einstieg bei den Profis ab Sommer 2016 verkündet. Nachdem Stevens im Februar 2016 aufgrund einer Herzrhythmusstörung zurücktrat, machten die Verantwortlichen allerdings vorzeitig Nägel mit Köpfen, statteten Nagelsmann mit einem bis 2019 datierten Vertrag aus und machten ihn im Alter von 28 Jahren zum jüngsten Cheftrainer der Bundesliga-Historie. 


Was zeichnet Nagelsmann aus?


Wie sein ehemaliger Vorgesetzter Thomas Tuchel zerlegt Julian Nagelsmann den Fußball in seine kleinsten Bestandteile. Während seiner Zeit in Hoffenheim ließ er jede gängige Formation spielen, wählte insgesamt zwölf unterschiedliche Varianten. Ob Dreier-, Vierer- oder Fünferkette, mit einer, zwei oder drei Spitzen - Nagelsmann lässt variabel spielen, richtet sich gerne nach dem Gegner aus und scheut auch während eines Spiels nicht vor Änderungen.


So kann es passieren, dass seine Mannschaft die Formation binnen 90 Minuten mehrere Male ändert. Das sorgt bei seinen Spielern nicht immer für Verständnis. "Ich liebe Julian, aber in manchen Momenten ändern wir die Systeme und brauchen drei Minuten, weil es nicht jeder Spieler versteht oder er es wegen der 50.000 Zuschauer nicht hören kann", ​klagte etwa Andrej Kramaric im Mai dieses Jahres. "In diesem Moment verlieren wir unseren Vorteil. Das Spiel beginnt sich zu ändern."

Julian Nagelsmann

Er selbst sagte vor wenigen Tagen bei TV-Sender Nitro (zitiert via BNN): "Ich fordere schon viel von meinen Spielern und bin immer - das gebe ich auch gerne zu - an der Grenze der Überforderung bei den Spielern." Die Integration von Neuzugängen verläuft daher nicht immer reibungslos, manche benötigen mehrere Monate, um seine komplexe Spielweise zu verstehen.


Der typische Nagelsmann-Fußball richtet den Blick immer nach vorne. Seine Mannschaft benötigt Ballbesitz, kombiniert sich schnell und ansehnlich durch die gegnerischen Reihen und wagt viel Risiko im Pressing. In 136 Spielen als Cheftrainer der TSG Hoffenheim sorgt das für Spektakel, das Torverhältnis aus dieser Zeit steht bei 257:197. Unter seiner Leitung hat RB Leipzig in 26 Spielen bereits 70 Treffer erzielt, aber auch schon 32 kassiert - Tore auf Kosten der defensiven Stabilität.


Aber Nagelsmann ist auch ein Trainer, der das Talent von Spielern erkennt, dieses fördert und stetig weiterentwickelt. Niklas Süle, Kevin Vogt, Nico Schulz, Pavel Kaderabek, Sebastian Rudy, Kerem Demirbay, Joelinton und Timo Werner sind nur ein paar Beispiele. 


Nagelsmann, der Ehrgeizige


Neben all den fachlichen Qualitäten ist er auch für seinen unbändigen Ehrgeiz bekannt. "Diese Unentschieden gehen mir voll auf den Sack", wetterte er im November 2018, nachdem das Aus der TSG in der Gruppenphase der ​Champions League besiegelt war (zitiert via Frankfurter Rundschau). "Ich will immer gewinnen! Jedes Scheiß-Spiel will ich gewinnen, sogar Darts gegen meinen Analysten. Ich will alles gewinnen." 


Doch er wird lernen müssen, das Rad nicht zu überdrehen, Rückschläge gelassener zu nehmen; denn diese gehören im Leben dazu. Und wenn ein so junger Trainer wie er einen Klub wie Hoffenheim in die Königsklasse führt, mit dem ​FC Bayern und ​Borussia Dortmund in Verbindung gebracht wird, ja sogar einen Anruf von ​Real Madrid erhält, dann hat er schon viel bewirken können. 


Dass er das Angebot der Madrilenen ablehnte, begründete er im 11Freunde-Interview damit, dass er seinen Höhepunkt nicht schon in jungen Jahren erreichen wolle. Den ersten Meilenstein aber könnte er nach dem Ende dieser Spielzeit feiern, sollte ihm die Meisterschaft mit Leipzig gelingen.