​Bei der Stürmersuche scheint es beim ​Hamburger SV einen kurzfristigen Kurswechsel gegeben zu haben. Nachdem Meldungen aufgekommen waren, nach denen der bisherige Kandidat Robert Bozenik erst seinen Berater gewechselt habe (um im zweiten Schritt womöglich auch dem HSV abzusagen), reagierte Jonas Boldt - und präsentierte mit ​Joel Pohjanpalo gleich eine neue Alternative. Der Finne ist dem HSV noch bestens aus leidtragender Erfahrung bekannt.


Und auf jenen Spieltag der Saison 2016/17, der vorletzten im Oberhaus des Dinos, lässt sich auch die ganze Bandbreite des Könnens des kraftvollen Stürmers konzentrieren. Denn was für den HSV damals nur ein weiterer Schritt auf seinem bitteren Gang in die Zweitklassigkeit war, der dann etwas mehr als eineinhalb Jahre später besiegelt war, war für den Finnen damals, an jenem sonnigen Septembernachmittag, so etwas wie der Höhepunkt seiner bisherigen Zeit bei Bayer Leverkusen. 


Hattrick gegen den HSV Pohjanpalos bisheriger Höhepunkt


Der HSV führte seinerzeit, etwas überraschend, lange mit 1:0 in der BayArena. Auch der damalige Torschütze der Rothosen, Bobby Wood (!), ruft heute nur noch ungläubiges Staunen bei der HSV-Fangemeinde hervor. Aber so war es damals. Bis zur 79. Minute. Dann köpfte Pohjanpalo, der erst sieben Minuten zuvor für Mehmedi eingewechselt worden war, das 1:1. Doch damit nicht genug. In der ersten Minute der Nachspielzeit drehte der Finne das Spiel komplett auf links. Diesmal mit einem satten Gewaltschuss in den Winkel. Und weil es so gut lief, ließ der Stürmer auch noch einen dritten Treffer (in der dritten Minute der Nachspielzeit) folgen.


Hattrick in einer Viertelstunde. Nach zwei Spieltagen hatte Pohjanpalo somit bereits viermal getroffen. (Am ersten Spieltag war er gegen Borussia Mönchengladbach erfolgreich). Wo also das Tor steht, weiß dieser Angreifer ganz offensichtlich. 


Immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen


Doch die Kehrseite der Medaille war bislang seine große Verletzungsanfälligkeit. Denn schon in besagter Spielzeit erlitt er drei Wochen nach seinem großen Auftritt gegen den HSV einen Mittelfußbruch und fiel erstmal für fast acht Wochen aus. In der Folge sorgten Oberschenkelprobleme (August 2017) und ein Muskelfaserriss (August/September 2017) dafür, dass er nie richtig in einen regelmäßigen Wettkampfmodus kam. Seine bisher schwerste Verletzung ereilte ihn im März 2018 (Sprunggelenk). 437 (!) Tage musste der Nordeuropäer passen. Und kaum hatte er den entsprechenden Trainingsrückstand wieder aufgeholt, erlitt er im November 2019 einen Innenbandabriss im Knie. Somit verlebte er im Grunde genommen fast zwei Jahre am Stück mehr im Krankenlager denn auf dem Spielfeld.


Das Engagement beim HSV ist somit für ihn auch eine Art Neubeginn. Und natürlich geht der HSV mit der Verpflichtung des 25-jährigen Stürmers dementsprechend ein gewisses Risiko ein. Andererseits gilt er seit einiger Zeit als beschwerdefrei und topfit. Und dies ist halt momentan das Regal, in dem sich der Dino bedienen muss. Entweder (relativ) unbekannte Talente (oder Versprechen) holen, die man schneller als die Konkurrenz entdeckt - oder Spieler, die eine gewisse Talsohle durchschritten haben, und einen neuen Anlauf wagen. Das ist das Profil der Neuzugänge, wenn sie denn aus Vereinen der Bundesliga oder vergleichbaren Ligen Europas kommen. Fitte, bisher selten verletzte und im besten Alter befindliche Spieler, die in ihren Klubs Leistungsträger sind, kann sich der HSV bis auf absehbare Zeit erstmal abschminken.


Stürmer-Typ, wie ihn der HSV nicht im Kader hat


Doch Pohjanpalo könnte tatsächlich die erhoffte Verstärkung werden - vorausgesetzt sein Körper spielt mit. Mit 1,84 Meter ist er noch nicht einmal besonders hochgewachsen (im Vergleich z.B. zum vorherigen Kandidaten Robert Bozenik, der ihn um vier Zentimeter überragt). Pohjanpalos Spiel ist kraftvoll und lebt von der Dynamik. Zwar auch technisch relativ versiert, ist er mehr der Typ Brecher (oder Stoßstürmer). Und genau ein solcher fehlt im aktuellen Kader der Norddeutschen. Lukas Hinterseer ist zwar mit 1,92 fast einen halben Kopf größer als Pohjanpalo, kommt aber in seinem ganzen Bewegungsablauf filigraner daher. Im HSV-Fan-Sprech könnte man es so formulieren: Pohjanpalo ist mehr Hrubesch als Hinterseer, der eher an Karsten Bäron erinnert. 


Wie gesagt: Immer unter der Prämisse, dass des Finnen Bänder und Muskel und Gelenke halten, hat der HSV eine gute Alternative zum bisherigen Stürmer-Personal gefunden. Zudem kennt er die Liga (für den VfR Aalen und Fortuna Düsseldorf bestritt er insgesamt 77 Spiele im Unterhaus) und die Sprache. Zwei Faktoren, bei denen man einem Robert Bozenik noch Zeit hätte geben müssen. In Anbetracht aller Umstände könnte man diesen Transfer somit fast als Coup bezeichnen.