​Der Fußball ist ein Teil unserer Gesellschaft. Das mag denen, die mit diesem Sport nichts zu tun haben (ja, die gibt's auch!) ein Dorn im Auge sein - ändert aber nichts an den Tatsachen. Und wie im "wahren" Leben auch, spiegeln sich auch im der Menschheit liebsten Sport gewisse soziale Entwicklungen. 


Wir stellen uns mal einen 18-jähriger Mensch in der heutigen Zeit vor, dem es vergönnt war, in einem stabilen Umfeld aufzuwachsen. Dieser Mensch plant sein Leben gefühlt viel zielstrebiger als noch in vorherigen Generationen. Zumindest kommt es mir so vor. Geleitet wird er dabei von Referenzen, die er über die Erziehung durch seine Eltern, sonstigen Verwandten, Schule, Freunde und Bekannte vermittelt bekommen hat.


Alles ist vorgezeichnet und durchorganisiert


Mit sechs ging es in die musikalische Frühtalent-Förderung, ein Jahr später musste "der Junge endlich in einen Sportverein", dann kamen schon die vorbereitenden Schritte fürs Gymnasium - und danach geht der Hassel für unseren imaginären 18-Jährigen ja erst richtig los. 


Schulabschluss, danach Bachelor, danach Master - und dann muss natürlich der tolle lukrative Job gefunden werden. Möglichst alles noch vor dem 25. Lebensjahr, denn bald darauf gilt es ja, eine Familie zu gründen. 


Bei Fußball-Spielern wird diese permanente Ausbildungs- und Vorbereitungs-Phase (auf was auch immer) noch stärker konzentriert, in kürzerer Zeit noch mehr verdichtet. Immerhin kann man dem Job des Profis ja auch nicht bis ins hohe Alter nachgehen (Ausnahmen wie jener 50-jährige Japaner, der immer noch in der ersten Liga seines Landes kickt, oder der 74-jährige Ägypter, der letzte Woche unter Vertrag genommen wurde, bestätigen die Regel). 


Entsprechend kann man heute beobachten, dass sich schon 17- oder 18-jährige Spieler so verhalten, wie es früher die 25- oder 30-Jährigen taten. Dem heeren Ziel, eine große Karriere als Fußballer hinzulegen, wird konsequenterweise alles untergeordnet. Dabei bleibt leider ein wenig die eigene Persönlichkeitsentwicklung auf der Strecke.


Hand ans Herz: Wann haben wir zuletzt ein wirklich erfrischendes, vom 08/15-Schema abweichendes Interview eines Jung-Fußballers gehört? Ich schon seit Jahren nicht mehr. 

Vielleicht sehe ich auch nur die falschen Interviews. 


Was wir heute von den Talenten (und denen, die diesem Status gerade erst entwachsen sind) hören, sind glattpolierte, stromlinienförmige Statements. Bloß nicht zuviel von sich preisgeben, bloß die richtigen Worte finden. Eine eigene Meinung zu haben, scheint mittlerweile im Zirkus Profi-Fußball eher die Ausnahme zu sein. Und so sehen wir eine ganze Generation von jungen Menschen, die nur ihre Karriere im Kopf haben, nicht nach links und rechts gucken, denn der Masterplan, der liegt geradewegs vor ihnen.


Ein, zwei Jahre hier spielen, sich für die nächsthöheren Aufgaben empfehlen - und dann die Biege machen. Zum nächsten großen Klub. Auch da: Der Blick schon auf die Dinge gerichtet, die erst in drei, vier Jahren wirklich spruchreif werden. 


Bereitschaft zu kämpfen und zu leiden sinkt


Und wehe, irgendein Trainer erlaubt sich die Frechheit, diesen Prozess zu stören oder zu verlangsamen. Das hat auch ​Julian Nagelsmann kürzlich in analytischer Schärfe bemängelt.

"Das ist ja ein aktueller Trend, dass jeder Spieler, der nicht Stammspieler ist, sofort immer weg will", sagte der Leipziger Trainer gegenüber dem kicker. Anlass für seine Kritik war eine Aussage seines Spielers Hannes Wolf, der über fehlende Einsatzzeiten bei den Sachsen klagte - und dann laut über einen möglichen Vereinswechsel nachdachte.


Dazu muss man wissen: Hannes Wolf ist erst im vergangenen Sommer zu RB gestoßen - und vor allem: Hannes Wolf ist gerade mal 20 Jahre alt!


Was erlauben Wolf?, könnte man fragen. So wie es sein Trainer, in diplomatischeren Worten, nun getan hat. In Nagelsmanns Augen müsse es für junge Spieler "eine Tugend sein, auch mal stetig an etwas dranzubleiben, auch wenn eine Phase in der Karriere nicht so gut verläuft." 


Doch dem ist nicht so. Leider. Wo sind sie bloß, die Rebellen, die Spieler, die vielleicht auch mal über die Stränge schlagen, aus dem Mannschaftsquartier ausbüchsen, um die nächstgelegene Dorf-Disko anzusteuern? Früher gab es sie. Aber früher gab es auch die Mario Baslers, die nach Spielende schnell hinter der Kabine verschwanden, um mal kurz eine Zigarette durchzuziehen. Oder die Nachtschwärmer, die auch gerne mal etwas angeschickert nach Hause (oder - unter Umgehung des heimischen Bettes - gleich zum Training) kamen. 


Heute ist alles in einem karriereversessenen Einheitsbrei verkommen. Dabei gehen die Jungs doch ihrem Hobby, ihrer Lieblingsbeschäftigung nach. Und bekommen auch noch richtig viel Kohle dafür. Wozu also dieser bierernste Tunnelblick, ohne Lächeln und Witz und Humor und Charme?


Man möge mich nicht falsch interpretieren: ich rede hier nicht den Drogensüchten oder schlechten Lebenswandeln das Wort - aber etwas mehr Gelassenheit, etwas mehr Geduld, etwas mehr Nonchalance im Umgang mit der eigenen Lebenszeit wären doch sehr zu wünschen. Und würden den Spielern vielleicht auch helfen, mit mehr Freude ihrem Beruf nachzugehen. Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur zu romantisch.